Selbstverteidigung

◄ Die Selbstverteidigung ist heute ein großer Markt geworden, auf dem sich viele Anbieter tummeln und gleichsam eine ganze Selbstverteidigungs-Industrie betreiben. Hier wird alles geboten, vom Blitzkurs am Wochenende bis hin zur langjährigen Ausbildung. Es findet sich Selbstverteidigung für Kinder, Erwachsene und Alte. Häufig wird Selbstverteidigung aber nur gegen unbewaffnete Angreifer dargestellt, oder aber Selbstverteidigung wird gleich unter dem Gesichtspunkt des Schußwaffengebrauchs gelehrt.

• Leider ist eine Zunahme von Gewalttaten mit dem Messer oder stumpfen Schlagwaffen zu beobachten. Wo früher der Tritt und die Faust zulangten, da wird nunmehr leider schon das Messer gezogen oder der Baseball-Schläger zur Hand genommen. Mitleid wird auf der Straße (und grausamer Weise auch Daheim) als Schwäche ausgelegt.

• Kurzum, wir bekommen durch die Verrohung der Gesellschaft durch die Fernseh-Zuschaukultur, mangelhafte Erziehung zu Spaß ohne Pflichten und eine lückenhafte Bildung, welche das Tauschmittel Geld als einzigen wahren Stellenwert offenbart, wortwörtlich wieder Zustände wie im Mittelalter.

• Gerade diese Art von Auseinandersetzungen mit Nicht-Schußwaffen übt eigentlich nur die Polizei mehr oder minder ernsthaft ein. Selbstverteidigung heute ist aber im Allgemeinen eher ein Auszug aus dem Ringen, welcher vor allem den Faustkampf preist. Was aber gegen die wirklich üblen Übergriffe ausrichten, wenn Hieb- Stich- und Schnittwaffen gezogen werden?

• Das Historische Fechten ist wegen seiner Ausrichtung auf das Verletzen und Töten des Gegners im Erstschlag nicht unbedingt geeignet, um sich im modernen Leben im Deutschland unserer Tage selber gesetzestreu zu verteidigen. Wir leben unter der staatlichen Vorgabe der Deeskalation, was an sich ein hehrer Ansatz ist. In echten Leben kommen leider oft die Täter besser weg als die Opfer. Außerdem führt nicht jeder Historische Fechter beständig Blankwaffen bei sich. Das Historische Ringen ist ebenfalls nur bedingt zur angemessenen Selbstverteidigung geeignet, denn um es beherrschen benötigt man eine gediegene Ausbildung, welche viel Zeit und noch mehr Schweiß kostet.

• Manch einer mag sich über den folgenden Ansatz wundern oder ihn für vollkommen überzogen halten. Solchen sicher ehrenhaften und aufrichtigen Menschen empfehle ich einen Blick in die Polizei-Statistiken. Wieder andere mögen sich fragen, was denn dieser Beitrag mit dem Historischen Fechten zu tun hat? Das Interessante dabei ist, daß Buckler und Schwert (oder langes Messer) im Spätmittelalter offenbar aus genau demselben Zwecke wie das von mir angeführte Paar kleiner Stahlbuckler und Teleskopschlagstock große Verbreitung fanden: Nämlich für die Notwehr der einfachen Leute im Alltag.

Teleskopschlagstock und kleiner Stahlbuckler

◄ Meine Sicht der Dinge zum Gesichtspunkt Notwehr lautet: Teleskopschlagstock und kleiner Stahlbuckler. Beide sind keine verbotenen Waffen in Deutschland. Beide sind leicht genug, um auch von körperlich Schwächeren mit Erfolg angewendet zu werden. Zusammen eingesetzt kann ich mich mit Teleskopschlagstock und kleinem Stahlbuckler wirksam gegen die allermeisten Angriffe und auch Schußwaffen verteidigen, vor allem, wenn der Gegner nur mit einer Hand gegen mich kämpft. Waffenlose Angriffe sind gegen den Teleskopschlagstock und den kleinen Stahlbuckler fast aussichtslos, auch wenn ich eine Frau bin, die von einem Manne angegriffen wird.

• Der Teleskopschlagstock und der kleiner Stahlbuckler sind leicht im Auto unterzubringen. Wegen des neuen Waffengesetzes (siehe Nachtrag) darf der Teleskopschlagstock nicht am Körper geführt werden. Er muß also in einem geschlossenen Behältnis getragen werden, wie einem Koffer (Aktenkoffer) oder einer geschlossenen Handtasche oder Sporttasche. Der Buckler ist technisch eine Hieb- und Stoßwaffe, unterliegt aber nicht dem Führungsverbot wie der Teleskopschlagstock.

• Eine wirksame Selbstverteidigung muß drei Stufen unterscheiden: Erstens die Warnung. Zweitens die aufhaltende Gewalt. Drittens die kampfentscheidende Gewalt. Diese letzte Stufe ist gemeinhin nur eine Drohung. Aber ab einem bestimmten Maß an Gewalt, welche gegenwärtig und gesetzeswidrig gegen mit gerichtet wird, muß ich in Notwehr auch zum letzten Strenge greifen.

Die erste Stufe: die Warnung

◄ In der ersten Stufe der Selbstverteidigung warne ich einen möglichen Gewalttäter mehrfach laut und deutlich, daß er von mir weichen soll, daß er sich nicht weiter nähern soll und daß ich nicht mit ihm kämpfen möchte. Hierbei kann ich auch etwas rückwärtsgehen. Wichtig ist, daß etwaige Zeugen anhand meiner deutlichen Laut- und Körpersprache klar erkennen können, daß ich keine Gewaltmittel freiwillig einsetze. Ich werde durch einen gegenwärtigen und rechtswidrigen Übergriff gegen mich dazu gezwungen. Ich kann auch andere Menschen gegen Übergriffe schützen, wenn es sein muß (Notstand).

• In der ersten Stufe der Selbstverteidigung kann ich den Teleskopschlagstock und den kleinen Stahlbuckler verdeckt und eng am Leibe tragen. Ich muß beide erst wirklich freisetzen, wenn der Gewalttäter sich mir auf etwa zwei Schritte nähert. Ich darf aber nicht, zu keiner Zeit, den Gegner näher als etwa zwei Schritte an mich heranlassen.

• Gefährliche Gegner werden versuchen diese Entfernung zu unterlaufen, auch unter der Zuhilfenahme vom Täuschungen und Listen. Wenn nötig, dann schreie ich einen Angreifer so laut ich kann an, daß er nicht weiter vordringen soll, und schlage sofort zu, wenn er weiter auf mich eindringt (dies ist aber schon die zweite Stufe der Selbstverteidigung).

Die zweite Stufe: aufhaltende Gewalt

◄ In der zweiten Stufe der Selbstverteidigung setzte ich aufhaltende Gewalt ein, um mein Leib und Leben vor gegenwärtigen und gesetzwidrigen Angriffen zu schützen. Ich setzte keine Schläge zum Kopfe ein, unter keinen Umständen. Ich schlage mit dem Teleskopschlagstock auf die auf die Ober- und Unterarme, die Schienenbeine und Oberschenkel, die Schlüsselbeine und Rippen unter den Achselhöhlen. Mit dem Stahlbuckler kann ich auch schlagen, vor allem gegen hervorstoßende Fäuste, die Messer- oder Pistolenhand sowie auf zutretende Füße oder Beine. Dazu benutze ich den Schildbuckel, ich schlage nicht mit dem Schildrand zu.

• Alle Schläge sind im Rückwärtsgehen besonders sicher für mich. Der Gegner drängt vor, kann mich nicht erreichen und wird von mir geschlagen. Im Rückwärtsgehen habe ich auch den zeitlichen Vorteil, den ich brauche, wenn der Gegner den ersten Angriff ausführt und damit den Kampf eröffnet. Außerdem wird das Schlagen im Rückwärtsgehen später vor Gericht wichtig sein. Gegen die Pistole muss ich leider vorgehen, was nur für Geübte zu empfehlen ist.

• Die Schläge zu den Armen und Beinen können auf zweierlei Art sicher ausgeführt werden: Erstens, ich trete beim Hau von der Linie, biete also dem Gegner ein vermindertes Ziel. Zweitens, ich nehme mit dem Buckler den Hau oder Tritt des Gegners auf und schlage ihm gleichzeitig mit meinem Teleskopschlagstock in den Arm oder das Bein. Dabei trete ich nach der Fühlungsnahme durch den Druck des Gegners von der Linie. Diese beiden Vorgehensweisen entsprechen dem Vor und dem Nach des Historischen Fechtens.

• Alle Verletzungen, welche ich in der zweiten Stufe der Selbstverteidigung dem Angreifer zufüge, sollten in starken Prellungen oder in Knochenbrücken münden, welche heilbar sind. Habe ich aufhaltende Gewalt gegen einen Angreifer eingesetzt, so bin ich danach zur Ersten Hilfe verpflichtet, wenn die Umstände es mir zumuten können.

• Für spätere Verhandlungen vor Gericht ist es wichtig, daß ich möglichst nicht den ersten Schlag ausführte, daß ich mich klar und deutlich als nicht zum Kampfe willig darstelle und daß ich, wenn möglich, rückwärts gehe oder zu fliehen versuche, wenn ich alleine bin. Will mich der Gegner unterlaufen, dann muß später vor Gericht leider alleine schon diese Annäherung ausreichen. Gefährliche Gegner tragen ihre Waffen oft verdeckt, um sie so überraschender aus nächster Nähe einzusetzen. Hier kann mir vor Gericht nur das Tragen von Waffen seitens des Gegners helfen, was am besten von Beamten der Polizei festgestellt werden sollte.

• Die große Schwierigkeit vor Gericht wird aber darin liegen einem Richter glaubhaft nachzuweisen, daß man sich nicht mit dem Vorsatz der Gewaltausübung bewaffnete (was völlig sinnfrei ist, denn wozu trägt man sonst Waffen?). Dies gilt leider auch für die Notwehr. Ein Eigenschutz von Leib und Leben hat in der Regel vor deutschen Gerichten keinen hohen Stellenwert (Deeskalation). Verbrechern wird aber vor dem deutschen Gesetz der Waffengebrauch zugestanden.

• Zieht aber ein Gewalttäter offen seine Waffe und droht mir unverhohlen mit Schmerz und Tod („ich mach dich Krankenhaus“), dann sollte ich eine gute Aussicht auf einen Sieg vor Gericht haben.

• Jeder Fachmann wird bestätigen, daß die Verteidigung gegen Hieb-, Stich- und Schnittwaffen ohne eigene Waffen kaum möglich ist. Auch können sich zierliche Mädchen in der Regel nicht erfolgreich gegen starke Männer verteidigen. Wird ein Opfer von vielen Gewalttätern angefallen, dann wird eine Gegenwehr zumeist eher spärlich ausfallen. Selbstmord-Kampfkunstlehrer mögen da andere Inhalte lehren, ich selber würde auf den glücklichen Zufall nicht vertrauen. Nur wenige, langjährig geschulte Kampfkünster können sich solchen Gefahren stellen und mit einem blauen Auge davonkommen.

• Um die gesetzmäßige Schwäche des Vorsatzes auszugleichen empfehlen Fachleute sich im Ernstfall mit Alltagsgegenständen zu bewaffnen (Kugelschreiber, Schlüsselbund, Regenschirme). Ich halte dies für Ungeübte für Unfug, da ich mit meinen Waffen ausreichend trainiert haben muß, um sie zur Verteidigung wirksam einsetzen zu können. Auch sind oft auch keine geeigneten Gegenstände vorhanden, wenn es ernst wird. Endlich muß sich einjeder selber vor Augen halten, was im lieber ist: Mögliche strafrechtliche Folgen oder Verstümmlung oder Tod der eigenen Person oder seiner Lieben.

Die dritte Stufe: die kampfentscheidende Gewalt

◄ In der dritten Stufe der Selbstverteidigung setzte ich kampfentscheidende Gewalt ein, um mein Leib und Leben vor gegenwärtigen und gesetzwidrigen Angriffen zu schützen. Kampfentscheidende Gewalt setzte ich vor allem gegen Blankwaffen wie Messer, Dolche, Macheten und Faustdolche (eine verbotene Waffe) ein, aber auch gegen sehr gefährliche Schlagwaffen wie den Totschläger (eine verbotene Waffe) oder andere Flegelwaffen (welche verboten sind). Gegen Schußwaffen setzte ich immer kampfentscheidende Gewalt ein, denn es ist nicht leicht zwischen einer Gaspistole und einer scharf geladenen Pistole zu unterscheiden. Der Buckler kann mich zwar nicht vor einem Geschoß schützen, doch kann er, wenn ich ihn geschrägt vor den Lauf bringe, möglicher Weise ein Geschoß etwas aus der Bahn werfen. Eine Gasladung kann abgelenkt werden, so daß mich nicht ihr Druck aus nächster nähe trifft. In der Regel werden Schußwaffen, mit denen ich angegriffen werden, Faustwaffen sein. Viele haben kleine Kaliber und recht schwache Geschoßenergien. Der kleine Buckler ist aus 2mm Stahl. Dies ist aber nur eine letzte Hoffnung. Besser ist es immer, den Schützen vor einem Schuß zu erreichen.

• Meine Schläge gehen zum Kopfe und zum Halse. Ich kann auch auf Ellbogen, Knie oder kurze Rippen schlagen, wenn ich absehen kann, daß ich die Lage beherrsche. Am Kopfe sind Schläfe, Ohr und Nacken gute Ziele. Doch auch einfache Schläge auf das Schädeldach haben eine ausreichende Wirkung. Gegen den Waffenarm schlage ich mit dem Teleskopschlagstock nur, wenn ich kein besseres Ziel in Reichweite habe, denn zumeist kann ich mit dem Buckler zuschlagen, auch mit dem Schildrand, und zugleich mit dem Teleskopschlagstock ein besseres Ziel angreifen.

• Kampfentscheidende Gewalt setze ich besser im Vorgehen ein, vor allem, wenn der Gegner versucht eine Schußwaffe einzusetzen. Dabei mache ich einen Schritt zur Seite von der Linie. Schläge im Rückwärtsgehen verschaffen mir immer einen zeitlichen Vorteil. Ich muß beim Einsatz von kampfentscheidender Gewalt aber immer davon ausgehen, daß der Gegner zu einer Schußwaffe greift. Jede Verlängerung des Kampfes ist also für mich gefährlich.

• Habe ich kampfentscheidende Gewalt gegen einen Angreifer eingesetzt, so bin ich danach zur Ersten Hilfe verpflichtet, wenn die Umstände es mir zumuten können. In der Regel bin ich als Nicht-Mediziner nicht dazu in der Lage abzuschätzen, ob der Gegner nun tot ist oder nur bewußtlos, wenn auch schwer verletzt. Sicher gibt es Wunden, die nicht mit dem Leben vereinbar sind, doch werde ich mit dem stumpfen Teleskopschlagstock und dem Buckler zumeist nicht eine solche Waffenwirkung entfalten.

Nachtrag

◄ Das neue deutsche Waffengesetz verbietet gesetzestreuen Bürgern das Führen von Hieb- und Stoßwaffen, also auch Buckler und Teleskopschlagstock. Das ist recht bedauerlich, denn das Führen von Messern mit fest stehenden Klinge bis 12cm ist wiederum erlaubt. Ich lehne aber Messer für die Selbstverteidigung für Ungeübte ab, weil ich mit ihnen fast nur tödliche Gewalt ausüben kann. Eine Warnung mit einem Messer ist kaum möglich, wer es zieht, der will in der Regel töten und macht dies auch nach außen deutlich. Das steht im klaren Gegensatz zum Gedanken der rechtlich vertretbaren Notwehr, denn die gerichtlich wichtige Phase der Verwarunung entfällt und nichttödliche Gewalt ist kaum zu erwarten. Rein rechtlich darf ich in Notwehr jeden und alles töten, aber vor Gericht muss ich die Notwehr auch beweisen können – wenn es Zeugen gibt. Die letzte Frage aber ist die des Gewissens – ich lehne es ab zu töten.

• Die Selbstverteidigung soll ja nicht Bürgerkriegscharakter gewinnen, es gilt lediglich Leib und Leben vor gegenwärtigen und rechtswidrigen Übergriffen zu verteidigen. Dennoch ist diese tödliche Anordnung vollkommen erlaubt, wenn man sich den „kleinen Waffenschein“ besorgt: Gaspistole und feststehendes Messer bis 12cm Klingenlänge. Die Anwendung ist denkbar einfach: Gasschüsse aus ein bis zwei Metern ist das Gesicht, Nachfolgen mit der scharfen Klinge, um den Kampf zu beenden. Aber ist das noch Selbstverteidigung? Die Gaspistole kann man auch gegen Pfefferspray austauschen (welches kaum nachvollziehbar nur gegen Tiere benutzt werden darf).

• Das neue Waffengesetz ist leider weithin sinnfrei: Es dürfen Schlagstöcke in Taschenlampenform (Magical Light, Tactical Light) geführt werden. Der gute alte Spazierstock (mit eiserner Pickelspitze) ist ebenfalls erlaubt. Beide sind gute Alternativen zum Teleskopschlagstock, und beide haben eine größere Schlagwirkung, vom Stich mit dem Spazierstock ganz zu schweigen. Auch darf ich weiterhin den Teleskopschlagstock in einem geschlossenen Behältnis transporierten (Auto, Koffer, geschlossene Tasche), wie ich es weiter oben anführte, was die Verwendung in der Selbstverteidigung aber naturgemäß einschränkt. Der Buckler unterliegt nicht dem Führungsverbot, muss aber als Hieb- und Stoßwaffe ebenfalls in einem geschlossenen Behältnis getragen werden

► Frankfurt am Main, 2017, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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