Grundfragen

Grundfragen zum Ringen

RINGEN (NACH JOHANNES LIECHTENAUER, QUELLEN VON 1389, UND ANDRE LIGNITZER, QUELLE VON 1452)

◄ Das Ringen ist wahrscheinlich die älteste Kampfkunst der Welt. Das Ringen, das Kämpfen mit dem gesamten Körper, ist kein Sportkampf sondern kriegerischer Nahkampf. Den Begriff „Selbstverteidigung“ im modernen Wortsinn gab es in alten Zeiten nicht. Damals war die Schwelle zum Gewaltmittel deutlich geringer als heute angesetzt – vor allem beim Waffengebrauch, denn Waffen wurden täglich getragen. Anders als in der heutigen Zeit, in welcher das Raufen im Faustkampf die allgemein anerkannte Art des Nahkampfes darstellt, ist im Ringen der Faustkampf eher nebensächlich. Auch nehmen Tritte, bei uns jetzt durch asiatische Kampfkünste verbreitet, nicht den heute anmutenden Stellenwert ein. Der Grund ist in moderner Zeit nicht so leicht nachzuvollziehen: In der Vergangenheit war Ringen weniger waffenloser Nahkampf als vielmehr der Kampf unbewaffnet gegen einen Angreifer mit Blankwaffe. Das war die wirkliche Aufgabe des Ringen und deswegen wird in unseren Quellen so nahe an den Gegner herangegangen.

• Im Ringen wird entgegen vieler heutiger Vorstellungen die meiste Zeit im Stande gekämpft, es wird sich nicht sich am Boden gewälzt. Auf dem Boden haben ich gegen einen Angreifer mit Blankwaffe keine Aussicht auf Überleben. Auch nimmt die Fallschule, welche wir heute aus dem modernen Ringen und vielen asiatischen Kampfkünsten kennen im Historischen Ringen keinen so großen Raum ein. Das Wichtigste im Ringen ist Gegners Blankwaffe nicht an meinen Körper gelangen zu lassen.

• Das Ringen wurde früher als Grundlage für das Fechten angesehen, es war und ist die Vorraussetzung für den Waffenkampf. Ohne ein gutes Verständnis des Ringens werden alle Waffenlehren dauerhaft lückenhaft bleiben. Entwaffnung und dann folgendes Ringen ist für jeden Fechter eine allzeit drohende Gefahr. Einlaufen und Ringen wird in alle Fechtlehren gelhert. Deswegen gilt das Ringen als ernst zu nehmende Kampfkunst. Es ist jedoch ein Fehler anzunehmen, daß nur große und starke Männer das Ringen erlernen könnten. Ringen kann jeder, Mann oder Frau, wenn der nötige Kampfeswillen aufgebracht wird und sich ausreichende Übung angeeignet wurde.

• Dem Ringen kommt beim Historischen Fechten ein besonderer Stellenwert zu, stellt es doch so etwas wie das Sinnbild des Kampfes an sich dar. Nirgends treten die Gesetzmäßigkeiten der Kampfkunst so offen zutage wie beim Ringen. Nicht von ungefähr mag in Johannes Liechtenauers Vorrede zum Bloßfechten (GNM 3227a, Seite 18R) das Ringen an erster Stelle genannt worden sein: „Ringens gut fesser / glefney sper swert unde messer“. Und wie heißt es doch auf Seite 86r im selben Werke: „Und wisse das alle hoebischeit kompt von deme ringen und alle fechten komen ursachlich und gruntlich vom ringen“.

• Dennoch führt das Ringen heute aus meiner Sicht ein etwas kümmerliches Leben im Historischen Fechten. Dieser Verhalt liegt mit Sicherheit in dem hohen Anspruch begründet, welche der Ringkampf an den Kämpfer stellt. Vergessen wir nicht: Beim Fechten mit Waffen habe ich immer eine gesteigerte Reichweite und Schadenswirkung als mit dem bloßem Leibe. Auch treten bei den meisten Waffen die beiden Größen Körpergewicht und Körpergröße nicht so stark in Erscheinung, wie sie es beim Ringen tun. Deswegen scheuen viele Historischen Fechter das Ringen, weil sie glauben, daß sie im Ringen niemals gegen einen körperlich überlegenen Gegner bestehen können. Diese Ansicht ist falsch. Denn Ringen ist eine Kunst, bei der auch andere Eigenschaften als bloße Leibeskraft und Körpermasse zählen. Im Ringen gewärtigt, wie in allen anderen Kampfkünsten, zuerst einmal das Können den Sieg.

• Letztlich besitzt aber alles Fechten ein großes Wesensmerkmal, welches es vom Ringen stark abhebt: Der Bindungspunkt der Waffen entspricht nicht dem gefühlten Ansatzpunkt einer Kraft, welcher zumeist an den Händen, aber zuweilen auch am Leibe liegt. Beim Ringen liegen dafür aber zumeist drei Kontaktpunkte mit dem Gegner an – dies macht das Fühlen im Ringen schwerer als im Fechten. Waffen geben mir mehr Abstand zu Gegner, körperlich, gefühlsmäßig und geistig. Deswegen sind Waffen auch sehr gefährlich, auch für mich als den Führenden, denn sie erleichtern mit diesem Abstand das Töten.

• Bei Schußwaffen wird dieser Abstand nochmals um einen Schritt vergrößert. Beim Bombenwurf aus dem Flugzeug ist dieser Abstand schon so groß, daß ich fast gar nicht mehr körperlich, gefühlsmäßig und geistig an dem Tun des Tötens beteiligt zu sein scheine. Beim Ringen hingegen befinde ich mich sofort auf Tuchfühlung, auf einer sehr nahen, unmittelbar menschlichen Nähe, welche der Angst einen viel größeren Raum ermöglicht und der Entmenschlichung des Gegner entgegenwirkt. Deswegen ist Ringen für mich die ursächlichste Form der Kampfkunst.

WAS IST HISTORISCHES RINGEN?

◄ Historisches Ringen ist nicht einfach ein „Gong Fu“ des Mittelalters oder eine abgewandelte Form des modernen griechisch-römischen Ringens, sondern es stellt die Pflege und Anwendung überlieferter alter Kampfkünste dar. Es gilt nicht das Rad neu zu erfinden oder als „Meister“ mit allerlei Blendwerk seinem eigenen Größenwahn Rechnung zu tragen. Es ist auch nicht nötig aus heutigen modernen Kampfkünsten das Historische Ringen „aufzumöbeln“. Wozu auch?

• Historisches Ringen ist, um es kurz zu sagen, gewalttätig und wirksam. Es ist aber nur noch in Wort und Bild erhalten, jede lückenlose Überlieferung ist in den vergangenen Jahrhunderten erloschen. Dieser Umstand ist beim Historischen Ringen Hoffnung und Gefahr zugleich. Als Hoffnung kann angesehen werden, daß durch die hervorragende Quellenlage einer Wiedergeburt des Historischen Ringens wenig im Wege steht. Als Gefahr muß genannt werden, daß zahlreiche Fehldeutungen der Quellen das Historische Ringen auf Abwege führen mögen, von denen es so rasch keine Umkehr mehr gibt.

• Das Historische Ringen beschreibt einen sehr großen Raum, welcher vielerlei Techniken und Herangehensweisen enthält. Durch die Vielfalt an Möglichkeiten beim Ringen (vier Glieder und der Rumpf) ist jedes Stück im Ringen recht breit aufgestellt, wenn man es ernsthaft betrachtet. Im Historischen Ringen wird jedoch immer eine Lehre beschrieben, die zumeist in sogenannten Stücken daher gebracht wird. Es muß also die Lehre verstanden und ausgelegt werden und in den Stücken zur Anwendung gelangen.

• Dies sind zwei voneinander getrennte Arbeitsschritte, welche unterschiedliche Anforderungen an den Historischen Ringer stellen. Beide sind gleich wichtig. Denn jede ernstzunehmende Kampfkunst besteht aus Lehre und Anwendung. Einfaches Sammeln von Stücken oder Techniken, wie es heuer leider weit verbreitet ist, kann nicht als ausreichend angesehen werden. Daraus ergibt sich kein Bewußtsein für die Kampfkunst. Diesen beiden Handlungsansätzen, Lehre und Anwendung, gleichermaßen gerecht zu werden ist unsere Aufgabe beim Historischen Ringen. Möge es uns gelingen.

►► Frankfurt am Main, 2008, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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