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Prinzip Liechtenauer

Das Prinzip Liechtenauer

Das Prinzip Liechtenauer

◄ Dies sind meine Gedanken zur Fechtkunst von Johannes Liechtenauer. Ich möchte versuchen, diese Fechtkunst von Johannes Liechtenauer auf ein Prinzip zu reduzieren, eben das Prinzip Liechtenauer. Es ist mir wichtig, daß der Leser versteht, daß im Historischen Fechten die Auslegung auf Forschung beruht, also keine absolute Wahrheit darstellt. Dies ist mir um so wichtiger, als daß ja verschiedene Auslegungen zur Fechtkunst von Johannes Liechtenauer vorliegen. Der geneigte Leser möge also immer in Erinnerung behalten, daß meine Forschung meine Meinung darstellt, so viel und so wenig.

• Der Lehre vom Langen Schwert kommt in den Fechtbüchern des 15. Jahrhunderts ein besonderer Stellenwert zu. Das Lange Schwert wird als Übungswaffe verwendet, an dem sich für den Lernenden die Grundlagen und Prinzipien des Fechtens darstellen lassen. Für gute 200 Jahre ist dabei die Lehre von Johannes Liechtenauer tonangebend. Johannes Liechtenauers Lehre blieb uns in zwei unterschiedlichen Überlieferungen erhalten, ich nenne sie die Erste und Zweite Überlieferung.

• Die Erste Überlieferung ist für mich das 1389 datierte GNM 3227a. Diese Quelle beschreibt vor Allem die Lehre des Langen Schwertes in großer Genauigkeit. Keine andere Quelle ist wahrscheinlich zeitlich so nahe an den Lebensjahren von Johannes Liechtenauer, keine andere Quelle beschreibt so vollständig das Fechten mit dem langen Schwerte und die Fünf Wörter. Die Fünf Wörter finden sich historisch nicht vor dem GNM 3227a, ich halte die Fünf Wörter für die eigentliche Leistung Johannes Liechtenauers und sein größten Verdienst. Die gesamte Fechtlehre auf ein kategorisches Konzept zu gründen, daß völlig technikfrei ist, ist eine Meisterleistung, die noch bis heute nachwirkt.

• Die Zweite Überlieferung beginnt für uns historisch mit dem „Gotha“ von Hans Talhoffer. Wobei das „Gotha“ auf 1443 datiert ist, der Zettel mit der Lehre von Johannes Liechtenauers in dem Werk auf 1448. Alle anderen Fechtbücher nach 1448 lassen sich, wenn sie Johannes Liechtenauers Lehre beinhalten, auf die Zweite Überlieferung zurückführen, auch Plagiate wie Hans Lecküchner. Die Zweite Überlieferung ist möglicher Weise auf den Fechtmeister Stettner (den Paulus Kal als seinen Lehrer nennt) zurückzuführen, denn sie weicht in der Lehre des langen Schwertes entscheidend von der Lehre Johannes Liechtenauers ab. Ich führe diese Abweichungen auf eine Veränderung des Fechtens zurück, welches in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts noch einen adelig-ritterlichen Hintergrund hatte (der große Bruch, das „Ende des Rittertums“ erfolgt etwa um 1380). Im 15. Jahrhundert zeichnet sich immer mehr ein bürgerlich-wehrertüchtigender Hintergrund ab. Aus dem Langen Schwert wird immer mehr ein leichteres Sportgerät, welches ich die Schulfeder nenne und der Historismus „Fechtfeder“ genannt hat. Das Lange Schwert Stettners, am bekanntesten im 44A8 von 1452 niedergelegt, hat diese Übungswaffe zum Inhalt, die Schulfeder. Peter Falkner und Hans Talhoffer waren nachweislich Mitglieder der Marxbrüder. Es ist möglich, daß die Schulfeder, nebst dem bürgerlichen Fechten und dem „Schul halten“ als Einnahmequelle durch öffentliche Auftritte und Schaustellerei, mit der Entstehung der Marxbrüder einhergeht. Die würde die Entwicklung der Schulfeder als Sportgerät aus dem Langen Schwert stützen.

• Obschon die Zweite Überlieferung der Lehre von Johannes Liechtenauer historisch mit Hans Talhoffer beginnt, nimmt Hans Talhoffer innerhalb der Zweiten Überlieferung eine Sonderstellung ein. Das Werk von Hans Talhoffer von 1443 bis 1467 enthält durchgängig Fechten mit dem Langen Schwert, die Schulfeder des 44A8 sucht man bei ihm vergebens. Auch ist Hans Talhoffer ganz klar ein Rezipient der Lehre von Johannes Liechtenauers, alle Stücke von Hans Talhoffer kann man technisch auf Johannes Liechtenauer zurück führen. Die Fechtlehren von Johannes Liechtenauer und Hans Talhoffer unterscheiden sich vordergründig, letztlich verwenden sie aber nur das Prinzip der Fünf Wörter anders.

• Dennoch hat sich Hans Talhoffer durchaus von der Lehre von Johannes Liechtenauer distanziert, der Twerhau, der Schielhau und der Scheitelhau kommen bei Hans Talhoffer so gut wie gar nicht vor, er zeigt nur in aller Kürze Brüche gegen diese Haue. Johannes Liechtenauers Ansichten zum Krumphau, Twerhau, Schielhau und Scheitelhau faßt Hans Talhoffer mit dem Sturzhau zu einem Bewegungsansatz zusammen. Auf der anderen Seite ist es nur Hans Talhoffer, der meiner Meinung nach im 15. Jahrhundert den Krumphau im „München“ 1467 im Sinne von Johannes Liechtenauer aus dem 14. Jahrhundert auslegt – alle anderen Auslegungen der Zweiten Überlieferung scheitern schon am Krumphau und widersprechen dem Text des GNM 3227a aus dem 14. Jahrhundert.

• Was Hans Talhoffer und Johannes Liechtenauer am meisten unterscheidet ist ihre Art der Vermittlung der Lehre, nicht aber die Lehre selber. Hans Talhoffer will ganz klar die Fechtlehre an Fallbeispielen vermitteln, welche der Schüler durch das Erlernen und Anwenden zu einer Lehre vereinigt. Dies setzt großes persönliches Können voraus, denn es kommt mehr auf das Fühlen im Augenblick an, als auf das Auswendiglernen von Techniken. Johannes Liechtenauer stellt die gesamte Fechtlehre, mit allen Waffen und waffenlos, auf eine gemeinsame kategorische Grundlage. Die Grundlage wird erklärt und – in historischen Zeiten – wohl von ihm unterrichtet und korrigiert. Dazu verwendet Johannes Liechtenauer ein Prinzip. Dies setzt tiefes persönliches Verstehen voraus, denn es kommt weniger auf Technik an als auf das Prinzip. In diesem Beitrag möchte ich das „Prinzip Liechtenauer“ herausarbeiten, also die theoretische Grundlage von Johannes Liechtenauers betrachten.

Die Grundideen Liechtenauers

◄ Die Grundidee Johannes Liechtenauers ist es das Fechten mit dem Langen Schwert auf eine möglichst überschaubare theoretische Basis zu gründen. Diese Basis sind in seiner Lehre die Vier Huten und Vier Hengen. Die Fünf Haue dienen im Zufechten der Kontaktaufnahme, sei es das Band oder der Ersttreffer. Das Steuerungselement Liechtenauers sind die Fünf Wörter. Dazu muß in aller Deutlichkeit bemerkt werden, daß Johannes Liechtenauers Lehre in verdeckter Rede überliefert wurde. Johannes Liechtenauer hat also historisch eine Reihe von Tarnmaßnahmen angewendet, damit nicht jeder seine Lehre verstehen kann. In der ersten uns historisch überlieferten Quelle, die ihn zitiert, das GNM 3227a, finden wir wenige Schwierigkeiten des Verfassers, mit dieser Kodierung umzugehen. Im 15. Jahrhundert, wie etwa im 44A8 von 1452, ist dieser Umstand schmerzlich spürbar. Der Verfasser des 44A8 erwähnt sogar die Kodierung, und es gibt massive Unterschiede in der Auslegung der Fechtlehre (deswegen unterscheide ich Liechtenauers Lehre in die Erste und Zweite Überlieferung). Das allseits bekannte Bildnis im 44A8 zeigt meiner Meinung auch Stettner, möglicher Weise der Begründer der Zweiten Überlieferung, und nicht Johannes Liechtenauer – aus dem 14. Jahrhundert sind uns keine Schulfedern bekannt, aus dem 15. Jahrhundert schon, und das Bildnis im 44A8 zeigt eher eine Schulfeder als ein langes Schwert.

• Das Fechten generell stellt den Menschen vor eine Reihe von großen Problemen. Das menschliche Gehirn bekommt ständig eine viel zu große Datenmenge durch die Sinne präsentiert. Um diese Datenmenge einigermaßen vernünftig handhaben zu können wendet das Gehirn eine Reihe von Filtern an. Dieser Vorgang ist als latente Inhibition (ein Sinnesreiz, der zuverlässig keine Reaktion nach sich zieht) bekannt. Das Gehirn erfaßt durch die Sinne den Vorgang, stellt ihm aber durch die Filterung keine Wichtigkeit bei und verhindert eine Reaktion. Nur so können wir Menschen die Leistungen unserer Sinne geistig gesund ertragen. Geübte Fechter schlagen oft die ungeübten Fechtern in einem Herzschlag – die ungeübten Fechter haben durch die latente Inhibition nicht einmal wahrgenommen, in welcher Gefahr sie sich gerade befanden und das sie jetzt auch geschlagen wurden.

• Desweiteren wird Angst und Panik die Wahrnehmung, und vor Allem die abrufbaren Fähigkeiten des Menschen, massiv reduzieren. Wir lesen im GNM 3227a häufig Hinweise zur Psychologie, die ein angstfreies Fechten fordern. Nur angstfrei kann ein Fechter mit fast 100 Prozent seiner Leistungsfähigkeit handeln.

• Johannes Liechtenauers Fünf Wörter stellen, mit Aristoteles, einen kategorischen Ansatz dar, der alle anstehenden Entscheidungen im Gefecht auf eine kybernetisch möglichst kleine Auswahl zu reduziert – an anderer Stelle auf dieser Webseite habe ich die Fünf Wörter gründlicher beleuchtet. Das Kategorische Denken bedingt das Formulieren von Ebenen, in denen sich Gegensätze ereignen. Diese Art zu Denken ist zuerst einmal vollkommen frei von Emotionen. In aller Kürze formuliert: Johannes Liechtenauers Prinzip soll drei wesentliche Eigenschaften, die in der Kampfkunst zum Überleben wichtig sind, hervorbringen:

  1. Taktische Vorgänge nicht durch die latente Inhibition ausfiltern.
  2. Das Erlernen von bedingten Reaktionen. Ein Reiz, der zuvor durch die latente Inhibition keine Reaktion auslöste, wird durch Konditionierung jetzt eine Reaktion auslösen. Aber taktisch möglichst wenige Reize, die uns alle Vorgänge im Gefecht wahrnehmen und beherrschen lassen.
  3. Den Gegner durch sich ständig verändernde eigene Angriffsmuster zu fortwährenden unbedingten Reaktionen (angeborene Reaktionen, Schutzmechanismen) zwingen.

Die ersten beiden Eigenschaften befreien den Fechter von der eigenen Angst, während die dritte Eigenschaft dazu angetan ist den Gegner in ständige Panik zu versetzen.

Die Lehre Liechtenauers

◄ Es geht bei Johannes Liechtenauers Huten („Wachsamkeiten“) nicht um statische Zustände. Johannes Liechtenauer warnt immer wieder vor bewegungslosen Verharren in Huten, das „sich legern“ („Wenn lichtnawer hat eyn soelch sprich / wort / wer do leit der ist tot / Wer sich rueret der lebt noch“). Johannes Liechtenauer fordert ständige Bewegung und ständige Bedrohung des Gegners über den Ort. Vor Allem die Bedrohung des Gegners, also Ort auf den Gegner und Annäherung, wiederholt er gebetsmühlenhaft. Ebenso, daß der Fechter nicht zu des Gegners Schwert hauen soll, sondern immer auf die Blößen des Mannes („Haw nicht czum swerte / zonder stets der blößen warte / Czu koppe czu leibe / wiltu an schaden bleyben“).

• Johannes Liechtenauers vier Huten sind dabei nur Vorbandhaltungen, also Haltungen, die es dem Fechter ermöglichen sollen unter dem Schließen möglichlist vieler Blößen sicher in das Band zu kommen oder gleich den Ersttreffer zu landen. Die Huten dienen also nur dazu mit der größtmöglichen Sicherheit und Schlagbereitschaft in Reichweite zu dem Gegner zu gelangen – was natürlich eine beständige Annäherung an den Gegner voraussetzt. Die Huten Pflug und Ochs sind als Vorkampfpositionen gegen lange Schwerter im Bloßfechten zu Fuß nicht empfehlenswert, weil der Gegner an diese Huten sehr früh anbinden kann. Sie sind aber gegen Stangenwaffen sehr geeignet und im Roßfechten unverzichtbar. Die Hut Alber ist ein Spezialfall, sie soll unter dem einnehmen einer Hut mit Schwert vor dem Körper dennoch verhindern, daß der Gegner uns früh anbinden kann. Also bleibt von den vier Huten Johannes Liechtenauers für das Zufechten nur der vom Tag übrig. In den Glossen zu den Lehrgedichten werden alle Stücke aus dem Tag gefochten – bis aus einen Vers aus dem Lehrgedicht („Alber io bricht / was man hewt ader sticht“). Ergo: Johannes Liechtenauer benutzt im langen Schwert bloß zu Fuß nur den vom Tag für seinen Stücke.

• Die vier Hengen sind immer Zustände im Bande, welche durch das Zufechten aus den Huten entstehen. Dabei teilt Johannes Liechtenauer das Band immer in weich oder hart ein. Und Johannes Liechtenauer ist klar der Meinung, dass das Weiche mit Kunst das Harte besiegen kann („Swach weder stark / herte weder weich / et equetur (ist Ritterlichkeit) / Wene solde stark weder stark syn / go gesigt allemal der sterker / dorum get lichtnawer fechten noch recht und worhaftiger kunst dar / das eyn swacher mit syner kunst und list / als schire gesigt / mit /als eyn starker mit syner sterke / worum were anders kunst“). Aus den Hengen, fordert Liechtenauer, sollen die Winden kommen, und der Gegner, der sich aus dem Band zurückziehen will, soll verfolgt werden. Dabei kann man anmerken, daß Johannes Liechtenauer eher den Pflug im Hengen bevorzugt, Hans Talhoffer den Ochs.

• Technisch stellt Johannes Liechtenauer seine Fechtlehre in 17 Hauptstücken vor (den Begriff „Hauptstück“ verwendet zuerst Ringeck im 16. Jahrhundert, ich finde ihn aber sehr passend, um das Hauptstück von dem zu ihm gehörenden Stücken zu unterscheiden). Die 17 Hauptstücke gliedern sich in zwei deutlich voneinander getrennte Bereiche: Erstens die Fünf Haue, jedes mit einem eigenen Hauptstück, also Zornhau, Krumphau, Twerhau, Schielhau und Scheitelhau; und Zweitens die 12 Hauptstücke, Vier Huten, Vier Versetzen, Nachreisen, Überlaufen, Absetzen, Durchwechseln, Zucken, Durchlaufen, Abschneiden, Händedrücken, Hengen und Winden.

• Es gibt zwischen diesen beiden Bereichen zu viel Redundanz, die didaktisch nicht sinnvoll erscheint. Innerhalb der beiden Bereiche herrscht aber durchaus eine logische Abfolge – ich halte die 12 Hauptstücke von Liechtenauers Lehre für eine ältere Lehre, wahrscheinlich vom Speerfechten. Im GNM 3227a erfahren wir ja, daß Johannes Liechtenauer umherreiste und bei mehreren Meistern die Kampfkunst erlernte, nur welche er dort genau erhielt, das wissen wir nicht. Fest steht, daß Liechtenauer neben den Waffenlehren auch gerungen hat. „Und vor allen dingen und sachen / soltu merken und wissen / das nuer eyne kunst ist des swertes / und dy mag vor manche hundert jaren sein funden und irdocht / und dy ist eyn grunt und kern aller kunsten des fechtens“. Damit soll vermittelt werden, daß Fechten, Kampfkunst, ein genereller Ansatz ist, kein Spezialistentum. Diese Wahrnehmung des Fechtens mit der starken Betonung auf Allkampf finden wir im gesamten Mittelalter.

• Man kann verallgemeinern, daß die ersten fünf Hauptstücke mehr das Hiebfechten betonen, es handelt sich ja um fünf Haue, die zweiten 12 Hauptstücke mehr das Stoßfechten aus dem Band. Im Band ist durchaus auch Hieb und Schnitt möglich, was Johannes Liechtenauer auch fordert. Nur soll immer der Ort auf den Gegner zeigen, was den Stich immer zuerst möglich macht. Diese ausgewogene Mischung zwischen Hieb- und Stoßfechten benutzt alle Waffenteil des Schwertes gleichmäßig und ist taktisch nicht so leicht berechenbar, wie die Festlegung auf nur eine Fechtart, nur Hieb oder nur Stoß, wie sie in modernen Zeiten erfolgte.

• Die Zweite Überlieferung hat im Laufe des 15. Jahrhunderts den Ansatz verfolgt das Hiebfechten immer stärker zu betonen – bei manchen Schulhaltungen erfahren wir sogar, daß Stiche verboten waren. Umgekehrt entstammt das lange Schwert als Waffe um 1350 dem Umstand, daß sich vermehrt Plattenteile an den Harnischen finden. Bevor sich der vollständig geschlossene Harnisch Anfang des 15. Jahrhunderts bildete, konnte man mit dem langen Schwert zwei Möglichkeiten verfolgen: ersten einen großen Impuls im Fechten aufbauen, der die nicht von Platten geschützten Bereiche einschlägt (siehe Oakeshott Typ XIIa, XIIIa und XVII), oder im Fechten einen Stich suchen, der an den Plattenteilen vorbei den Mann trifft (Oakeshott XVa). Daneben gab es natürlich auch Schwerttypen, die auf Hieb und Stich gleichermaßen ausgelegt waren (Oakeshott XVIa und XVIIIb).

• Im Harnischfechten des 15. Jahrhunderts finden wir fast nur noch Stiche im Ringen – mit dem Aufkommen der Mordaxt um 1420 eröffnet sich mit dieser deutlich schwereren Waffen wieder die Möglichkeit auf den Harnisch des Gegners mit kinetischer Energie einzuwirken. Dem ungeachtet ist Johannes Liechtenauers Lehre des langen Schwertes erst einmal Bloßfechten. Im Harnischfechten Johannes Liechtenauers wird schwerpunktmäßig das Fechten zu Roß im Harnisch behandelt, nicht so sehr das Harnischfechten zu Fuß. Es gibt im 3227a keine eigene Fechtlehre zum langen Schwerte, die sich mit dem Harnischfechten zu Fuß beschäftigt, also muß sich die Bloßfechtlehre zum größten Teil im 14. Jahrhundert auch für das Harnischfechten geeignet haben, was mit der Prämisse des Stichs durchaus historisch nachvollziehbar ist (Oakeshott Typ XVa).

Die Liechtenauer Matrix

◄ Generell ist Stoßfechten im Band schwieriger zu beherrschen, als Hiebfechten, weil das Band nun mal länger besteht, also mehr Möglichkeiten der Veränderung bietet. Hiebfechten hingegen ermöglicht eine größere Kontrolle über den Angriffswinkel und die offenen eigenen Blößen, nicht zuletzt durch den eigenen Impuls, solange ich damit Gegner am Kopf und Leibe bedrohe. Der Gegner kann es sich dann nicht mehr leisten meinen Angriff zu ignorieren, um selber anzugreifen. Die beste Methode im Gefecht ist die, gegen die Schwächen des Gegners die eigenen Stärken zu setzen. Johannes Liechtenauer verwendet dazu eine Reihe von Maßnamen, die ich die Liechtenauer Matrix nenne.

• Diese Liechtenauer Matrix ist denkbar einfach: Hiebfechten zum Zufechten, Stoßfechten aus dem Band. Weiter ausgeführt: Aus den Hauen in die Versetzen. Aus den Versetzen in die Hengen. Aus den Hengen in die Winden. Aus Gegners Abzug in das Folgen mit dem Orte. “Das edle hengen / wil nicht syn an dy winden wen aus den hengen / saltu dy winden brengen“. Diese Reihenfolge des Gefechts ist pure Logik und soll dem Gegner möglichst wenige Entscheidungen überlassen. Der Gegner soll jeden Vorteil einbüßen, den er möglicher Weise mir gegenüber hat. „Wen guter mut mit kraft macht eyns wedersache czagehaft / dornoch dich richte gib keynem forteil mit ichte“.

• “Auch sal eyner guter fechter / vol lernen / eyme an das swert komen und das mag / her wol tuen / mit den vorsetczen / wen dy komen aus den vier hewen / von itzlicher seiten / eyn oeberhaw und eyn uenderhaw / Und gen yn dy vier hengen wen als bald als eyner vorsetzt von unden / ader von oben / so sal her czu hant yn dy hengen komen“. Hier beschreibt das GNM 3227a das Zufechten, welches entweder mit dem Ersttreffer endet, oder aber im Bande mündet, das „an Gegners Schwert kommen“. Dies darf man aber niemals mit Hauen zu Gegners Schwerte verwechseln! Das Hengen im Band dient immer der Erhaltung der Bindung, wobei ich die Geometrie des Bandes zu meinen Gunsten verändere.

• „Ist denne das du eyme vorsetzt / ader abewendest eyn haw ader stich / zo saltu / czu hant czu treten und nochvolgen am swerte das dir iener icht abeczihe / Und salt denne tuen was du magst / Wy leichte du dich last und zuemest zo nymmestu schaden / Auch saltu wol wenden / und allemal dryn keren ort keyns eyns brust / zo mues her sich besorgen“. Wenn der Gegner aus dem Bande fliehen will, dann muß ich ihn verfolgen und mit dem Ort bedrohen. Wenn im die Flucht gelingt, so kann er mich wieder angreifen, was bedeutet, daß ich wieder mit den Zufechten anfangen muß. Verfolge ich ihn hingegen, so erhalte ich den Druck auf den Gegner, auch psychologisch, und kann den Kampf rascher beenden.

• Die Liechtenauer Matrix beruht auf drei Kernsätzen der Lehre Johannes Liechtenauers. Diese drei Kernsätze muß man sich immer wieder in Erinnerung rufen.

  1. Won allerersten merke und wisse / das der ort des swertes ist das zentrum und das mittel und der kern des swertes aus deme alle gefechte gen und weder yn in komen / So sint dy hengen und dy winden synt dy anhenge und dy uemlewfe des zentrums und des kerns“. Ständige Bedrohung mit dem Ort im Bande, der den Stich nun mal als die erst Wahl darstellt, zwingt dem Gegner mein Gefecht auf und beschneidet ständig dessen eigene Möglichkeiten.
  2. 2. „Haue nicht zum Schwerte / sondern stets der Blößen wache – Zum Kopfe zum Leibe / willst du ohne Schaden bleiben“. Nur durch Häue kann ich sicher in das Band kommen. Diese Häue müssen auf Gegners Kopf und Leib zielen, sonst bedrohen ich den Gegner nicht und der Gegner erhält einen Freiraum, den ich ihm im Kampf aber nicht zugestehen möchte.
  3. Ich sage vor ware sich schutzt keyn man ane vare (Gefahr) / Hastu vornomen czu slage mag her kleyne komen“. Dieser Satz ist der Hauptsatz von Johannes Liechtenauers Lehre. Er umfaßt sowohl die Physis wie die Psychologie. Das Schützen, das Abwehren von Angriffen, versetzt den Gegner in beständige unbedingte Reaktionen. Somit findet der Gegner physisch keine Zeit um mich anzugreifen. Gleichermaßen steigert diese Fechtweise Gegners Angst und Panik und setzt ihn massiv unter psychologischen Druck. Jede Form des Schützen und Abwehrens wird im Bande einen für mich  fühlbaren abseitigen Druck zur Folge haben. Solange ich dies fühlen kann, bin ich informativ dem Gegner immer einen Schritt voraus. Ist der Gegner dabei hart im Bande, dann treibt seine eigene Kraft meine weiteren Angriffe an. Ist der Gegner weich im Bande, dann kann ich ihn durchschlagen, weil ich immer Hieb und Schritt kombiniere, also nicht die Kraft des Hiebes mit den Armen produziere (nicht den Hauen nachgehen). Das Zufechten mit Hieb ist auch ein Garant dafür, daß der Gegner selber nicht zum Stoßfechten kommen wird, weil ich jede Art von Stoß im Hiebfechten einschlage. Genauso wird jedes Verharren in einer Hut, das „sich legern“ eingeschlagen.

SIC

◄ Das Prinzip Liechtenauer wird durch die „Liechtenauer Matrix“ erst plastisch. Ich möchte das Prinzip Liechtenauer in drei Teile gliedern, um es besser verständlich machen zu können:

  1. Zufechten im Vor durch Erlangen der Vorderbindung oder Ersttreffer:
    Durch den Zwang zu Ersttreffer oder Band erlange ich ein Höchstmaß an Sicherheit, weil ich dem Gegner jede Chance auf einen Treffer seinerseits nehme. Das hat zur Folge, daß ich, durch die Kunst, völlig angstfrei fechten kann. Gehe ich dabei den Hauen nicht nach, dann bewege ich mich stets in Gegners Flanke, was ihn dazu zwingt sich selber auf mich einzudrehen, oder durch seinen eigenen Vortrieb in meine Waffe zu laufen (was wieder die Wichtig des Ortes, der auf den Gegner zeigt, unterstreicht). Muß der Gegner sich eindrehen, dann kann er nicht gleichzeitig wieder vorkommen. Also nehme ich durch das Zufechten im Vor dem Gegner jede Möglichkeit auf mich einzuwirken, und ich zwinge ihn dazu seine Position zu halten, solange ich ihn flankiere.
  2. Räumliche Kontrolle des Gegners durch Fechten im Vor:
    Das Fechten im Vor zwingt den Gegner zu beständigen Reaktionen, die mich nicht bedrohen. Damit wird der Gegner immer durch seinen abseitgen Druck meine Bewegungen mit antreiben – ich kann also stets einen Teil von Gegners Kraft gegen ihn verwenden. Dadurch bekomme ich eine vollkommene Herrschaft über die Handlungen des Gegners. Dies ist vor Allem wichtig, wenn der Gegner stärker als ich ist. Denn wenn der Gegner nicht die Möglichkeit bekommt seine größere Stärke wirksam gegen mich einzusetzen, dann ist seine Stärke für ihn völlig nutzlos. Treibt mich der Gegner durch seine Härte und Stärke beim Schützen und Abwehren durch abseitigen Druck auch noch weiter an – dann schlägt sich der Gegner durch seine eigene Kraft.
  3. Folgen und Krieg:
    Die Winden und der Krieg sind bei Johannes Liechtenauer ein und dasselbe. Durch das Streben nach dem Ersttreffer kommt das Band eher spät zustande (verglichen mit Hans Talhoffers Ansatz), denn ich greife den Gegner im Vor an, muß also eine ganze Menge Wegstrecke zurücklegen und dabei räumlich gedeckt bleiben. Kommt das Band aber zustande, so lasse ich den Gegner durch meinen Krieg, also das Winden, keine Zeit für einen Erholung. Ich bedrohe ihn ständig. Versucht er zu fliehen, was durch den enormen psychologischen Druck zumeist rasch geschieht, dann kann ich ihn durch das Winden in der Flucht wirksam angreifen, ohne mir selber dabei eine Blöße zu geben. Dabei lasse ich ihn niemals aus dem Bande abziehen, ohne daß ich ihn treffe. Diese Art zu Fechten soll dem Gegner immer jeden Vorteil verwehren, so daß ich eigentlich in kein Gefecht gehe, von dem ich zuvor nicht sicher bin, daß ich es gewinnen kann. Diese Art des Fechtens kann ich vollkommen angstfrei angehen, was mich physiologisch und psychologisch in einen enormen Vorteil versetzt. Mit den Worten von Johannes Liechtenauer:

    Ich sage vor ware sich schutzt keyn man ane vare / Hastu vornomen czu slage mag her kleyne komen

► Frankfurt am Main, 2012, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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