Fünf Wörter

Die Unlehrbarkeit der fünf Wörter

Eine mit Worten nicht lehrbare Lehre

 „Auch merke das / und wisse das man nicht gar eygentlich und bedewtlich von dem fechten mag sagen und schreiben ader aus legen / als man is wol mag / is wol mag czeigen und weisen mit der hant“ (GNM 3227a, Blatt 15r).

◄ Die Quelle beschreibt mit vielerlei Worten eine Lehre, welche man eigentlich (nach Aussage des Verfassers) gar nicht mit Worten vermitteln kann. Bilder (wie im I33, dem ältesten erhaltenen Fechtbuch) sind nur Hilfestellungen, welche den Gehalt der Lehre stützen sollen. Man kann Bewegungen nur schwer beschreiben, gleichermaßen ist es verworren Bewegungen in regungslosen Bildern aufzuzeigen. Das gilt um so mehr, wenn auch noch die Bewegungen des Gegners zur Verfügung stehen. Am ehesten kann ein Verfasser seine Gedanken zur Kampfkunst in Grundsätzen und Verhältnismäßigkeiten niederlegen (wie ich es hier versuche).

Unlehrbarkeit der Fechtlehre mit Worten, GMN 3227a
Unlehrbarkeit der Fechtlehre mit Worten, GMN 3227a

Die Kampfkunst ist zum Glück viel mehr als nur eine Sammlung von Stücken. Wäre es so, dann könnte man sie leicht aus Büchern erlernen. Diese Versuche gab es früher und gibt es auch heute. Wir sehen an unseren Mühen als Historische Fechter wie schwer es ist, selbst mit unserer hervorragenden Quellenlage, das Historische Fechten wieder aufblühen zu lassen.

• Leider ist es nicht möglich die Fünf Wörter rein verstandesmäßig zu begreifen, man kann sie noch nicht einmal in allgemein erklärbaren Bedeutungen lehren. Man kann sie nur selber erfahren, kein Lehrer kann sie einem beibringen. Der Lehrer kann sie nur vormachen und damit Hilfestellung geben. Dies ist keine alberne Verbrämung oder dümmliche Geheimnistuerei, sondern einfach eine Feststellung. Viel reden und wenig üben ist leider eine weit verbreitete Krankheit in der Kampfkunst, welche das Erlernen der Fünf Wörter weiter erschwert. Die Fünf Wörter muß der Fechter auf drei Ebenen benützen können, um erfolgreich zu sein. Er muß sie körperlich, gefühlsmäßig und geistig verstehen und auf allen drei Ebenen gleichzeitig zur Geltung bringen. Die Fechterei ist nicht dazu angetan Fehler zu verzeihen. Wer nicht in allen Bereichen seines Seins zugegen ist und nicht mit all diesen Anteilen gemäß der Fünf Wörter streiten kann, der wird im Fechten nicht bestehen.

• Die Fünf Wörter werden in gewissen Zügen schon im I33 (Vor und Nach in der Einteilung der sieben Huten) angesprochen, aber erst von Johannes Liechtenauer und dem unbekannten Verfasser des GNM 3227a wirklich im Ansatz ausgelegt. Dies ist eine große Leistung, welche oft meiner Meinung nach nicht so recht gewürdigt wird. Zahlreiche Fechter empfinden die Worte des GNM 3227a als dunkel. Viele folgende Fechtbücher verstehen sich nur als Anleitungen für jenes „wie mache ich es?“. Über beide Verhalte gilt es nachzudenken, denn eine Bewegungsintelligenz, welche eine in sich geschlossene Lösung für alle Schwierigkeiten des Fechtens bereitstellt, sollte es durchaus wert sein, daß man für diese Zeit und Mühe aufwendet.

• Das Wissen, welches in dem Liechtenauerischen Lehrgedicht des GNM 3227a verborgen ist, ist sehr umfassend und nicht leicht zugänglich. Nicht, weil wir so dumm sind. Nicht, weil Papa Liechtenauer ein solches Wunderkind war. Der Grund liegt darin, daß wir zu vielen Antworten nicht die richtigen Fragen kennen. Es ist also eine Verhältnismäßigkeit des Bewußtseins. Daran werden wir uns nur mit der Zeit herantasten können, wenn wir angestrengt und hart üben und uns selber in Frage stellen. Wir werden aber die richtigen Fragen nicht durch den bloßen Versuch allein entdecken können. Die richtigen Fragen stellen sich nur, wenn wir beginnen das Wesen der Fünf Wörter zu begreifen.

• Dieses Unterfangen trägt allein meine Gedanken und Ansichten in sich, es ist unter keinen Umständen ein Art Lehrmeinung anderer Gruppen oder Schulen. So sehr ich auch Johannes Liechtenauer mit Nachdruck bemühe, so bin ich weder der einzige, der ihn erörtert, noch bin ich eine Art „Alleinerbe“ seiner Lehren. Andere Gruppen und Schulen mögen andere Ansichten haben, die genauso richtig oder falsch sind. Das herauszufinden ist jedermanns eigenes Anliegen.

Die fünf Wörter im GNM 3227a

Auch merke und wisse / mit deme als her spricht / vor noch dy zwey dink etc do / nent her dy fuenff woerter / vor noch swach stark Indes / an den selben woertern leit alle kunst / meister lichtnawers / Und sint dy gruntfeste und der / kern alles fechtens czu fusse ader czu rosse / blos ader in harnuesche“ (GNM 3227a, Blatt 20r).

◄ Es stellt sich als Erstes die Frage, wozu überhaupt die Fünf Wörtern nötig sind. Dazu möchte ich ein Beispiel aus der Kriegsgeschichte vorbringen, um ein Nachdenken über die richtigen Fragen anzuregen.

• Schaut man sich das Bild an, welches die Gemeinen von den Feldherren aller Zeiten hatten und haben, so kann man zwei Betrachtungen wiederkehrend auftun. Erstens: Feldherrn planen alles im voraus. Die Kunst des Feldherrn ist es also, immer an alles zu denken und somit alles im Vorweg zu wissen. Zweitens: Feldherrn schlagen sich siegreich mit übermächtigen Gegnern. Die Kunst des Feldherrn ist es also, regelmäßig stärkere Gegner zu besiegen.

• Jedoch liegt die Kunst des Feldherrn im ersten Punkt im genauen Gegenteil: Ein Feldherr muß zwar einen Schlachtplan erstellen und soviel wie möglich über seinen Gegner wissen, dennoch muß er immer, selbst in letzter Minute, Anpassungen vornehmen können und stets in Fühlung mit dem Gegner bleiben. Dieser Ansatz begegnet uns in der überlieferten Kriegsgeschichte schon früh, z. B. bei Alexander, welcher noch beim Entwickeln aus dem Marsche Änderungen an der Schlachtordnung vornahm oder Hannibal und Scipio, welche noch in der Aufstellung mit ihren zweiten Treffen sich an den Gegner anzupassen verstanden, obschon sie auf dem Schlachtfeld im ersten Treffen Fühlung hatten. Die Kunst des Feldherrn ist also, entgegen des ersten Punktes, in der Anpassung an Umstände unter Fühlung am Gegner zu suchen. Alles zuvor zu wissen ist einfach nicht möglich. Der Gipfel der Anpassung im Felde war gewiß Napoleon Bonaparte, welcher keinen großen Wert auf Schlachtpläne legte, sonder sich am Gegner entwickelte.

• Auch mit dem zweiten Punkte verhält es sich anders, als allgemein angenommen. Feldherrn schlagen sich selten siegreich mit übermächtigen Gegnern. Es ist möglich gegen eine Übermacht zu siegen, aber schwierig. Zumeist siegt im Feld der Stärkere. Gaius Julius schlug Gallier, Belgier und Germanen mit zahlenmäßiger Überlegenheit (die einzige Schlacht des Gaius Julius in Unterzahl kann Pharsalus gewesen sein). Auch für Alexander mag die zahlenmäßige Überlegenheit in seinen Perserschlachten gelten. Die Feldherrnkunst beider war also mehr die Bündelung der Kräfte, welche ihre jeweiligen Gegner in diesem Maße nicht aufbringen konnten. Denn beide besiegten Völkerschaften, welche ihren jeweiligen Streitkräften an Zahl deutlich überlegen waren. Ob durch Nachschubwesen oder Disziplin und Ausbildung ist an dieser Stelle einerlei. Deswegen: Jener, der imstande ist durch Bündelung eine Übermacht aufzubringen, muß nicht der sein, der eigentlich die zahlenmäßige Überlegenheit hat. Jener, der imstande ist durch Bündelung eine Übermacht aufzubringen, muß nicht der sein, der taktische eigentlich der bessere Kämpfer ist.

Buckler und Schwert

Buckler und Schwert

• Guten Fechtern stellen Ungeübte ebenfalls an, daß sie „alles sehen“ könnten, was der Gegner vorhat, oder alle Angriffe des Gegners schon „vorweg kennen“ würden. Auch halten sich immer wieder Aussagen, daß immer der „stärkere“ oder „bessere“ Fechter siegen würde. Wie wir sehen, ist es im echten Leben gar nicht möglich alle Angriffe zu „kennen“ und es ist zumeist gar nicht so klar, wer von beiden Fechtern an welcher Stelle der Übermächtige ist.

• Und damit sind wir auch schon wieder bei den Fünf Wörtern. Die beiden Gegebenheiten im Beispiel, Anpassung und Übermacht, kann man leicht den Fünf Wörtern zuordnen. Die Anpassung kann man in den räumlichen Vorteil (Vor) und den zeitlichen Vorteil (Nach) aufteilen. Die Übermacht kann man in den Kräftevorteil (Stärke) und den Nachrichtenvorteil (Schwäche) zerlegen. Der Schlüssel zu beiden Gegebenheiten ist das Indes, der Vorteil durch Fühlen im Bande. Ohne Band am Gegner bin ich nicht in der Lage seine Schwächen zeitnah anzugreifen und meine Stärken schicklich gegen seine Angriffe zu setzen. Das Band setzt wiederum die Fühlung voraus, und der Kreis schließt sich.

• Mit Carl von Clausewitz, meine Strategie ist „der große Plan über allem“, wie ich das Band im Vor oder Nach erzwinge (die Anpassung aus dem zuvorigen Beispiel, Vor und Nach sind wörtlich im GNM 3227a „der Ursprung der Kunst“). Die Strategie, das Vor und Nach, ist der erste Schritt im Gefecht, welcher alles weitere Handeln bestimmt. Meine Operation ist das Arbeiten mit Stärke und Schwäche im Bande (die Übermacht aus dem zuvorigen Beispiel). Die Operation ist ein Mittel zwischen Strategie und Taktik. Mit Stärke und Schwäche schaffe ich die Vorraussetzungen, um den Gegner nachfolgend taktisch zu bewältigen. Letztlich ist es meine Taktik unter Ausnutzung meines überlegenen Indes zu siegen, was wiederum die Fühlung am Gegner erfordert. Diese Taktik des Indes kann ich nur einsetzen, wenn ich zuvor erfolgreich Operation und Strategie bemüht habe. Aber welche Einsichten haben wir hieraus gewonnen, außer daß wir den Fünf Wörtern neue Namen gegeben haben?

• Interessant ist dabei ein neurologischer und didaktischer Verhalt: Erst wenn ich eine taktische Bewegung wirklich im Schlafe ausführen kann (Kleinhirn), dann kann ich daran gehen ihren operativen Wert (im Großhirn) zu erkennen. Kann ich die Bewegung im operativen Sinne verwerten, dann ist es Zeit sie im strategischen Rahmen zu sehen. Man könnte es auch so ausdrücken, daß eine Bewegung von mir erst in ihrem Zusammenhang mit den Grundlagen der Fechtkunst erkannt werden kann, wenn ich sie fast ohne eigenes Zutun ausführen kann. Dann kann ich daran gehen und die Grundlagen der Fechtkunst zu erforschen. Habe ich das getan, dann kann ich es wagen alle Bewegungen auf die kleinsten unteilbaren Teile der Fechtkunst zu vermindern. So komme ich zu den Fünf Wörtern.

• Der Schlüssel zu diesem Ansatz ist die Anwendung und lange Übung, sowie ein guter Lehrer. Wenn ein Fechter eine Bewegung anwenden kann, dann hat er sie im Sinne des Ablaufs “verstanden”, er kann sie also selbsttätig wiederholen. Viele Fechter glauben, daß sie mit dem selbstständigen Wiederholen schon die Meisterschaft inne haben. Tieferes Verständnis wird aber noch lange dauern, hat aber wenig mit der reinen Anwendung einer einzigen Bewegung im Zusammenhang mit einem gegebenen Umstand zu tun. Tieferes Verständnis muß den Rahmen erweitern, um mehr Bewegungen und um mehr gegebene Umstände, und vor allem um selbstständig handelnde Gegner! Nur so kann der Fechter sich dem wirklichen Kampfgeschehen nähern. Letztlich ist ein tieferes Verständnis aber eine Minderung aller zahlenmäßig erfaßbaren Ansätze, wenn man diese auf die kleinsten und unteilbaren Wirkungsglieder des Fechtens zurückführt. Wieder sind wir bei den Fünf Wörtern angekommen.

• Nicht umsonst haben die 17 Hauptstücke des langen Schwertes, oder die 40 Spiele des I33, nicht eine geradlinige Zuordnung zu einfach benennbaren Techniken. Die Hauptstücke und 40 Spiele beschreiben immer einen gewissen Umstand im Gefecht, welchem man verschiedene Techniken zuordnen kann. Die 17 Hauptstücke und 40 Spiele stellen Wissen dar, welches in den Quellen immer in der Beschreibung oder Darstellung mit einem Gegner vorgestellt wird (ein sehr fortschrittlicher Ansatz). Somit beschreiben die Quellen in den 17 Hauptstücken und den 40 Spielen reine Partnerübungen, wenn man so mit den Asiaten will Formen oder Sätze für zwei Kämpfer (welche viele asiatische Stile erst im 20’ ten Jahrhundert aufgetan haben). Dies ist eine wesentliche Einsicht. Über dieses Lernen von Abläufen oder Verhalten muß ein Fechter auch das Fühlen erlernen. Um das Fühlen zu erlernen sind die 17 Hauptstücke und 40 Spiele nicht geeignet, denn es handelt sich ja um festgelegte Abläufe. Wieder sind wir bei den Fünf Wörtern angekommen.

• Es gibt aber keine eindeutige Zuweisung von Techniken, kein leicht verständliches Muster, welches auf ein tatsächliches Kampfgeschehen übertragbar wäre. Es kommt immer auf die Umstände an. Kein Angriff wiederholt sich, keine Kampfhandlung ist der anderen gleich. Deswegen sind Benennungen von Einzeltechniken so tückisch. Deswegen weichen die Quellen, so gut es geht, dieser Falle aus, was aber auf Kosten der einfachen Auslegbarkeit der Fechtkunst geht. Dennoch brauchen gerade Anfänger etwas Greifbares, eine äußere Form, um sich erst einmal eine Grundlage zu erschaffen. Dafür bietet uns Liechtenauer meiner Meinung nach die Fünf Haue, und das I33 wartet mit den Sieben Huten auf. Tatsächlich muß sich aber jede feste Grundlage auflösen, und der Fechter muß sich dem Unvorhersehbaren der Wirklichkeit stellen. Ein letztes Mal sind wir bei den Fünf Wörtern angekommen.

►► Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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