Fünf Wörter

Fünf Wörter

„Vor noch dy czwey dink syn allen kunsten eyn orsprink / Schwach unde sterke Indes das wort mete merke“ (GNM 3227a, Blatt 18v).

◄ Johannes Liechtenauer beschreibt in seiner Lehre des langen Schwertes zwei Bewegungsansätze, zwei Zustände und eine Wahrnehmung mit gleichzeitiger Bewegung, welche zusammen mit Fug und Recht als das Wesen der Kampfkunst angesehen werden können. Diese fünf Begriffe, eigentlich mit dem Fühlen sechs Begriffe in drei Gegensatzpaaren, die ineinander verschachtelt sind, werden als die Fünf Wörter bezeichnet. Diese sind: Das Vor und das Nach, die Stärke und die Schwäche sowie das Fühlen und das Indes. Das Fühlen und das Indes bilden bei den Fünf Wörtern zusammen eine Einheit, was ich der verdeckten Rede geschuldet sehe. Wenn man so will, dann ist das Fühlen das versteckte sechste Wort, ohne welches das Indes nicht zu erklären ist.

• In ihrer Tiefe verleihen die Fünf Wörter dem Fechter, welcher sie anwenden kann, eine deutlich ausgeprägte Überlegenheit über einen Gegner, der sie nicht versteht. Deshalb lohnt sich die Mühe jene Fünf Wörter zu erlernen. Darum ist es für die Fechtkunst so bedeutsam dem Gegner zum Kopfe und zum Leibe einzuschlagen, damit er entweder getroffen wird oder aber das Band entsteht, vermöge dessen Erzwingung wiederum Vor und Nach erfahrbar werden. Deswegen ist das Fechten aus dem Bande so wichtig, denn der Großteil der Fünf Wörter ist nur im Bande möglich, obschon Vor und Nach auch ohne Band auskommen. Doch Stärke und Schwäche, Fühlen und Indes sind vom Bande abhängig.

Langes Schwert

Langes Schwert

• Die Fünf Wörter bieten dem geneigten Fechter eine Bewegungsintelligenz, welche dazu angetan ist allen fechterischen Wirren ein Ende zu setzen, weil auf jeden Umstand eine Entgegnung geboten wird. Alles Fechten wird ohne ein Verständnis der Fünf Wörter als eine bloße Kraftmeierei ohne Sinn und Verstand daherkommen oder aber als taktische Übung ohne Wert (Schulfechten). Allein, die Fünf Wörter sind keineswegs einfach zu erfassen, und noch schwieriger ist es sie im Gefecht anzuwenden. Dem ungeachtet benötigen wir als Fechter einen anwendungsbezogenen und gradlinigen Ansatz, denn Fechten ist Anwendung, nicht schöngeistige Erbauung. Für mich liegt der Kern des Historischen Fechtens im Wesen der Kampfkunst, nicht in der Archäologie oder Kulturgeschichte. Bloßes Nachstellen oder Scheinfechten sollte und kann nicht der Sinn des Historischen Fechtens sein.

Das VOR

◄ Das Vor (Vorgeben, Vorschlag, Vorstoß) beschreibt den ursächlichen Angriff, um dem Gegner wortwörtlich zuvor zu kommen. Man könnte das Vor auch mit „Angriff ist die beste Verteidigung“ beschreiben. Solange mein Angriff den Gegner an Kopf und Leib bedroht, so muß er darauf mit einer Versatzung eingehen, welche das Band erzwingt, oder empfindlich getroffen werden. Das Band ist zwar nicht mein ursächliches Ziel (welches der Ersttreffer ist), aber ich habe auch nichts dagegen, daß der Gegner in das Band gelangt und ich ihn da schlagen kann. In der Zeit, welche der Gegner für die Versatzung braucht, kann ich meinen nächsten Angriff vortragen (nach dem Vorschlag den Nachschlag tun). Damit gewinnt das Vor eine kybernetische Dimension. Und das Vor erzeugt beim Gegner Druck. Auf diesen Druck muß der Gegner anspringen. Ich werde aus beiden Möglichkeiten, Ersttreffer oder Band, meinen Nutzen ziehen. Und ich kann mir auf eine gewisse Weise auch Zeit lassen, wenn ich den Druck erzeuge, denn es ist am Gegner auf mein Vor anzusprechen („Indes und vor noch / ane hurt deme krige sey nicht goch“, GNM 3227a, Blatt 23r).

• Das Vor bedingt für mich einen räumlichen Vorteil und damit einen zeitlichen Nachteil. Deswegen ist erfolgreiches Angreifen so schwierig (wenn ich selber dabei gedeckt bleiben soll) und aber auch so wichtig! Der Bewegungsansatz des Vor muß immer eine räumliche Übermacht ermöglichen. Zumeist geschieht das durch einen Angriff von der Seite, der Flanke, welcher den Gegner um gut die Hälfte seiner Waffen (Arme) beraubt. Für das Vor ist es ausschlaggebend, daß ich den Gegner gedeckt angreifen kann, er mich also während meines Angriffs nicht erlangen kann. Ist dies nicht gegeben, dann scheitert mein Angriff und ich bin schon im Nach. Viele Fechter können nicht gedeckt angreifen, weshalb sie fast nie in das Vor kommen.

• Das Vor ist aber weit mehr als ein bloßer Angriff. Das Vor beschreibt eigentlich eher das Verhalten meines Gegners auf meinen Erstschlag. Wenn ich den Gegner angreife und er auf meinen Angriff handelt, dann kann ich den Gegner für kurze Zeit auf seine Handlung festlegen (die kybernetische Dimension). Auch rein physikalisch ist ein Gegner durch die Masseträgheit seiner eigenen Glieder (und seiner Waffe) auf seine Bewegung festgelegt. Führe ich rasch hintereinander Angriffe aus (nach dem Vorschlag den Nachschlag tun), dann kann ich den Gegner leicht überfordern. Denn jedesmal, wenn der Gegner unter dem Zwange meines Angriffs handelt, dann kann ich dies ausnützen und auf ein Neues angreifen. Ich bleibe durch die Versatzung meines Gegners im Vor. Ich erhöhe beständig den Druck, bin aber selber eher gelassen.

Buckler und Schwert

Buckler und Schwert

• Das Vor ist in erster Linie also dazu da die Sinne meines Gegners im Gefecht zu prellen. Um es genauer zu sagen, das Gehirn meines Gegners mit meinen Handlungen zu überfordern, um meine Handlungen in der informationstechnischen Leere des Gegners zu Ende zu bringen oder neue Handlungen zu beginnen. Auch kann ich in der trägen Reaktion der Masse des Gegners meine Zeit finden. Dafür müssen meine Angriffe möglichst unvorhersehbar für den Gegner sein. Vorhersehbar ist einjeder, der aus den Armen oder den Schultern ficht (und natürlich auch ringt). Er wird immer eine vorbereitende Bewegung benötigen, um die träge Masse seiner Waffe (oder seines Leibes) anzusteuern. Vorhersehbar ist jeder, der den Ort in Vorbereitung eines Angriffs auswandern läßt. Das Ansetzen gesiegt ihm an. Vorhersehbar ist jeder, der sein Gewicht auf dem hinteren Bein hat. Er muß entweder sein Gewicht verlagern, oder mit vermindertet Reichweite angreifen. Angriff ist nur die beste Verteidigung, wenn der Angriff im Vor ohne Unterlaß und auf dem kürzesten Wege daherkommt.

Die räumliche Gestaltung des VOR

◄ Man kann nicht über das Vor reden, ohne die Reichweite, die Entfernung zum Gegner, anzusprechen. Ursächlich gibt es drei Reichweiten: Außer Reichweite, der Gegner kann mich ohne einen Tritt nicht mit seiner Waffe erlangen. In Reichweite, der Gegner kann mich ziemlich genau mit einem Tritt mit seiner Waffe erlangen. In Unterreichweite, der Gegner kann mich ohne einen Tritt mit seiner Waffe erlangen. Eine vierte Reichweite ist die Leibesberührung, in welcher das Ringen stattfindet.

• Wenn ich meinen Angriff außerhalb der Reichweite beginne, dann ist für mich kein Vor möglich, denn ich kann den Gegner ja nicht an Kopf oder Leib treffen. Ich ermögliche damit aber erst den Angriff des Gegners (ich renne sozusagen in seinen Angriff hinein) und bin immer im Nach. Denn ich kann ihn ja trotz meines Angriffs nicht erreichen! Mein Angriff ist also vollkommen nutzlos und mein eigener Schaden.

• Kann ich meinen Angriff in Reichweite beginnen, dann werde ich in das Vor kommen. Die Reichweite, in der ich den Gegner ziemlich genau mit dem schwächeseitigen Schwingungsknoten meiner Waffe treffen kann (oder ihn mit dem Ort so tief stechen kann), wird sich mathematisch wie ein waagerechter Kreis um den Kopf und den Leib des Gegners darstellen. Kommen ich an diese Ablauflinie, dann muß ich selbstständig Angreifen, oder aber der Gegner kann angreifen und das Vor gewinnen. Jeder Kampf wird oft ein Spiel um diese Ablauflinie beinhalten. Wenn ich einmal in Reichweite bin, dann gibt es kein Zurück mehr. Ich bin dann im Bande (verkürztes Schwert) sicherer als außerhalb davon. Für den Angriff ist es sinnvoll sich den Gegner ohne Schwert vorzustellen, damit ich nicht zum Schwerte schlage. Wichtig ist ohne Furcht zuzuschlagen, damit ich den Gegner im Vor niederkämpfe, wenn er nicht wachsam genug ist, was die Reichweite angeht.

• Beginne ich (oder der Gegner) den Angriff in Unterreichweite, dann werde ich entweder sofort vom Gegner getroffen, oder ich muß meinen Leib rückwärts bewegen, wobei mein Angriff (Arme, Waffe) nach vorne geht, um eine für mich günstige Reichweite wieder herzustellen. Dies ist einer der wenigen Umstände, bei dem ich im Fechten rückwärts gehe. Dieses Rückwärtsgehen darf ich aber nur im Bande mit dem Gegner geschehen lassen, wenn ich im Bande nach vorne, auf ihn zu drücke, sein Druck aber stärker als der meine ist. Ich werde sozusagen vom Gegner nach hinten, in eine für mich günstigere Reichweite geschoben. Ich fliehe keinen Augenblick lang.

Buckler und Schwert

Buckler und Schwert

• „Wer bloessen wisse remen zo slestu gewisse / an alle var / an zweifel wy her gebar“ (GNM 3227a, Blatt 25r). Manche Fechter glauben, sie könnten das Band verweigern. Das ist nicht möglich, ohne getroffen zu werden. Wer zu fliehen versucht, der sieht sich immer neuer nachfolgender Angriffe zum Kopfe und zum Leibe ausgesetzt, was auch keine Wahl ist. Die Verfolgung ist immer leichter als die Flucht. Der Verfolgte ist immer im Nach. Zumeist verliert der Fliehende auf der Flucht auch sein Gleichgewicht.

• Und da haben wir die wirkliche Schwierigkeit des Fechtens: Das sichere Überbrücken der Reichweite, um zu treffen oder, wenn das nicht gegeben ist, in das Band zu kommen. Dazu brauche ich einen räumlichen Vorteil. Dazu brauche ich die kybernetische Dimension, das Überfordern des Gegners. Dazu brauche ich eine abseitige Bewegung des Gegners, dessen träge Masse ihn nicht aus dieser für ihn ungünstigen Bewegungsrichtung entkommen läßt. Dazu brauche ich das Vor. Diese Zusammenhänge sind die Grundlage des I33 und des Fechtens nach Johannes Liechtenauer.

• Zur Geschwindigkeit: Im Vor greife ich so schnell an, wie ich gedeckt schlagen kann. Dafür brauche ich ein gutes Auge für die Reichweite und die Erfahrung, meine und die Bewegung des Gegners im Zusammenhang mit der Reichweite beurteilen zu können. Wir reden hier also von der optischen Einschätzung von Vektoren. Ich bin im Vor nicht antäuschbar, wenn ich sofort zuschlage, wenn der Gegner sich in meine Reichweite begibt.

Das NACH

◄ Das Nach (Nachgeben, Nachschlag, Nachstoß) beschreibt das ursächliche Abwarten, damit der Gegner sich festlegt und ich ihn wortwörtlich danach besiegen kann. Man könnte das Nach auch als „als Zweiter beginnen aber als Erster treffen“ beschreiben. Dazu nutze ich zwei Umstände: Der Gegner muß sich, um mich an Kopf oder Leib treffen zu können, auf mich zu bewegen. Damit wird das Band für mich möglich. Der Gegner legt sich auf eine Handlung fest, welche auszuführen ihn Zeit kostet. Ich gewinne diese Zeit, um in geeigneter Weise seinen Angriff aus dem Vor mit meinem Nach zu brechen. Damit gewinnt das Nach eine kybernetische Dimension. Zusätzlich legt sich der Gegner mit seiner Masseträgheit um so mehr fest, je mehr Energie er in seinen Angriff steckt. Ich nenne das Nach oft das „versteckte Vor“, denn mein Nach bricht zuverlässig das Vor des Gegners, wenn ich nichts übereile und den richtigen Zeitpunkt abpasse.

• Das Nach bedingt für mich einen zeitlichen Vorteil und damit einen räumlichen Nachteil. Deswegen ist Fechten aus dem Nach so schwierig (wenn ich im Nach nicht getroffen werden soll) und setzt eine so hohe Bewegungsintelligenz voraus. Der Bewegungsansatz des Nach muß immer einen zeitlichen Vorsprung ermöglichen. Ich muß mir infolgedessen der eingegangenen Winkel sehr bewußt sein. Zumeist leite ich das Nach damit ein, daß ich dem Gegner eine Blöße anbiete, ihm also einen Köder vorsetze. Für das Nach ist ausschlaggebend, daß ich den besten Zeitpunkt abwarten kann. Der Angriff des Gegners im Vor muß sich so weit entfaltet haben, daß er diesen Angriff dank der Masseträgheit nicht mehr umlenken kann. Vermag ich nicht den besten Zeitpunkt abzuwarten, dann wird der Gegner entweder mich treffen, wenn ich zu spät beginne, oder aber seinen Angriff ändern und mich dann treffen, wenn ich zu früh anfing. Viele Fechter können nicht den besten Zeitpunkt abwarten, weshalb sie fast nie aus dem Nach fechten. Viele Fechter werden zu rasch zu aufgeregt. Das Nach erfordert, mit seiner kühlen Berechnung, eine gewisse Seelenruhe.

Langes Schwert

Langes Schwert

• Das Nach ist aber weit mehr als bloßes Abwarten oder eine reine Verteidigung. Das Nach beschreibt eigentlich eher die Handlung meines Gegners auf meine angebotene Blöße. Das Nach ist dem Vor sehr ähnlich, nur hier harre ich auf den Gegner, anstatt ihn wie im Vor bestmöglich anzugreifen. Greift der Gegner an und legt sich damit fest (die kybernetische Dimension), dann kann ich aus dem Nach heraus schneller handeln als er, denn er ist schon mitten in seiner Bewegung (die Masseträgheit legt ihn fest). Wieder überfordere ich den Gegner, und kann ihn aus der Festlegung seines Angriffs wiederum angreifen (ich breche mit meinen Nach sein Vor). Für das Nach ist es ausschlaggebend, daß der Gegner sich festlegt, also aus seinem Vor angreift. Tut er das nicht, dann gibt es auch kein Nach. In seiner Angriffsbewegung, die er durch mein Abwarten nicht mehr willentlich umlenken kann, schlage ich zu und treffe ihn mit meinem Gegenschlag. Denn jedesmal, wenn der Gegner unter der Verlockung meiner Blöße handelt, kann ich dies ausnützen und seine schon durch mich vorbestimmte Bewegung zerstören. Ich beherrsche den Gegner mit meinem Nach, ohne das er es weiß.

• Das Nach ist in erster Linie also dazu da, um die Absicht meines Gegners zu steuern. Um es genauer zu sagen, ich beherrsche den Gegner durch seinen Willen mir zu schaden. Dafür muß ich ihm eine Blöße anbieten. Ich darf mich beim Abwarten des besten Zeitpunkts für meinen Gegenschlag nicht durch voreilige Bewegungen verraten. Hier gelten dieselben Umstände, welche für die möglichst unvorhersehbaren Angriffe des Vor gelten. Mein Gegner soll sich mit seinem Vor in mich verrennen und erst von meinen Nach spüren, wenn es schon für ihn zu spät ist. Je mehr er glaubt mich treffen zu können, desto wirksamer wird mein Nach werden. Aber auch mein Gegenschlag muß ohne Unterlaß, und ohne meine Absicht zu verraten, geschehen. Wenn ich als Zweiter beginne und als Erster treffe, dann muß ich im Nach einen kürzeren Weg zurücklegen oder dank kybernetischer Vorteile (ich lege den Gegner mit meiner Blöße fest) und der Masseträgheit (seiner Bewegung) zuerst ankommen.

Die zeitliche Gestaltung des  NACH

◄ Man kann nicht über das Nach reden, ohne immer wieder auf die Reichweite hinzuweisen. Die Reichweite, die Entfernung zum Gegner ist es, die mir einen Zeitraum zur Verfügung stellt, welchen ich nützen kann um ihn zu besiegen. Ist der Gegner in Unterreichweite, dann wird er mich treffen, ehe ich mit meinem Nach sein Vor brechen kann, denn ich habe hier keinen zeitlichen Vorteil mehr. Da hilft auch das Rückwärtsgehen wenig. Im Nach überlasse ich die Schwierigkeit, sicher die Reichweite zu überbrücken, dem Gegner. Er bekommt die räumliche Fragestellung, ich verlege mich voll und ganz auf die zeitliche Abfolge. Ich bürde ihm diese Last der sicheren Überbrückung der Reichweite nicht ohne Hintergedanken auf. Erfolgt sein Angriff ungedeckt, dann habe ich schon vor dem Bande die Möglichkeit auf den Gegenschlag.

• Beginnt der Gegner seinen Angriff außer Reichweite, wird mich also nicht erlangen können, dann darf ich auf keinen Fall durch einen voreiligen Einsatz von meiner Seite seinen Angriff erst möglich machen und wortwörtlich in seinen Angriff hineinrennen. Ich kann nur sicher aus dem Nach fechten, wenn der Gegner seinen Angriff in Reichweite beginnt. Dazu obliegt es mir ihn durch eine angebotene Blöße zu verleiten. Kommt er mir über meine Reichweite näher, also in Unterreichweite, dann muß ich, wie im Vor, sofort selber angreifen. Ich muß in diesem Fall sofort mein Nach aufgeben und ins Vor übergehen.

• Entsteht aber erst das Band, dann ist es an mir, nachzugeben. Ich muß den Angriff des Gegners ins Leere laufen lassen. Das wird zumeist durch eine Bewegung meinerseits geschehen, wenn ich angebunden habe und seinen Druck und seine Druckrichtung spüre. Dieses Nachgeben ist der Schlüssel zum Nach und immer eine Frage der Reichweite. Durch die Reichweite wird der zeitliche Rahmen festgelegt, welchen ich durch das Nach ausnützen kann. Diese gewonnene Zeit kann ich auf das Nachgeben verwenden. Gebe ich nicht nach, dann kann der Gegner durchaus wegen meines Widerstands seinen Angriff umlenken und nach dem Vorschlag den Nachschlag tun, was ich ja nicht möchte. Ich will, daß der Gegner sich festlegt und durch mein Nachgeben scheitert.

• Durch das Anbinden mache ich fast in Echtzeit die Bemühungen meines Gegners zunichte und werde dadurch im Umkehrschluß über seinen Vorsatz aufgeklärt. Nur durch Nachgeben kann ich das Vor des Gegners ins Leere laufen lassen und mit meinem Nach gegen sein Vor kämpfen. Dazu ist im Bande vor allem die Hinterbindung und das Winden geeignet. Das Nach ist schwieriger anzuwenden als das Vor, aber sicherer für mich und viel gefährlicher für den Gegner, als ein bloßer Versatz es wäre. Der Schlüssel dazu ist das Nachgeben in der Bewegung. Deswegen fechten viele fortgeschrittene Fechter lieber aus dem Nach. Es ist aber ein schwerwiegender Fehler, wenn man glaubt, man könnte wegen dem Nach nur abwarten. Das Nach ist als Angriff zu verstehen, welcher durch die Absicht meines Gegners eingeleitet wird.

• Zur Geschwindigkeit: Im Nach habe ich stets die Geschwindigkeit des Gegners. Ist er schnell, bin ich auch schnell, ist er langsam, bin ich auch langsam, so daß ich das Nach beherrsche. Ich darf niemals zu voreilig oder zu spät handeln. Dies bedingt also, daß ich mich an die Geschwindigkeit des Gegners anpasse. Wieder benötige ich dazu, wie im Vor, ein gutes Auge für die Reichweite. Auch muß ich, wie beim Vor, meine eigenen Bewegungen und die Bewegungen des Gegners im Zusammenhang bewerten können.

Die STÄRKE

◄ Die Stärke (Hart, Eintreten) ist kein Bewegungsansatz, wie das Vor und Nach, sonder ein Zustand. Die Stärke ist der ursächliche Zustand der Übermacht durch überlegene Kraft. Man könnte die Stärke auch als „eingehender Vorteil, ausgehender Nachteil“ beschreiben. Mit der Stärke zerstöre ich den Stand des Gegners durch überlegenen Druck, wobei mit Newton Actio gleich Reactio ist. Ich benötige die Stärke, um Gegner zu besiegen, welche es mir an Vor und Nach gleichtun können.

Buckler und Schwert

Buckler und Schwert

• Grundlage der Stärke ist ein Winkelverhältnis (ein räumlicher Winkel), der eingehend und ausgehend Hebelverhältnisse entstehen läßt. Dieses Winkelverhältnis (und damit Hebelverhältnis) ist meistens wichtiger als die eingesetzte Kraft selber. Mit der Stärke kann ich so die Kraft des Gegners durchschlagen, ohne selber körperlich stärker sein zu müssen.

• Grundsätzlich gibt es zwei Richtungen, durch welche aus der Leibesmitte Kraft übertragen kann werden: Eingehend und ausgehend, Stärke und Schwäche, zum Körperschwerpunkt hin und vom Körperschwerpunkt nach außen (ähnliche Verhalte findet man bei anderen Kampfkünsten und sogar beim American Football). Darüber hinaus gibt es den Zustand des Kraftschlusses mit der Waffe, was eine zusätzliche Größe beschreibt, welche es so beim Ringen nicht gibt. Durch die Waffe kann ich Energie außerhalb meines Leibes übertragen, wenn der Kraftschluß mit der Waffe ausreichend ist. Durch die Stärke kann eine Kraft leichter eingehen, durch die Schwäche leichter ausgehen und umgekehrt (durch die Schwäche kann eine Kraft schwerer eingehen, durch die Stärke kann eine Kraft schwerer ausgehen).

Die kraftmäßige Gestaltung der STÄRKE

◄ Die Stärke legt den Kraftschluß geringer Beschleunigung meines Körpers zu meiner Leibesmitte, meines Schwerpunktes, dar. Dafür bietet die Stärke eine höhere Masse. Wenn beide Gegner nur geringe Beschleunigungen bemühen, oder ich die Beschleunigung des Gegners verhindern kann (meine Stärke gegen seine Schwäche), dann wird die höhere Kraft und die höhere Masse die Entscheidung bringen. Energie ist gleich der Hälfte der Masse mal der Geschwindigkeit hoch zwei. Bei gleicher Geschwindigkeit erzeuge ich bei unterschiedlicher Masse eine gleichförmige Zunahme an Energie. Bin ich doppelt so stark oder massig, dann werde ich doppelt soviel Energie aufbringen.

• Die Stärke des Schwertes (wie des Mannes im Ringen) ist es, welche dafür geeignet ist die Energie des Gegners aufzunehmen und an meine Leibesmitte weiterzuleiten. An der Stärke der Klinge liegt das Gehilz, welches ebenfalls geeignet ist die Energie des Gegners aufzunehmen, was aber immer meine zweite Wahl darstellen wird. Manche Waffen weisen ausgestellte Fehlschärfen in der Stärke auf, was nochmals eine weitere Möglichkeit des Kraftschlusses mit dem Gegner darstellt.

• Nur durch meine eigene Stärke, meinen eigenen Druck, kann ich fühlen ob der Gegner selber stark oder schwach ist. Wenn ich also meinen Zustand kenne, meinen eigenen Druck, dann kann ich durch des Gegners Wirkung darauf seinen Zustand erfahren, durch den Gegendruck, welchen mein Druck erzeugt. Dies ist eine wesentlich Einsicht in das Gefüge der Wahrnehmung, welche von innen nach außen geht. Somit ist die Stärke eine Voraussetzung für das Fühlen, welche im Verein mit dem Indes eine Einheit bildet.

• Die gegnerische Schwäche wird durchdrungen, die gegnerische Stärke wird umgangen, oder beide laden meinen Leib und meine Klinge mit Spannung auf, mit welcher ich meinen Leib im Bewegung versetzte. Also kann ich die Kraft des Gegners zerstören (Durchdringen oder Umgehen) oder mir die Kraft des Gegners zunütze machen (Spannung, die zu Bewegung führt). Beides, Zerstören und Nützen, setzt das Vor und Nach voraus, und ist, wie gesagt, mit der eigenen Stärke, also eigenem Drucke, die Vorraussetzung für das Fühlen/ Indes.

Die SCHWÄCHE

◄ Die Schwäche (Weich, Abtreten) ist kein Bewegungsansatz, wie das Vor und Nach, sonder ein Zustand. Die Schwäche ist der ursächliche Zustand der Übermacht durch überlegene Nachrichten. Man könnte die Schwäche auch als „ausgehender Vorteil, eingehender Nachteil“ beschreiben. Mit der Schwäche verletzte ich den Gegner, weil ich etwas weiß, was er nicht weiß. Ich benötige die Schwäche, um Gegner zu besiegen, welches es mir an Vor und Nach gleichtun können.

• Grundlage der Schwäche ist ein Winkelverhältnis (ein räumlicher Winkel), der eingehend und ausgehend Hebelverhältnisse entstehen läßt. Die Schwäche zwingt meinen Körper zu Bewegungen (möglichst ohne meine Waffe zu bewegen), welche ein Verdrängen meiner Schwäche verhindern sollen. Ich muß also mit dem ganzen Körper ausweichen können, um zu verhindern, daß meine Schwäche durchdrungen wird.

• Grundsätzlich gibt es wie zuvor besprochen zwei Richtungen, durch welche die Leibesmitte Kraft übertragen kann: Eingehend und ausgehend, Stärke und Schwäche, zum Körperschwerpunkt hin und vom Körperschwerpunkt nach außen. Mit der Schwäche werde ich keinen ernsthaften Widerstand leisten können, aber, durch den quadratischen Verhalt der Beschleunigung, sehr großen Schaden austeilen können. Dieser Gegnersatz zwischen Stärke und Schwäche, linear gegen die zweite Potenz, ist ein Unterschied in der Dimension, also weit mehr als ein bloßer Gegensatz.

Die nachrichtenmäßige Gestaltung der SCHWÄCHE

◄ Die Schwäche legt den Kraftschluß hoher Beschleunigung meines Körpers zu meiner Leibesmitte dar. Dafür besitzt die Schwäche eine geringere Masse. Energie ist wie gesagt gleich der Hälfte der Masse mal der Geschwindigkeit hoch zwei. Bei doppelter Geschwindigkeit erzeuge ich bei gleicher Masse die vierfache Energie. Aber um die Schwäche zum Verletzen benützen zu können muß ich meinen Gegner zuerst durch überlegene Nachrichten soweit kaltgestellt haben, daß er ihr nichts mehr entgegensetzen kann. Die Schwäche beschreibt den Angriff zum Nahesten und Kürzesten, den unmittelbarsten und endgültigsten Angriff, sobald der Weg zu den Blößen des Gegners frei ist. Die Schwäche ist aber auch geeignet, durch die hohe Geschwindigkeit, welche sie aufbringen kann, dem Gegner durchzuwechseln oder ihm anzusetzen.

• Die Schwäche des Schwertes (wie des Mannes im Ringen) ist es, welche den Gegner zumeist verletzt. In der Schwäche der Klinge liegen der Ort und der schwächeseitige schwingungsfreie Knoten. Mit dem schwächeseitigen schwingungsfreien Knoten werde ich auf die wirksamste Weise gegen den Leib des Gegners einwirken können. Der Ort ist, mit Liechtenauer, der Kern der Fechtkunst.

• Nur durch meine eigene Schwäche kann ich mich soweit entspannen, daß ich ein Höchstmaß an Beschleunigung aus meinem Körper gewinnen kann. Nur wenn ich meinen eigenen Zustand kenne, meine eigene Schwäche, nur dann kann ich den Zustand des Gegners durch eine große Freisetzung von Energie nachhaltig beeinträchtigen. Dies ist eine wesentlich Einsicht in den Aufbau des Krafteinsatzes, welcher von außen nach innen geht. Somit ist die Schwäche eine Voraussetzung für das Indes, welches im Verein mit dem Fühlen eine Einheit bildet.

• Der gegnerischen Stärke wird durchgewechselt, der gegnerischen Schwäche angesetzt, oder aber das Fehlen von beiden, gegnerischer Stärke und Schwäche, gestattet es mir zu freien Hauen zu kommen, bei denen ich auch noch ausholen kann, um somit das allerhöchste Maß an Energie zu entfalten. Also kann ich der Kraft des Gegners ausweichen (Durchwechseln oder Ansetzen), oder ihr folgen (Freie Haue). Beides, Ausweichen und Folgen, setzt das Vor und Nach voraus, und ist, wie angeführt, mit der eigenen Schwäche, also eigener Entspannung, die Voraussetzung für das Indes/ Fühlen.

Sprechfenster

Sprechfenster

Das INDES/ FÜHLEN

◄ Das Indes/ Fühlen (Gleichzeitigkeit/ Tasten) beschreibt den ursächlichen Zusammenlauf von Absicht und Treffer in der Verknüpfung mit dem ursächlichen Fühlen. Die Wahrnehmung des Fühlens ist nur möglich, wenn ich im Bande vom Drucke des Gegners durchdrungen werde. Wahrnehmung muß ich also zulassen (obwohl sie tatsächlich von innen nach außen geht, ich muß mich selber also zulassen). Die scheinbar gleichzeitige Bewegung (denn wirklich gleichzeitige Bewegung gibt es ja nicht) ist nur möglich, wenn ich einen Teil der Energie meiner eingänglichen Bewegung erhalten habe. Gleichzeitigkeit muß ich also durch einen Teil meines anfänglichen Impulses möglich machen. Oft werden Vor und Nach vollkommen ausreichen, um den Gegner rasch kampfunfähig zu machen. Wenn der Gegner aber auch mit Vor und Nach ficht, dann brauche ich die Stärke und die Schwäche, um ihn zu schlagen. Zieht der Gegner aber auch in Sachen Stärke und Schwäche nach, ja dann brauche ich etwas Neues, um im Vorteil zu bleiben. Hier treffen wir auf das Indes und das Fühlen im Bande, welches immer mit Stärke und Schwäche verbunden sein wird, weil das Fühlen im Bande wie Stärke und Schwäche das Band voraussetzen.

• Das Indes beschreibt also die Gleichzeitigkeit von Band und Treffer. Aber eigentlich ist es der Gegner, der sich durch mein möglich geringstes Zutun selber schlägt. Ich erhalte mir einen Teil der Kraft, mit welcher ich in das Band gelangte, eine Spannung, um diesen Teil sogleich auf den Gegner zu richten. Wenn der Gegner angreift, dann rennt er sozusagen gegen eine Wand, die aus seinem eigenen Antrieb heraus errichtet wurde.

• Das Fühlen beschreibt meinen Aufschluß über gerichtete Kraft und Reichweite im Bande. Damit gewinnt das Indes eine kybernetische Dimension. Für das Fühlen ist es ausschlaggebend, nach kürzest möglicher Fühlung zu wissen wohin unser beider Kräfte gerichtet sind und wie stark sie sind. Denn wenn der Druck des Gegners abseitig ist, dann lasse ich diesen frei laufen, und die Masseträgheit gereicht dem Gegner wieder mal zum Nachteil. Mit der Fühlung sind wir wieder bei Vor und Nach angekommen. Zum Fühlen muß man verstehen, was man fühlt: Nämlich immer nur den eigenen Druck, welchen man auf den Gegner richtet. Den Druck des Gegners fühle ich nicht, wenn ich einfach schlaff nachgebe. Denn ich gebe ja schon nach, bevor mich die Kraft des Gegners trifft. Wer stark drückt, der spürt also in Wirklichkeit fast nichts. Wer Nachgibt, der darf das Nachgeben aber nicht mit Aufgeben verwechseln.

• Im Indes schalte ich in kleinsten Zeiträumen zwischen diesen beiden Ereignissen Druck und Nachgeben um (der Zeitraum wird um so kleiner, je besser ich bin). Mit dem Indes mache ich das Fühlen des Gegners also zunichte, denn ich gebe nach, bevor er fühlen kann, also ausreichend eigenen Druck aufbauen kann. Ich treffe ihn in dem Augenblick, in dem er angreift, weil der Teil der anfänglichen Kraft, welchen ich mir erhalten habe, auf ihn gelenkt wird. Wenn man es so will, dann bin ich im Indes eine Wolke aus binären Druck- und Nachgeben Ereignissen. Der Gegner kann mich nicht treffen, weil ich nachgebe. Läuft er ins Leere, dann treffe ich ihn mit meinem Indes, was er wiederum nicht erfühlen kann. Das ist ein Teufelskreis. Durch den beständigen Wechsel im Gefecht, die immerwährende Anpassung an den Gegner, bleibe ich für den Gegner unergründlich, ich selber vermag ihm aber beständig einen Schritt voraus zu sein und ihn nach Belieben zu treffen.

• Beim Indes muß ich, fast in Echtzeit, der Wahrnehmung des Fühlens eine Kontraktionskette (eine verkettete Muskelbewegung) folgen lassen, welche aber im Haltedruck/ Wahrnehmdruck weder stärker noch schwächer wird. Auf der höchsten Stufe leite ich proaktiv auf die Wahrnehmung eine Ganzkörperbewegung ein (ich weiche sozusagen meinen eigenen Armen und meiner eigenen Waffe aus). Diese „Antwort” entspringt aber nicht dem Großhirn sonder meinem Kleinhirn, ist also, wenn man es so ausdrücken mag, durch lange Übung „fest verdrahtet”.

Die gefühlsmäßige Gestaltung des INDES

◄ Beim Indes und dem Fühlen gibt es eine Menge von Mißverständnissen. Es geht beim Fühlen nicht darum, hochgradig empfindlich an der Haut zu werden. Wie sollte ich dann noch kämpfen können, ohne mich vor Schmerzen zu winden? Und soll ich scharfen Stahl etwa mit der bloßen Haut fühlen? Wohl kaum. Es geht beim Fühlen auch nicht darum, nachzugeben, bevor sich ein Druck entlädt, denn wie könnte ich dann den Druck überhaupt erst erfühlen? Ich muß gegebenenfalls einem starken Drucke auch standhalten können (Leger schützen). Das Fühlen beschreibt ein Verstehen der gegnerischen Gewalt, welches später auch proaktiv wird. Ich muß des Gegners Impuls einschätzen lernen, im Bande, aber ich kann seinen Impuls auch schon vor dem Bande durch meinen Gesichtssinn erfassen (hier schließen wir wieder an das Vor an). Auch meine eigenen Impulse muß ich bewerten lernen (was das Nach beleuchtet). Durch Üben und Erfahrung kann ich mir eine Wahrnehmung aller Impulse erschaffen, eine Art neuer Sinn, welcher ganz auf Vektoren und Reichweiten ausgerichtet ist.

• Der tatsächliche Bindungspunkt ist bei Waffen oft ist nicht der gefühlte Bindungspunkt. Wer an meine Klinge kommt und darauf Druck ausübt, den spüre ich ja beim langen Schwerte im Gehilz an meinen Händen. Dies macht Fechten mit Waffen grundverschieden von dem Ringen, was das Fühlen angeht. Beim Ringen kann ich auch mehrfache Bindungen erleben, auf die ich alle zeitnah eingehen muß. Bei Buckler und Schwert kann ich zwei Bindungen erreichen, eine mit dem Buckler, eine mit dem Schwerte.

• Beim Fühlen wird ein weitreichendes Muster beschrieben (sonst wäre es nicht so schwer zu erlernen). Dazu muß ich vor allem die Richtung einer gerichteten Kraft erfühlen, was weit über Druckempfinden hinaus geht. Reiner Druck ist zumeist Eindimensional. Mit der Haut kann ich auch Druck in zwei Raumdimensionen spüren. Einen Druck sozusagen in drei Dimensionen “hochzurechnen” ist schwerer. Es ist auch sehr schwer ob der Kürze, in welcher ein Band entsteht, sofort Aufschluß über die gerichtete Kraft zu erhalten. Nach anhaltendem Drucke ist es viel einfacher, auch wenn der Druck veränderlich ist, denn ich habe Zeit für meine Einschätzung gewonnen. Dies ist aber kein Indes. Indes schlägt bei erster Berührung im Bande. Und der Körper erfühlt sich ändernde Drücke leichter als einen unveränderlichen Druck, was neurologisch bedingt ist. Ich muß mein Üben also darauf ausrichten einen veränderlichen Druck soll schnell wie möglich im Bande zu bewerten. Dafür habe ich bei Stahl auf Stahl Kreisübungen erschaffen.

• Nur durch Impulse oder Stöße ist ein Indes im Sinne einer Gleichzeitigkeit möglich. Ich benötige einen Stoß, eine anfängliche Kraft, wenn ich in das Band gerate. Lasse ich mich ohne eine eigene anfängliche Kraft in das Band binden, dann werde ich zwar fühlen könne, aber nicht mit dem Indes streiten können. Nur durch den Stoß besitze ich bei einem Treffen noch die Energie, um mit der Bindung sogleich Wirkung zu erzielen. Der Stoß sollte immer aus der Leibesmitte kommen, nicht aus den Armen.

Die Verschränkung von VOR und NACH

◄ Vor und Nach sind ein Gegensatzpaar. Wo ein Vor entsteht, da entsteht auch ein Nach. Wo ein Nach entsteht, da entsteht auch ein Vor. Vor und Nach stehen also immer in einer Wechselwirkung zueinander und sind damit untrennbar miteinander verbunden. Eine Actio erzeugt immer eine Reactio. Eine Reactio liegt immer einer Actio zugrunde. Diesen Zusammenhang übersieht man in unserer heutigen Zeit des blinden Aktionismus nur allzu gerne.

• Fechterisch sind Vor und Nach nicht kausal aneinander gebunden. Ein Nach kann zuerst auftreten und somit das Vor erzeugen. Dieser Umstand wird vor allem dann deutlich, wenn mein Nach Gegner vor bricht, was ich auch als „verstecktes“ Vor bezeichne. Vor und nach sind kausal ambivalent. Aber das Vor kann selbstverständlich ebenfalls als erstes auftreten und den Gegner in ein Nach setzen, aus dem es keinen Ausweg mehr für ihn gibt.

Die Verschränkung von STÄRKE und SCHWÄCHE

◄ Stärke und Schwäche sind ein Gegensatzpaar. Wo eine Stärke entsteht, da entsteht auch eine Schwäche. Wo eine Schwäche entsteht, da entsteht auch eine Stärke. Stärke und Schwäche stehen also immer in einer Wechselwirkung zueinander und sind damit untrennbar miteinander verbunden. Viele Menschen glauben, daß Stärke alleine völlig ausreicht und immer erstrebenswert ist. Viel hilft viel. Wenn sich aber vor Augen hält, daß Stärke durchdringt und Schwäche umgeht, dann wird schon nach kurzem Nachdenken klar, daß beide, Stärke und Schwäche, für verschiedene Aufgabenstellungen unterschiedlich gut geeignet sind.

• Auch wenn sich fechterisch das Band in der Stärke beider Klingen einstellt, dann wird es immer eine Schwäche und eine Stärke geben. Denn die Entfernung vom Band zum eigenen Gehilz wird niemals gleich der Entfernung von Band zu Gegners Gehilz sein. Daß sich zwei Schwerter genau in der gleichen Entfernung von Band zum Gehilz treffen, also genau in demselben Verhältnis der Stärke zueinander, ist physikalisch so gut wie unmöglich. Damit ist klar, daß das Verhältnis von Stärke und Schwäche zuweilen sehr annähern kann, doch es wird kräftemäßig niemals gleich ausfallen.

Zusammenfassung

◄ Vor und Nach stellen die erste Dimension des Fechtens dar und benötigen die anderen vier nicht. Für Vor und Nach ist kein Band nötig. Vor und Nach werden aus Kybernetik und Masseträgheit gespeist. Ich erzeuge Druck, bin aber selber entspannt, der Gegner muß in Eile handeln. Sind Vor und Nach vergangen, und das Band ist entstanden, dann werden Stärke und Schwäche geboren, was man als zweite Dimension des Fechtens bezeichnen kann. Stärke und Schwäche benötigen als Zustand das Band. Mit der Stärke und Schwäche wird beim Fechter aber auch immer das Fühlen hervorgebracht, welches wiederum das Indes antreibt. Mit dem Fühlen wird auch wieder ein Zugang zu Vor und Nach möglich. Das Fühlen/ Indes ist die dritte Dimension des Fechtens, die Gleichzeitigkeit von Band und Treffer.

• Die Verschränkung von Vor und Nach und die Verschränkung von Stärke und Schwäche lassen sich nicht ohne weiteres auf das Fühlen und das Indes übertragen. Das Fühlen und das Indes müssen nicht miteinander verschränkt sein, können aber durchaus verschränkt auftreten. Dieser Verhalt unterstreicht auch die besondere Stellung von Fühlen und Indes. Aus dem Fühlen kann ich gut mit Vor und Nach sowie Stärke und Schwäche arbeiten, wobei die beiden Paare Vor und Nach sowie Stärke und Schwäche immer verschränkt auftreten werden. Das Indes ist auch mit dem Erstschlag möglich, wobei Band und Treffer gleichzeitig auftreten. Damit werden die Konzepte von Vor und Nach sowie Stärke und Schwäche durchbrochen.

Schlusswort

◄ Trotz all der wortreich beschriebenen Ansätze ist es nicht möglich die Fünf Wörter nur durch das Lesen zu erlernen. Wie eingangs betont, ich muß die Fünf Wörter körperlich, gefühlsmäßig und geistig anwenden können. Dazu ist ein reines „Kopfverständnis“ eher hinderlich, weil es mir den Geist für die Erkenntnis verstellt. Ohne Erkenntnis über mich selbst und unzweifelhaft auch über den Gegner werde ich diesen nicht unter Druck setzen können. Ein „Rasen“, ein zu schnelles Fechten, wird mir nicht die Zeit geben, mich mit meinen Gefühlen an die Gegebenheiten des Kampfes anzupassen, weil ich so weder den Gegner noch mich anzunehmen vermag. Ich werde dadurch mir selber keine Zeit verschaffen und selber in Zeitnot geraten. Ein sinnfreies „Geknüppel“ wird mir den körperlichen Zugang zu den Fünf Wörtern verfälschen, weil meine eigene Kraft dann jede Empfindung für den Gegner auslöscht. Vor allem werde ich auch nicht selbst „mit dem ganzen Leibe“ fechten, also stark fechten, weil ich mich in jeder Bewegung selbst ausbremse (Antagonist hemmt den Agonist in jeder Bewegung).

• Deswegen habe ich den Stahl auf Stahl Leitspruch wie folgt ausgestaltet: „Stahl auf Stahl (Vor), Willen gegen Willen (Nach), Macht wider Macht (Stärke), List zwingt List (Schwäche), so du des Fechtens beflissen bist (Indes/ Fühlen)“.

• Somit fußt der Kernsatz von Stahl auf Stahl allein auf den Fünf Wörtern, welche aller Fechtkunst ein Ursprung sind.

►► Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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