Fünf Wörter

Der kategorischen Ansatz der Fünf Wörter

Was war das Neue an der Lehre Johannes Liechtenauers?

◄ „Auch merke und wisse / mit deme als her spricht / vor noch dy zwey dink etc do / nent her dy fuenff woerter / vor noch swach stark Indes / an den selben woertern leit alle kunst / meister lichtnawers / Und sint dy gruntfeste und der / kern alles fechtens czu fusse ader czu rosse / blos ader in harnuesche“ (GNM 3227a, Blatt 20r). Besser kann man es nicht ausdrücken. Die Fünf Wörter sind die Grundfeste und der Kern der gesamten Fechtkunst. Damit stellt sich Liechtenauers Lehre außerhalb der bloßen Beschreibung von Bewegungen. Und damit stellt sich die Frage, was an der Lehre Liechtenauers so durchschlagend anders war?

• Der Erfolg der Lehre des Johannes Liechtenauer sollte sich auf einen bestimmten didaktischen Umstand zurückführen lassen. Irgend etwas muß ihn ja einmalig gemacht haben, denn fast 200 Jahre lang war seine Lehre im Deutschsprachigen Raume sehr weit verbreitet. Das lange Schwert als Waffe alleine kann es nicht gewesen sein, denn Liechtenauer beschreibt ja auch Harnischkampf (mit Schwert und Speer), Roßfechten und Ringen.

• Reine Bewegungsbeschreibungen finden sich z. B. bei den Gefechten anderer Meister im GNM 3227a. Diese waren der Umwelt des Verfassers des GNM 3227a also nicht neu. Die Gefechte anderer Meister führen aber nicht die Fünf Wörter an. Auf reine Bewegungsanweisungen lassen sich zahlreiche Fechtbücher der zweiten Überlieferung zurückführen (eine Entwicklung, die sich bis heute fortgesetzt hat). Im I33 (um 1270) findet sich nur eine Andeutung von Vor und Nach. Eine vollständig entwickelte Lehre, ein Kern, findet sich im I33 nicht, wohl aber im GNM 3227a (um 1389). Nach dem GNM 3227a, welches ich als die erste Überlieferungslinie ansehe (siehe Artikel Marxbrüder), findet sich keine vollständigen Beschreibung des Kerns der Lehre, den Fünf Wörtern, mehr, bis zu Salvator Fabris (1606).

• Nach reiflicher Überlegung komme ich zur folgenden Vermutung: Das Neue an Johannes Liechtenauers Lehre waren die Fünf Wörter. Ich denke, daß es Johannes Liechtenauer war, der die alten Fechtlehren auf seinen Reisen sammelte und auf einen kategorischen Ansatz kondensierte.

Die Lehre Johannes Liechtenauers und das mittelalterliche Aristotelische Weltbild

Aristoteles, 384 v. Chr. bis 322 v. Chr.

Aristoteles, 384 v. Chr. bis 322 v. Chr.

• Ich gehe davon aus, daß sowohl Liechtenauer, als auch der unbekannte Verfasser des GNM 3227a, an Aristoteles gebildet waren. Aristoteles lieferte ja die Grundlage für die Bildung im Mittelalter (Septem Artes Liberales). Aristoteles und seine Gedanken in latinisierter Form sind für unser Verständnis von Bildung und Weltbild der Gebildeten im Mittelalter äußerst bedeutsam. Seit gut 1300 setzt sich diese Lehre in unseren Breiten als Fundament der Bildung durch.

 Die zehn Kategorien des Aristoteles (er führt zuweilen auch weniger an) lauten:

  1. Substanz
  2. Quantität
  3. Qualität
  4. Relation
  5. Ort, Wo
  6. Zeit, Wann
  7. Lage
  8. Haben
  9.  Tun
  10. Leiden

Betrachtung der Überlieferung

Zeugnisse des mittelalterlichen Aristotelischen Weltbilds finden wir im GNM 3227a, und diese Zeugnisse werden dahingehend verwendet, dem Leser den Gegensatz in seiner kategorischen Natur zu verdeutlichen, hier am Beispiel von (Schwäche und Stärke sowie Weich und Hart.

“Als aristotyles spricht in libro peryarmenias opposita iuxta se posita magis elucescunt / vel exposita oppositorum cui autem / Swach weder stark / herte weder weich / et equetur / Wene solde stark weder stark syn / go gesigt allemal der sterker / dorum get lichtnawer fechten noch recht und worhaftiger kunst dar / das eyn swacher mit syner kunst und list / als schire gesigt / mit /als eyn starker mit syner sterke / worum were anders kunst / Doruem fechten lere wol fuelet / als lichtnawer spricht / das fuelen lere / Indes das wort / sneidet sere / den wen du eyme am swerte bist und fuelest nue wol ab iener swach ader stark am swerte ist / Indes ader dy weile so magstu denne wol trachten und wissen was du salt keyn im tuen / noch deser vorgesprochenen lere / und kunst / wen her mag sich io mit nichte abe czihen vom swerte ane schade / den lichtnawer spricht / slach das her snabe / wer sich voer dir czewt abe” (GNM 3227a, Blatt 22 v).

• Eine freie Übersetzung des ersten Satzes mag lauten: “Als Aristoteles spricht im Buch Peri Hermanias: Entgegengesetztes wird deutlicher wenn es nebeneinander gestellt ist und wiederum auch das Darlegen des Gegenteiligen”

Die Lehre Johannes Liechtenauers und die Stoische Logik

• Als die Stoa wir eine Lehre bezeichnet, die sehr stark auf die Philosophie unserer Breiten Einfluß hatte. Die Stoa beginnt der Überlieferung nach mit Zenon von Kition (um 300 v. Chr.) und endet mit Marx Aurel (121-180. n Chr.). Die Stoa nimmt mit der Christianisierung Roms stark an Bedeutung ab, doch viele stoische Gedanken werden in das christliche Denken überführt. Die Stoa müht sich um eine ganzheitliche Wahrnehmung der Dinge und versucht vor allem in allen Naturerscheinungen ein übergeordnetes göttliches Prinzip zu finden. Die Stoa vermindert in Gegensatz zu den Aristotelischen 10 Kategorien den kategorischen Ansatz auf vier Größen:

  1. die Substanz (to hypokeimenon)
  2. die Eigenschaft (to poion)
  3. die Beschaffenheit (pôs echon)
  4. das Verhältnis (pros ti pôs echon)

• Diese vier Kategorien der Stoa möchte ich wie folgt auslegen. Ich möchte damit nur auf die massive Ähnlichkeit von kategorischem Denken, also dem Denken in Prinzipien, und den Fünf Wörtern hinweisen (nicht etwa die Fünf Wörter auf Mark Aurel zurückführen!). Erläuterungen werden im weiteren Verlauf dieses Artikels folgen.

  1. die Substanz – Die Anwendung der Lehre in Übung und Kampf
  2. die Beschaffenheit – Fühlen und Indes
  3. die Eigenschaft – Stärke und Schwäche
  4. das Verhältnis – Vor und Nach

Der kategorischen Ansatz

• Die wesentliche Errungenschaft Liechtenauers in der Übertragung des kategorischen Ansatzes auf das Fechten. Das ist ein interessanter Gedanke. Kategorisches Denken, wie die Fünf Wörter es darstellen, ist mehr als nur eine Sammlung von Fechtstücken. Kategorisches Denken berührt stark die Ontologie und die Metaphysik. Aristoteles selber hatte ja auch Quellen, aus denen der schöpfte. Parmenides gilt als der Begründer der Ontologie (Überliefert ist nur sein Lehrgedicht, “Über das Sein”, aus zweiter Hand). Parmenides geht es nur darum festzustellen, daß die Wahrnehmung der Welt, wie wir sie kennen, auf Anschein beruht. Dafür wurde es von seinen Zeitgenossen heftig kritisiert.

Praedicamenta, Aristoteles, Boethius, ca. 1499

Praedicamenta, Aristoteles, Boethius, ca. 1499

• Man muß sich aber fragen, in wie weit die Logik des Aristoteles eins zu eins auf das Fechten übertragbar ist. Die Ontologie und Metaphysik sind mit dem Fechten verwandt, kein Zweifel, aber nicht deckungsgleich. Fechten lebt vom Augenblick, ist also immer ein Ganzes. Die Lehre vom Sein beschreibt das Ganze aus dem Blickwinkel des Teiles. Die Metaphysik beschäftigt sich mit dem, was jenseits der Natur liegt. Das Fechten kann das tangieren, was jenseits des menschlichen Verstandes liegt, weil es so rasend schnell abläuft und deswegen nur halb bewußt fühlbar ist. Auf diesem Anschein von Bewußtsein, dem Fühlen, beruht ja letztlich der Grundpfeiler der Fechtkunst, wie sie in der Lehre Liechtenauers beschrieben wird.

• Damit deutet sich an, daß die Zäsur zwischen der ersten und zweiten Überlieferung der Lehre Liechtenauers (siehe Artikel Marxbrüder) auch im Bildungsgrad und damit im geistigen Horizont der jeweiligen Verfasser begründet liegt. Denn aus diesem Betrachtungswinkel wird offensichtlich, daß man einen gewissen Bildungsgrad und viel abstraktes Denken benötigt, also eine geistige Vorbildung, aber gleichermaßen auch einer fechterischen körperlichen und seelischen Grundausbildung bedarf, um die Fünf Wörter erlernen zu können.

Das Vier Schichten Modell der Fünf Wörter

◄ Um es noch einmal zu präzisieren, man kann die Fünf Wörter in einem Schichtenmodell darstellen, wie das OSI- oder das DOD-Modell in der Informatik. Wer sich ein wenig in der Informatik auskennt mag durchaus Parallelen erkennen. Dies hat nur einen Grund: Fechten ist zum größten Teil Kommunikation.

• Wo in der Informatik Bits zum Datenaustausch eingesetzt werden, da benutzt das Fechten gerichtete Kräfte. Entscheidungsprozesse sind in der Informatik, wie beim Fechten, nicht umkehrbar. Beim OSI-Modell verkehren bei einem Datenaustausch alle sieben Schichten gleichgerichtet miteinander. Beim Fechten werden ebenfalls beide Fechter zugleich auf allen Ebenen der Fünf Wörter miteinander in den Widerstreit treten. Diese Analogie (Informatik/ Fechten) mag auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, doch es handelt sich nur um angewandte Logik.

• Das OSI-Modell stellt sich wie folgt dar:

  1. Anwendungsschicht – Anwender haben Zugriffe auf Netzwerkleistungen (e-Mail, Remote-Login u.s.w.)
  2. Darstellungsschicht – Darstellung von Daten in systemunabhängige Form, Kompression und Verschlüsselung
  3. Kommunikationsschicht – Steuern logischer Verbindungen, synchronisierter Datenaustausch
  4. Transportschicht – Segmentierung von Datenpaketen für Übertragung in andere Netzwerke (Gateway, Layer-4-Switch)
  5. Vermittlungsschicht – Wegsuche innerhalb eines Netzwerks, Fragmentierung von Datenpaketen (Router, Layer-3-Switch)
  6. Sicherungsschicht – Fehlerfreie Datenübertragung durch Blöcke und Prüfsummen (Bridge, Switch)
  7. Bitübertragungsschicht – Physikalische Verbindung zur Bitübertragung (Hub, Repeater)

• Den Fünf Wörtern gleichgesetzt ergibt sich folgendes Bild, das, wie ausgeführt, den kategorischen Modellcharakter der Fünf Wörter unterstreicht:

  1. Anwendungsschicht – die Anwendung der Lehre in Übung und Kampf
  2. Darstellungsschicht – das Fühlen im Bande
  3. Kommunikationsschicht – das Indes im Bande
  4. Transportschicht – die Schwäche im Bande
  5. Vermittlungsschicht – die Stärke im Bande
  6. Sicherungsschicht – das Nach, welches kein Band zwingend erfordert
  7. Bitübertragungsschicht – das Vor, welches kein Band zwingend erfordert

• Damit ist auch offensichtlich, was die Fünf Wörter sind: Ein kategorisches Modell, eine Abstraktion des Kampfes, welches physikalische Erklärungsgrößen mittels Prinzipien darstellt. Damit fassen aber auch Reduktion und Konstruktion, wie bei jedem Modell. Dieses Modell kann man auf drei duale Schichten zusammenfassen, mit einer vierten Schicht, welche die drei dualen Schichten überlagert. Die vierte Schicht ist auch dual, weil ja jedes Gefecht einen Gegner erfordert. Außerdem macht ein solches Modell anschaulich, warum das Vor und Nach der Ursprung aller Kunst sind („Vor noch dy czwey dink syn allen kunsten eyn orsprink“, GNM 3227a, Blatt 18v), also der Ausgangspunkt des Fechtens sind.

  • Vierte Schicht: Die Anwendung der Lehre in Übung und Kampf
    Die Anwendung der Verse des Lehrgedichts von Johannes Liechtenauer im Gefecht. Die Lehre wird durch die Verse des Lehrgedichts dargestellt und anhand der Glossen kommentiert.
  • Dritte Schicht: Fühlen und Indes
    Indes und Fühlen benötigt das Band und beschreiben eine kybernetische und eine im Ereignis zeitgleiche Dimension. Indes und Fühlen benötigen Winkel (räumliche Winkel) und dadurch Hebelverhältnisse, also Stärke und Schwäche. Indes und Fühlen benötigen kein Vor und Nach.
  • Zweite Schicht: Stärke und Schwäche (verschränkt)
    Stärke und Schwäche benötigen das Band, durch Winkel (räumliche Winkel) kommen Hebelverhältnisse zustande, Stärke und Schwäche benötigen kein Indes/ Fühlen, welche ja eine Schicht höher angesiedelt sind.
  • Erste Schicht: Vor und Nach (verschränkt)
    Vor und Nach sind ursächlich räumliche und zeitliche Dimensionen. Vor und Nach benötigen kein Band, also keine Stärke und Schwäche und kein Indes und Fühlen, welche ja alle eine (Stärke und Schwäche) oder zwei Schichten (Indes und Fühlen) höher angesiedelt sind.

• Wenn wir zu dem kategorischen Modell der Stoa zurückkehren:

  1. Substanz – Die Anwendung der Lehre in Übung und Kampf
  2. Beschaffenheit – Fühlen und Indes
  3. Eigenschaft – Stärke und Schwäche
  4. Verhältnis – Vor und Nach

►► Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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