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Das Schwert

Klingentypologie nach Oakeshott

◄ Es ist nicht leicht die Vielfalt von mittelalterlichen Schwertformen, welche uns über die Jahrhunderte erhalten blieben, in einer augenscheinlich einfachen Zuordung einzuteilen. Die Oakeshott Einteilung des mittelalterlichen Schwertes gründet sich auf der Ausformung der Klinge nach Ewart Oakeshott (1916-2002). Die älteren Einordnungen (Petersen und Wheeler) nahmen schwerpunktmäßig das Gehilz als Anhaltspunkt. Die Schwerter werden nach Oakeshott in 13 Haupttypen unterteilt, nummeriert von X-XXII (eine frühere Einteilung von Wheeler, 1927, zählte von I-IX, deswegen führte Oakshott mit X fort). Diese Einteilung nach Oakeshott stammt aus dem Jahre 1964, welche 1981 überarbeitet und ergänzt wurde.

• Ich habe den römischen Typenziffern noch in Klammern einen Namen nachgestellt, um mir die Zuordnung zu erleichtern. Diese Namen stehen immer im losen Zusammenhang mit dem entsprechenden Typ. Alle Zeitrahmen für den entsprechenden Schwerttypen sind mit Vorsicht zu genießen, weil Datierungen oft schwierig sind.

Typ X (Gaddjhalt)

● Eine breite und dünne Klinge von mittlerer Länge (um 80cm), es gibt eine breite und flache Hohlkehle bis kurz vor den oft gerundeten Ort. Die Klinge verläuft bis kurz vor den Ort fast gleichgerichtet und verjüngt sich dabei in der Seitenansicht nur wenig, sie ist auf den Schnitt gegen leichtgerüstete Gegner (höchstens Ringelharnisch) ausgelegt. Das Gehilz ist kurz, die Angel verjüngt sich oft zum Kloß hin. Das Kreuz ist flacher und länger als bei Vorgängern aus der Wikingerzeit (800-1000 n. Chr.) und zumeist vierkantig und verjüngt sich zu den Enden. Gebräuchlich um 900-1200 n. Chr.

• Subtyp Xa: Wie Typ X, aber die Hohlkehle verläuft deutlich schmaler, die Klinge ist etwas länger; gebräuchlich um 1000-1300 n. Chr.

Typ XI (Sankt Moritz)

● Wie Typ X, aber eine längere und weniger breite Klinge dünneren Querschnittes (um 90cm), welche bis kurz vor den Ort fast parallel verläuft und auf den Schnitt ausgelegt ist. Dazu kommt eine sehr schmale Hohlkehle bis kurz vor den Ort, welcher spitz zuläuft. Gut als Reiterschwert zu verwenden. Gebräuchlich um 900-1200 n. Chr.

• Subtyp XIa: Wie Typ XI, aber eine breitere und kürzere Klinge bei gleich schmaler Hohlkehle.

Typ XII (Sancho IV)

● Eine breite und flache Klinge (um 80cm), die Hohlkehle verläuft über weniger als 2/3 bis 3/4 der Klingenlänge, um die Masseverteilung für den Hau zu begünstigen und den spitzen Ort für den Stich zu verstärken. Auch mehrfache Kehlungen kommen vor. Die Kehlung beginnt unter dem Gehilz. Das Gehilz ist etwas länger als bei den vorherige Typen, mit unterschiedlichen Kreuzen und Klößen. Die sich im Querschnitt und Seitenansicht vom Gehilz zum Ort gleichmäßig verjüngende Klinge ist gut zum Stechen zu verwenden und ist auch auf den Schnitt ausgelegt. Gebräuchlich um 1100-1400 n. Chr.

• Subtyp XIIa: Wie Typ XII, aber mit längerer Klinge (um 100cm) und längerem Gehilz, um der zwischen 1275 und 1325 n. Chr. aufkommenden verbesserten Körperpanzerung (Ringelharnisch) zu begegnen. Gewicht um 1,3 bis 1,8kg. Gebräuchlich um 1250-1450 n. Chr. Der Beginn des langen Schwertes im Liechtenauerischen Sinne, möglicher Weise im deutschsprachigen Raume.

Typ XIII (Apocalypse des Johannes)

● Längere und breitere Klinge (um 85cm) als Typ XII, die Klinge läuft bis kurz vor den gerundeten Ort fast parallel und hat einen balligen Querschnitt. Oft verbreitert sich die Fehlschärfe am Gehilz etwas. Die Hohlkehle, auch mehrfach gekehlt, verläuft nur bis ungefähr zur halben Klingenlänge, um die Masseverteilung für den Hau gegen Gegner in Ringelharnischen zu begünstigen. Das Gehilz ist länger, der sogenannte “Anderthalb-Händer“, das Kreuz ist zumeist einfach und geradlinig. Die Klinge ist stark auf die Schnitt- und Hiebwirkung ausgelegt. Gebräuchlich um 1200-1350 n. Chr, mit einem zeitlichen Schwerpunkt um 1260-1310 n. Chr.

• Subtyp XIIIa: Wie Typ XIII, aber mit längerer Klinge (um 100cm) und längerem Gehilz (zum Teil sehr langes Gehilz). Gebräuchlich um 1150-1450 n. Chr. Das lange Schwert im deutschsprachigen Raume.

• Subtyp XIIIb: Wie Typ XIII, mit kürzerem Gehilz als Einhänder und zum Teil schmalerer Hohlkehle. Gebräuchlich um 1250-1400 n. Chr.

Typ XIV (Landgraf von Hessen)

● Eine kürzere als Typ XIII und breite, sich in der Seitenansicht stark verjüngende Klinge (um 80 cm) mit flachem Querschnitt. Spitzer Ort, die Hohlkehle, auch mehrfach gekehlt, verläuft ungefähr über 2/3 der Klingenlänge. Der Gehilz ist kurz, die Angel gleichgerichtet und weist eine in die Angel einlaufende Kehlung auf. Das Kreuz ist oft rund und recht lang, der Kloß immer in Radform. Manche Klingen weisen nur eine Hohlkehle bis ungefähr zur Mitte auf, danach besitzt die Klinge eine Mittelrippe bis zum Ort. Die Klinge ist stark auf den Stich gegen geharnischte Gegner ausgelegt, aber immer noch auf gute Schnittwirkung bedacht. Gebräuchlich um 1250-1350 n. Chr, mit einem zeitlichen Schwerpunkt um 1270-1340 n. Chr.

Typ XV (Schwarzer Prinz)

● Eine sich in der Seitenansicht und im rautenförmigen Querschnitt verjüngende Klinge (um 80cm). Breite Klingenbasis, spitzer Ort, auf den Stich, unter Umgehung des im Verlauf des 13. Jh. immer mehr aufkommenden verbesserten Plattenharnisch, ausgelegt Die Schneiden sind gerade, es fehlen die zum Teil auftretenden Rundungen früherer Schneidenformen. Zum Teil langes Kreuz. Die durch den Mittelgrat versteifte Klinge kann als Bohrschwert bezeichnet werden. In späteren Zeiten bildet sich neben dem Rautenquerschnitt auch eine starke Mittelrippe mit tief ausgearbeiteten Rautenhälften als Querschnitt aus. Gebräuchlich um 1250-1550 n. Chr.

• Subtyp XVa: Eine längere und schmalere Klinge (um 90cm), zwar auf den Stich ausgelegt aber dennoch mit möglichst guten Schnitteigenschaften versehen. Das Gehilz ist als Eineinhalbhänder länger. Das lange Schwert nach der Art der Liechtenauer-Tradition. Gebräuchlich um 1250-1550 n. Chr, in der darstellenden Kunst vor allem um 1360-1420 n. Chr. stark vertreten.

Typ XVI (Sankt Petrus)

● Eine Klinge (um 70-80cm) mit deutlichem Rauten-Querschnitt (Panzerbrecher), welche sich in der Seitenansicht deutlich verjüngt. Der untere Klingenteil ist breit und besitzt eine tief ausgearbeitete Hohlkehle über die Hälfte der Klingenlänge, hier ist der Schnitt das Ziel. Der vordere Klingenteil ist rauten-vierkantig und durch den Mittelgrat für den Stich versteift. Dennoch ist der vordere Teil immer noch breit genug für eine starke Hiebwirkung. Gleichermaßen auf Stich und Schnitt gegen plattengeharnischte Gegner ausgelegt. Das erste wirklich, in seiner Wirkung mit Stich und Schnitt, gut ausgeglichene Schwert der Oakeshott-Reihe. Gebräuchlich ab 1300 n. Chr.

• Subtyp XVIa: Eine längere Klinge (um 90cm) mit flachem und sechseckigem Querschnitt. Eine kürzere Hohlkehle und ein längeres Gehilz als Anderthalbhänder. Gebräuchlich ab 1300 n. Chr.

Typ XVII (Sempach)

● Eine Klinge (um 90cm) von sechseckigem Querschnitt mit spitzem Ort, oft mit einer Hohlkehle im unteren Drittel. Sehr unterschiedliche Klingendicke und Lage des Schwerpunktes. Die Waffe hat immer ein langes Gehilz für den zweihändigen Griff; oft schwere Schwerter (zuweilen über 2kg) um im Wettbewerb gegen Streitkolben, Streitaxt und Kriegshammer schwer gerüstete Gegner im Plattenharnisch zu schlagen. Gebräuchlich um 1350-1450 n. Chr.

Typ XVIII (Heinrich V)

● Klinge (70-90cm) ähnlich Typ XV, aber mit einer mäßigeren Verjüngung. Dadurch ist die Klinge eher konvex und weist eine größere Breite auf (5-6cm am Gehilz). Dadurch wird der Rautenquerschnitt mit besseren Schnitteigenschaften ausgestattet. Kurzes Gehilz mit gerundetem Kreuz. Sehr gut gegen plattengeharnischte Gegner geeignet. Dieser Typ ist zwischen 1410-1510 n. Chr. die am meisten benutzte Klingenform in Europa. Auch Hans Talhoffer nutzt für sein Fechtbuch von 1467 diesen Schwerttyp nebst seinen Varianten.

• Subtyp XVIIIa: Schlanke Klingen (80-90cm), manchmal mit enger Kehlung im oberen Teil. Etwas längeres Gehilz als Typ XVIII.

• Subtyp XVIIIb: Lange schlanke Klinge (um 90cm), langer taillierter Griff (25-30cm), zumeist gerades Kreuz. Gebräuchlich um 1450-1520.

• Subtyp XVIIIc: Breite Klinge (um 90cm), manchmal leicht konvexe Klingeseiten im abgeflachten Rautenquerschnitt. Das Gehilz hat oft eine Ausbuchtung in der Mitte. Das Kreuz liegt oft in waagerechter S-Form vor, der Kloß ist zumeist ein Rad.

• Subtyp XVIIId: Rapierartig, lange, dünne und steife Klinge mit Kehlung über die gesamte Länge. Das Kreuz oft in waagerechter S-Form und kann ringförmige Spangen und Gefäßbügel aufweisen.

• Subtyp XVIIIe: Dünner, abgeflachter Rautenquerschnitt, die Klinge hat immer eine überlange Fehlschärfe, welche dünner als der Schneidenquerschnitt ist. Sehr langes Gehilz und rundes, nach vorne zur Klinge gerichtetes Kreuz, zumeist Kloß in Birnenform.

Typ XIX (Frühes Rapier)

● Breite, flache Klinge (um 80cm) im sechseckigen Querschnitt, gleichgerichtete Schneiden mit jäh auslaufendem spitzen Ort, schmale und deutlich ausgebildete Hohlkehle im oberen Drittel, kurze und gut ausgearbeitete Fehlschärfe. Zumeist Einhänder und Vorläufer des Rapiers. Das Kreuz kann schlicht sein oder auch ringförmige Spangen und Gefäßbügel aufweisen. Gebräuchlich um 1380-1550 n. Chr.

Typ XX (Dreikanal)

● Breite Klinge (80-100cm), welche sich langsam zum Ort verjüngt. Langes Gehilz als Anderthalbhänder, oft dreifache Hohlkehle im oberen Teil, auch gestaffelt. Manchmal auch nur zwei Kehlen, welche nur ein kurzes Stück weit in die Klinge hineinreichen. Gebräuchlich um 1320-1450 n. Chr.

• Subtyp XXa: Die Verjüngung zum Ort fällt etwas steiler aus, diese Klingen sind auf den Stich ausgelegt und haben deswegen einen spitz zulaufenden Ort. Gebräuchlich um 1320-1450 n. Chr.

Typ XXI (Cinquedea)

● Breite („fünf Finger breite“) und flache Klinge, sich steil verjüngend, was die Länge angeht sowohl als Dolch aber auch als Kurzschwert möglich. Das Gehilz in einhändig, das Kreuz kurz und gerundet nach vorne zur Klinge gerichtet. Der Ort läuft spitz aus, mehrere Kehlungen sind möglich. Oft mit U-förmigen Kloß. Nicht alle Waffen dieses Typs müssen eine Cinquedea sein, entscheidend sind Klingenbeite und Klingenform sowie das runde, nach vorne zur Klinge gerichtete Kreuz. Gebräuchlich um 1450-1550 n. Chr.

Typ XXII (Parat Cinquedea)

● Wie Typ XXI, aber mindestens so lang wie ein Kurzschwert (keine Dolchlänge). Der Klos kann U-förmig ausfallen oder anders, z. B. Radform. Oft mehrfach gekehlt, viele Muster kommen aus Norditalien und sind Paratschwerter. Zumeist zwei kurze und schmale Hohlkehlen. Gebräuchlich um 1450-1550 n. Chr.

• Nachfolgend eine schematische Darstellung der Oakeshott Klingentypologie des mittelalterlichen Schwertes, welche die Schwerttypen der angängigen Waffenwirkung nach in zwei Gruppen aufteilt: Schwerter Typ X bis XIV gegen Kettenpanzer, Schwerter Typ XV bis XXII gegen Plattenpanzer. Die Ausbildung von Kreuz, Gehilz und Klos ist nur anschaulich, da es sich, wie angeführt, um eine Klingentypologie handelt.

Klingentypologie nach Oakeshott

Klingentypologie nach Oakeshott

►► Frankfurt am Main, 2009, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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