Meister und Quellen

Johannes Liechtenauer

Wer war Johannes Liechtenauer, Johann Lichtenauer, Hans Lichtenawer?

◄ Johannes Liechtenauer ist der Fechtmeister, auf dessen Werk sich ein Großteil der fechterischen Überlieferung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit beruft. Zwar gibt es auch Fechtbücher andere Abstammung (wie die der Gladiatoria-Gruppe und Einzelwerke), doch ist es Liechtenauers Werk, welches für lange Zeit nach seinem Erscheinen als Maßgabe gilt.

  • HIe hebt sich an meister lichtenawers kunst des fechtens mit deme sw°te czu fusse vnd czu rosse / blos vnd yn harnüsche / Vnd vor allen dingen vnd sachen / saltu merke~ vnd wissen / das nür eyne kunst ist des swertes / vnd dy mag vor manche~ hvndert Jare~ seyn fvnden vnd irdocht / vnd dy ist eyn grunt vnd kern aller künsten des fechtens / vnd dy hat meist° lichtnaw° gancz vertik vnd gerecht gehabt vnd gekunst / Nicht das her sy selber habe~ fvnden vnd irdocht / als vor ist geschreben / Sonder / her hat manche lant / durchfaren vnd gesucht / durch der selbñ rechtvertigen vnd warhaftige~ kunst wille / das her dy io irvare~ vnd wissen welde /
    Quelle: GMN 3227a, Transkription Dierk Hagedorn, Hammaborg
Lehrmeisterbild des Peter von Danzig

Lehrmeisterbild des Cod.44a8 (1452) zeigt evtl. Johannes Liechtenauer oder Stettner oder Peter v. Danzig selber. Eine Zuordnung fehlt.

• Dennoch gibt es kein Fechtbuch, welches von Johannes Liechtenauer selber geschrieben wurde. Auch hat er, den Überlieferungen zufolge, das Fechten nicht neu erfunden, sondern von lebenden Meistern seiner Zeit zusammengetragen und zu einer Lehre zusammengefaßt. Das erste Fechtbuch, in dem die Fechtlehre des Johannes Liechtenauer zutage tritt, ist das GNM 3227a (um 1389: Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg), der sogenannte Döbringer. Es wurde von einem unbekannten Autor verfaßt.

Überlieferung der Lehre Liechtenauers

• Und schon im 15. Jahrhundert begegnet uns eine ganze Reihe von Fechtbüchern, welche sich auf Liechtenauers Lehre gründen und von einer breit angelegten Überlieferung künden. Man kann durch eine Textanalyse des Lehrgedichts Liechtenauers erkennen, daß sich das gesamte Zeugnis der Liechtenauer Tradition auf genau zwei Quellen stützt. So viel und so wenig. Das GNM 3227a, welches Liechtenauer räumlich und zeitlich am nächsten steht, nenne ich die erste Überlieferungslinie. Diese erste Überlieferungslinie ordne ich dem christlichen Rittertum zum. Der Schwerpunkt der ersten Überlieferung liegt auf dem kategorischen Ansatz der Fünf Wörter. Ich halte die Fünf Wörter für die wesentliche Errungenschaft Johannes Liechtenauers (siehe Artikel: Fünf Wörter). Die zweite Überlieferungslinie entstammt einer unbekannte Quelle, die ich dem Fechtmeister Stettner zurechne. Mit der zweiten Überlieferungslinie entsteht, meiner Meinung nach, das bürgerliche Fechten. Diese zweite Überlieferungslinie steht dem Thema der Fünf Wörter ziemlich hilflos gegenüber und verlegt daher ihren Schwerpunkt auf reine Bewegungsanleitungen. Deswegen ist die zweite Überlieferungslinie noch heute so beliebt.

• Stettner wird im cgm1507 des Paulus Kal als „der am maisten der maister alle Schüler gewesen ist“ vorgestellt. Dies ist der einzige Hinweis, den wir auf die Person Stettner haben. Dennoch stammen alle Fechtbücher der Liechtenauer Tradition, mit Ausnahme des GNM 3227a, von einer einzigen Quelle ab. Das früheste Erscheinen dieser Quelle ist das Talhoffer Gotha 1143 (Ms. Chart. A558/ Kopie Cod. icon 395), also gut 54 Jahre nach dem GNM 3227a. Es gibt Hinweise, daß möglicher Weise die Marxbrüder aus einer älteren Vereinigung, der „Gesellschaft Liechtenauers“ hervorgingen, welche durch den Fechtmeister Paulus Kal im cgm1507 um 1470 bezeugt ist. Doch die Gesellschaft Liechtenauers ist, wie Stettner, nur in einer einzigen Quelle auffindbar, also historisch recht flüchtig.

Liechtenauer und das Lange Schwert

• Vielleicht wäre Liechtenauers Überlieferung nicht so erfolgreich gewesen, wenn nicht mit ihr eine neue Waffe aufgetreten wäre, welche die Kampfkunst ihrer Tage veränderte: Das lange Schwert. Das lange Schwert bezeichnet, dem Namen nach, eigentlich mehr die Griffweise der Waffe, als die Waffe selber. Dennoch ist das lange Schwert, als Waffe wie als Übungskonzept, in jeder Hinsicht bahnbrechend. Mit dem langen Schwerte vereint sich der Name des Fechtmeisters, welcher für die nächsten 200 Jahre die meisten Fechtlehren im Deutschen Reich prägen wird: Johannes Liechtenauer.

Texststelle im Pisani-Dossi Manuskript (1409) im Faksimile von Francesco Novati (1902)

• Johannes Liechtenauer muß etwa um die Mitte des 14. Jahrhunderts gelebt haben, als das lange Schwert erst seit wenigen Jahrzehnten verbreitet war. Das lange Schwert ist der Scheitelpunkt einer Entwicklung, welche im späten 10. Jahrhundert ihren Ausgang nahm. Seit dieser Zeit ist in unseren Breiten eine Verlängerung der Schwerter zu beobachten Die Kreuze werden zum Schutze der Hände länger. Es gibt Mutmaßungen, daß diese Entwicklung von Reiterkriegern ausging, welche nach Veränderungen an der Schildform mehr Schutz für ihre Schwerthand brauchten. Die Schwerter erhalten längere Gehilze, so daß auch das Greifen mit zwei Händen möglich wird. Der Kloß wird größer und damit schwerer, um als Gegengewicht für die lange Klinge zu dienen. Im Spätmittelalter ist die Entwicklung dieses neuen Schwertes abgeschlossen. Das lange Schwert wird immer mit zwei Händen geführt, auf den Schutz eines Schildes wird verzichtet. Bessere Stähle machen schmalere Klingen und Ortausbildungen möglich. Rhombische anstatt ballige Klingenquerschnitte kommen auf, um der Klinge mehr Steifigkeit zu bieten und damit auch den ebenfalls besser werdenden Rüstungen gefährlich zu werden. Das lange Schwert ist geeignet einen Gerüsteten zu fällen. Der Einsatz des Langen Schwertes zu Fuß und vom Rücken des Pferdes in der Schlacht ist belegt.

• Auch Menschen anderer Herren Länder wurden in der Liechtenauerischen Fechtkunst unterrichtet. Der berühmteste unter ihnen könnte Fiore dei Liberi sein. Fiore lernte bei einem deutschen Fechtmeister (einem Meister Johane dicto Suveno) und veränderte als Fechtmeister die Lehre nach seinen eigenen Vorstellungen. Es ist spekulativ möglich, daß sich Liechtenauer und Fiore zwischen den Jahren 1354 and 1359 trafen.

►► Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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