Langes Schwert nach Johannes Liechtenauer

Langes Schwert nach den Quellen von 1389 bis 1460

◄ Das Lange Schwert ist ein eine Klingenwaffe, welche sozusagen von allem anderen Waffen etwas kann. Seine Vielseitigkeit macht es so besonders wertvoll in der Fechtlehre. Somit ist das lange Schwert nicht bloß eine „Eisenbahnschiene“, mit der man immer wieder mit voller Wucht gegen die Waffe des Gegners dengelt, sonder eine Wehr, deren unterschiedliche Waffenteile höchst unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Das große Kreuz mit der Fehlschärfe erfüllt teilweise die Aufgaben eines Schildes. Das Fechten aus dem Orte ist dem Vorgehen mit der Stange oder der Lanze sehr ähnlich, vor allem wegen des weit verschiebbaren Bindungspunkts. Das verkürzte Schwert im Winden oder die Arbeit mit dem Halbschwert haben wiederum viel mit der Gebrauch des Langen Messers oder des Degens (Dolch) zu tun. Die Schläge mit dem Klos kommen dem Einsatz eines Klobens nahe. Mit dem langen Schwerte ist Ringen sowie das Fechten gegen Kurz- und Langwaffen möglich.

Schwertkampf Seminar: Langes Schwert

Schwertkampf Seminar: Langes Schwert

• Der Schwertkampf mit dem Langen Schwert wurde und wird als die am besten geeignetste Waffe zum Erlernen der Fechtlehre angesehen. Das lange Schwert wird nicht ohne Grund als Sinnbild des Fechtens des Spätmittelalters betrachtet. Es ist das lange Schwert, mit welchem man am klarsten die grundlegenden Verhalte der Fechtkunst darlegen kann, denn es gibt zumeist nur einen Bindungspunkt, und dieser wird von der Kraft beider Arme mit der Energie des Leibes versehen. Diese scheinbare Vereinfachung der Fechtkunst ist vor allem für den Anfänger ein Segen. Mit dem Hängen und dem Winden kommt aber wiederum manches dreidimensionales Denken in das lange Schwert, so daß auch der Fortgeschrittene reichlich auf seine Kosten kommen kann, wenn er mit dem langen Schwerte übt.

• Historisch verbürgt ist das Üben mit dem Holzschwert, der sogenannten „Fechtfeder“ sowie dem Langen Schwert mit abgestumpfter Klinge. Das Herunterschleifen von alten scharfen Schwertern zu stumpfen Übungsschwertern scheint zu der Entwicklung der „Fechtfeder“ geführt haben, aus der wiederum die modernen Übungswaffen des Fechten hervorgegangen sein können. Das lange Schwert setzt aber, anders als Buckler und Schwert, eine gewissen Leibeskraft voraus. Wer aber einmal in der Lage ist das lange Schwert zu führen, der ist des weiteren nicht mehr auf einen Vergleich der Leibeskraft angewiesen, dafür sorgt die Kunst. Das lange Schwert führen kann jeder Mann und fast jede Frau, wenn der nötige Kampfeswillen aufgebracht wird und sich ausreichende Übung angeeignet wurde.

• Jedoch war das lange Schwert, immer mit zwei Händen geführt, entgegen vieler Annahmen nicht eine ursächliche Kriegswaffe. Das Lange Schwert scheint als Wehr in der Not, beim gerichtlichen Zweikampf und für den Ehrenhändel benutzt worden zu sein. Sicher hat die Entwicklung immer besserer Plattenharnische im 13. Jahrhundert zu dem Aufkommen des langen Schwertes geführt. Und sicher wurde das Lange Schwert zum Brechen oder Umgehen dieser Rüstungen erschaffen, was verschiedene Typen des Langen Schwertes klar belegen. Aber seinen Ruhm hat das lange Schwert beim Bloßfechten errungen, jenseits der Verwendung des Harnisches. Dies ist eine recht seltsame Entstehungsgeschichte für eine Waffe.

• Unterhaltsamer Weise wird das Lange Schwert beim Fechten oft ganz ähnlich benutzt, wie es bei Buckler und Schwert geschieht, trotz der großen Unterschiede der Waffen. Das große Kreuz mit der Fehlschärfe übernimmt oft Aufgaben, welchen der Verwendung des Bucklers nahe kommen. Der Klos kann wie der Buckler zum Schlagen verwendet werden. Somit hat man beim langen Schwerte sozusagen beständig zwei funktionale Waffen in den Händen, obschon es sich natürlich immer nur um eine Waffe handelt. Auch gibt es viele Schnittstellen beim langen Schwerte, welche geradewegs aus dem Ringen kommen. Dabei ist es einerlei, ob das Lange Schwert beim Ringen mit einer Hand (wie beim Durchlaufen) oder mit zwei Händen (wie beim Händedrücken) eingesetzt wird. Somit ist Fechten mit dem langen Schwerte eine wirkliche Verbindung von Ringen und Buckler und Schwert.

Was ist Historisches Fechten mit dem Langen Schwert?

◄ Historisches Fechten mit dem Langen Schwert hat keine Schnittmenge mit dem heuer in bewegten Bildern gerne dargebotenen „Fantasy-Fechten“. Es ist auch keine abgewandelte Form des modernen Sportfechtens (wir üben mitnichten für Olympia), sondern es stellt die Pflege und Anwendung überlieferter alter Kampfkünste dar. Es gilt nicht das Rad neu zu erfinden oder als „Meister“ mit allerlei Betörung seinem eigenen Größenwahn Rechnung zu tragen. Es ist auch nicht nötig aus heutigen modernen Kampfkünsten das Historische Fechten mit dem langen Schwerte „nachzubessern“. Wozu auch?

Einzelunterricht: Winden

Einzelunterricht: Winden

• Historisches Fechten mit dem Langen Schwerte ist, um es auf den Punkt zu bringen, mit mörderischer Absicht auf die Todesfolge ausgelegt und wirksam. Es ist aber nur noch in Wort und Bild erhalten, jede lückenlose Überlieferung ist in den vergangenen Jahrhunderten erloschen. Dieser Umstand ist beim Historischen Fechten mit dem langen Schwerte Hoffnung und Gefahr zugleich. Als Hoffnung kann angesehen werden, daß durch die hervorragende Quellenlage einer Wiedergeburt des Historischen Fechtens mit dem langen Schwerte wenig im Wege steht. Als Gefahr muß genannt werden, daß zahlreiche Fehldeutungen der Quellen das Historische Fechten mit dem langen Schwerte auf Irrwege führen mögen, von denen es so rasch keinen Sinneswechsel mehr gibt.

• Das Historische Fechten mit dem langen Schwerte beschreibt einen sehr großen Raum, welcher vielerlei Techniken und Herangehensweisen enthält. Im Historischen Fechten mit dem langen Schwerte wird jedoch immer eine Lehre beschrieben, welche zumeist in sogenannten Stücken daher gebracht wird. Es muß also die Lehre verstanden und ausgelegt werden und in den Stücken zur Anwendung gelangen.

• Dies sind zwei voneinander getrennte Arbeitsschritte, welche unterschiedliche Anforderungen an den Historischen Fechter mit dem langen Schwerte stellen. Beide sind gleich wichtig. Denn jede ernstzunehmende Kampfkunst besteht aus Lehre und Anwendung. Einfaches Sammeln von Stücken oder Techniken, wie es heuer leider weit verbreitet ist, kann nicht als ausreichend angesehen werden. Daraus ergibt sich kein Bewußtsein für die Kampfkunst. Diesen beiden Handlungsansätzen, Lehre und Anwendung, gleichermaßen gerecht zu werden ist unsere Aufgabe beim Historischen Fechten mit dem langen Schwerte. Möge es uns gelingen.

Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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