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Das Prinzip Talhoffer

Das Prinzip Talhoffer

◄ Dies sind meine Gedanken zur Fechtkunst von Hans Talhoffer. Ich möchte versuchen diese Fechtkunst von Hans Talhoffer auf ein Prinzip zu reduzieren, eben das Prinzip Talhoffer. Es ist mir wichtig, daß der Leser versteht, daß im Historischen Fechten die Auslegung auf reiner Forschung beruht, also keine absolute Wahrheit darstellt. Dies ist um so wichtiger, als daß ja verschiedene Auslegungen zur Fechtkunst von Hans Talhoffer existieren. Der geneigte Leser möge also immer in Erinnerung behalten, daß meine Forschung meine Meinung darstellt, so viel und so wenig.

• Wir haben im Historischen Fechten vordergründig eine sehr große Zahl von Quellen in Bild und Schrift vorliegen, welche dem Namen nach die Lehre vom langen Schwerte behandeln. Die meisten dieser Quellen stammen aus dem 15. Jahrhundert. Rein vom fechterischen Inhalt her verdichten sich diese Quellen auf drei besonders wichtige Werke, die sich im 14. und 15. Jahrhundert finden: Das GNM 3227a, auf 1389 datiert, das 44A8, auf 1452 datiert, und die Fechtbücher von Hans Talhoffer, welche in der Datierung von 1443 bis 1467 reichen. Ich habe schon oft angeführt, daß sich die Fechtlehren von Johannes Liechtenauer und Hans Talhoffer meiner Meinung nach unterscheiden. Deswegen stelle ich das Prinzip Talhoffer oft der Lehre von Johannes Liechtenauer gegenüber, um die theoretische Grundlage von Hans Talhoffers Fechtlehre beleuchten.

• Das Prinzip Talhoffer möchte ich an Hans Talhoffers „Gotha“ aus dem Jahre 1443 veranschaulichen. Dies hat zwei Gründe. Erstens ist dies das frühste Werk, welches uns von Hans Talhoffer erhalten geblieben ist, möglicher Weise also Hans Talhoffers Erstlingswerk. Zweitens finden sich in dieser Quelle außergewöhnlich gut zu veranschaulichende Übungen, welche Hans Talhoffer wahrscheinlich nicht ohne Grund an den Beginn des Fechtbuchs gestellt hat.

• Überhaupt muß man sich fragen, warum Hans Talhoffer im Gothaer Codex, das kein langes Schwert im Bloßfechten enthält, mit Übungen beginnt, die eben das lange Schwert im Bloßfechten zum Inhalt haben. Dazu muß man wissen, daß Hans Talhoffer im Gothaer Codex die gesamte Ordaltradition vorstellt, also die gesamte Austragung eines gerichtlichen Zweikampfs, vom Beginn der Fehde mit dem Aushändigen des Fehdebriefs an einen Boten, der Überbringung des Fehdebriefs durch diesen Boten an den Gegner, der Einstellung eines Fechtlehrers für das Ordal, die gesamte, über Wochen dauernde Vorbereitung des Ordals und schließlich seine Durchführung mit ihren blutigem Ende.

• Dazu rahmt Hans Talhoffer die bloßen Waffenübungen in eine ganze Reihe von physiologischen und psychologischen Begleitumstände ein, um nicht nur den Körper, sonder auch Geist und Seele des Kämpfers zu stärken: Gebet, Kraftübungen, Ernährung, Baden, Schlaf in beheizter Kammer, Entspannung bei der Jagd und Musik, Besuch eines Klosters und/ oder Heiligtums, die Segnung der Waffen durch einen Geistlichen und das Feiern der heiligen Messe. Man sollte bei einem Ordal nicht vergessen, daß der psychologische Druck eines in einigen Wochen kommenden Kampfes auf Leben und Tod enorm ist und vom Fechtlehrer deswegen unbedingt bedacht werden muß. Und hier, im Fechtbuchteil, noch vor dem ganzen Ordalablauf, finden wir Hans Talhoffers Übungen für das lange Schwert.

• Dem ganzen Fechtbuch vorangestellt sind kabbalistisch-astrologische Tafeln zur Berechnung des günstigsten Kampftages für das Ordal sowie Namenstafeln zur Einteilung des Vornamens des Kämpfers in kabbalistisch-astrologischen Gruppen. Sogar die Art der zu erwartenden Verletzungen, wenn man nicht an einem für diese kabbalistisch-astrologischen Gruppen günstigen Zeitpunkt ficht, sollen berechenbar sein. Auch diese kabbalistische Astrologie dient nur einem Zweck: Der Psychologie, die den Kämpfer mit einem Schicksalsglauben beruhigen soll. Nur wer eine gewisse Seelenruhe genießt kann durch Waffenübungen sinnvoll auf das Ordal vorbereitet werden. Diesen Berechungen folgen die Zettel von Johannes Liechtenauer und Meister Ott. Das Gotha ist die älteste uns bekannte Kompilation von Johannes Liechtenauers Lehrgedicht in der Zweiten Überlieferung und des Ringens von Meister Ott.

• Die Waffen, die im „Gotha“ vorgestellt werden, sind das Gefecht mit Stechschild und Kolben sowie Harnischfechten mit dem langen Schwerte im gerichtlichen Zweikampf, des weiteren Harnischfechten mit der Mordaxt, Nierendolchfechten und Ringen. Außerdem finden sich im „Gotha“ 16 Blätter mit Kopien aus dem Bellifortis Kriegsbuch von Konrad Kyesers aus dem Jahre 1405.

• Das Fechtbuch beginnt, wie schon erwähnt, mit Übungen zum langen Schwerte im Bloßfechten, also dem Fechten ohne Harnisch, welches sich vom Harnischfechten mit dem langen Schwerte massiv unterscheidet. Diese Lehre des langen Schwertes im Bloßfechten wird, im Gegensatz zu andere Werken von Hans Talhoffer, nicht in Gotha durch Bildabläufe dargestellt. Es werden auch, im Gegensatz zum gesamten Fechtbuch, keine Gefechte gezeigt, sondern Hauabläufe, denn es fehlen bei den Darstellungen der Haue ganz eindeutig Gegner. Es kann sich also nicht um Gefechte handeln, denn ein Gefecht benötigt nun mal einen Gegner. Nach den Hauübungen folgt eine Partnerübung, die ich eine Kreisübung nenne. Eine Kreisübung ist eine Übung des Fühlens im Bande, wieder kein Gefecht, denn es kommt zu keinem das Gefecht beendendem Treffer und damit Ende des Gefechts. Man kann diese Kreisübung in einem endlosen Ablauf wiederholen, was für mich ganz klar auf einen sehr wichtigen Übungsinhalt hinweist, den Hans Talhoffer für wert hält viel geübt zu werden.

• Genauso, mit Kreisübungen, baue ich heute meinen eigenen Unterricht auf, um das Fühlen am Schwert zu vermitteln. Auch führe ich im Unterricht Hauübungen durch, mit verschiedenen Graden der technischen Schwierigkeit. Deswegen liegt es für mich so nahe im „Gotha“, welches mit Übungen für das Ordal und der Ordaldarstellung beginnt, einen wichtigen Übungsinhalt dargestellt zu sehen, und nicht, wie allgemein vermutet, eine wirre Darstellung von Huten. Für Huten, also Vorkampfstellungen, sind die Ausholbewegungen der Figuren viel zu groß, niemand würde solche Bewegungen in einem Gefecht benutzten. Und Hans Talhoffer geht sogar so weit manche Figuren der Hauübungen überlappt zu zeichnen, so daß man wirklich sehen kann welche Figur als erstes kommt und welche als zweites. Hans Talhoffer legt also eine zeitliche Abfolge fest.

• Wenn man sich schon die Mühe macht Hauübungen und eine Kreisübung darzustellen, dann ist es durchaus angeraten zu versuchen zu ergründen, was denn nun der Inhalt dieser Übungen ist. Diese beide Blöcke, die Hauübungen und die Kreisübung, stellen für mich glasklar den Versuch Hans Talhoffers dar, seine Lehre, ganz im Sinne von Johannes Liechtenauer, auf einen Kern oder ein Prinzip zu verdichten. Denselben Ansatz mit den Hauübungen finden wir im „München“ 1467, Hans Talhoffers letztes erhaltenes Werk. Und die Hauübungen des „München“ weisen sehr starke Redundanzen zum „Gotha“ auf.

• Das Konzept oder Prinzip, das Talhoffer Prinzip, welches wir in diesen Übungen finden, zieht sich durch Hans Talhoffers gesamtes Werk, und es ist, sozusagen, liechtenauerfrei. Es ist also nicht das Konzept, das Johannes Liechtenauer in seinem Werk schwerpunktmäßig verwendet. Wir können das Talhoffer Prinzip, und das ist ein einmaliger Glücksfall im 15. Jahrhundert, von 1443 bis 1467 verfolgen, also über 24 Jahre, in fünf unabhängigen Fechtbüchern. Ähnliches finden wir nur bei Joachim Meyer 1570 bis 1600 (sowie Joachim Meyers bis undatierte Handschrift vor den beiden Drucken). Schaut man sich die Datierung des „Gotha“ an, 1443, und die Datierung des darin vorgestellten Lehrgedichts Johannes Liechtenauers, 1448, so ist es durchaus möglich, daß in den Übungen des Gotha die Fechtkunst Hans Talhoffers niedergelegt ist, die er zuerst erlernt hat, bevor er mit der Fechtkunst des Johannes Liechtenauers in Berührung kam. Man darf nicht vergessen: Das „Gotha“ ist die erste Quelle des 15. Jahrhunderts, welche die Fechtkunst Johannes Liechtenauers vorstellt. Davor kennen wir nur, was Johannes Liechtenauer angeht, das GNM 3227a von 1389. Und das 3227a, welches ich die Erste Überlieferung Johannes Liechtenauers nenne, unterscheidet sich von allen anderen Fechtbüchern zum Thema Johannes Liechtenauer aus dem 15. Jahrhundert, die ich alle die Zweite Überlieferung Johannes Liechtenauers nenne, sehr stark.

• Trifft meine Vermutung zu, und Hans Talhoffer hat wirklich versucht den Kern seiner Fechtlehre im „Gotha“ vorzustellen, am langen Schwerte, dann müßte sich diese Lehre sehr deutlich von Johannes Liechtenauers Fechtlehre unterscheiden. Diese Unterschiede möchte ich hier vorstellen.

Hans Talhoffers Hauübung im „Gotha“

◄ Um das Talhoffer Prinzip vorzustellen möchte ich die Hauübungen und die Kreisübung im „Gotha“ kurz besprechen. Das Talhoffer Prinzip ist, wie jedes Prinzip, keine Technik oder ein Gefecht, sondern ein Gedankenansatz, ein Problemlösungsmodell, wie man im Fechten möglichst viele der auftretenden Schwierigkeiten löst, ohne dabei selber getroffen zu werden. Hans Talhoffer stellt sein Wappen im „Thott“ 1459 mit einer Spruchrolle vor, auf der sein Leitspruch zu finden ist: „Bedenk Dich recht“. Hier geht es also nicht um bloßes Hauen und Stechen mit viel Kraft, wie allgemein im 19. und frühen 20. Jahrhundert vermutet wurde, sondern um eine hoch entwickelte Kunst.

• Es gibt im Hiebfechten drei Grundprobleme. Zuerst gibt es das Vorderband, also das Band der Klingen vordere Schneide gegen vordere Schneide, von der gleichen Schulter beider Fechter gehauen (z. B. von meiner linken Schulter und von Gegners linker Schulter), so daß ein kreuzförmiger Versatz entsteht. Dann gibt es das Hinterband, also das Band meines Schwertes mit der vorderen Schneide an Gegners hinterer Schneide, von der gleichen Schulter beider Fechter gehauen. Das Hinterband ist nur mit einem Seitschritt meinerseits möglicht. Dritten gibt es die Möglichkeit des Haues auf gleicher Ebene, von gegensätzlichen Schultern der Fechter gehauen. Dabei gibt es keinen kreuzförmigen Versatz der Klingen, so daß beide Fechter Gefahr laufen getroffen zu werden. Deswegen ist die dritte und letzte Möglichkeit ein sehr großes Problem im Hiebfechten.

•Jetzt zur Hauübung: Sturzhau links und rechts. Hans Talhoffer beginnt seine Hauübung mit einem Sturzhau links. Dazu muß klar sein, daß Hans Talhoffer den Sturzhau aus der Hinterbindung schlägt, mit dem linken Bein vorne, wie es später in der Kreisübung deutlich hervorgehoben wird. Die linke Hand verwendet sich beim Sturzhau links um 180 Grad, ohne sich zu öffnen. Dies mutet zuerst seltsam an oder wird für einen Zeichenfehler gehalten. Tatsächlich gibt diese Verwendung der linke Hand dem Sturzhau links erst den Bewegungsspielraum, den man für diesen Hau benötigt. Der erste, linke Sturzhau wird also frontal vor dem Mann in der Hinterbindung ausgeführt, der zweite, rechte Sturzhau aus derselben Position, nur eben mit einem kurzen Flankenschritt in meine linke Seite mit meinem vorderen linken Bein. Bei der Hinterbindung schlägt meine Klinge mit der vorderen Schneide auf der hinteren Schneide des Gegners auf. Dies führt immer dazu, daß sich die Kraft des Gegners nicht ungestört gegen mich entfalten kann. Und es führt immer dazu, daß der Impuls meines Haues das Schwert des Gegners aus seiner Bahn treibt, also der Hau des Gegners sich mit großer Wahrscheinlichkeit an mir vorbei entfalten wird. Dies löst das zweite Problem beim Hiebfechten, das Hinterband.

• Nebenhut, Unterhau und Wechselhau. Nach dem rechten Sturzhau läßt Hans Talhoffer das Schwert in die Nebenhut auf der rechten Seite sinken. Die Nebenhut dient zwei verschiedenen Zwecken: Den Gegner durch das Anbieten einer Blöße zu einem zu frühen Angriff zu verleiten (wie bei Johannes Liechtenauer der Alber und im I33 die Erste Hut). Aus der Nebenhut, wenn der Gegner vordringt, schlägt man immer am einfachsten einen Unterhau mit der vorderen Schneide. Dieser Unterhau wird dann, für die Hauübung, etwa auf Twerhöhe zu einem Wechselhau, also die Klinge um 180 Grad gegen den Uhrzeigersinn gewendet. Ich kann den Wandelpunkt von Unterhau zu Wechselhau aber auch auf Kniehöhe oder Halshöhe setzen. Wichtig ist folgendes: Ich verleite den Gegner zu einem zu frühen Angriff. Gegen den zu frühen Angriff ist der Unterhau mit der vorderen Schneide gut geeignet. Der Wechselhau, mit der Hinteren Schneide ausgeführt, ist gegen jeden Angriff des Gegners geeignet, denn der Übergang von Unterhau in Wechselhau verändert die Geometrie eines vorhandenen Bandes. Beim Unterhau ist die vordere Schneide oben, beim Wechselhau ist die untere Schneide oben. Dadurch wird der Wechselhau den Gegner an Kopf und Leib treffen oder dessen Klinge hinterbinden. Deswegen kann man den Wechselhau auch zu jedem Zeitpunkt von Gegners Bewegung schlagen. Beim Wechselhau läßt Hans Talhoffer die Klinge bis weit hinter den Rücken schwingen und er zieht das vordere linke Bein etwas zurück, um die Energie des Wechselhaues maximal zu gestalten. Das Schwert zeigt am Ende des Wechselhaues geradewegs über dem Kopf nach hintern liegt parallel zum Boden. Der zweite Zweck: Der Gegner schlägt mir im Vorderband zu und ist stärker als ich. Er drückt mein Schwert im Vorderband herab, auch mich zu. Ich führe mit dem linken Bein einen kleinen Meidschritt aus und lasse mein Schwert vom Gegner in die Nebenhut drücken. Dabei benutze ich das Kreuz, um jeden Winkel von seiner Klinge an meinen Körper beim Sinken zu schließen. In der Nebenhut angekommen führe ich im Band den Unterhau und verwandle in den Wechselhau. Dieser Übergang der Geometrie läßt den Gegner im Band keine Möglichkeit mein Schwert zu beherrschen. Dies löst das erste Problem beim Hiebfechten, das Vorderband.

• Oberhau links mit zwei Schritten. Hans Talhoffer stellt hier eine vollständig abgebildete Schrittfolge und Armbewegung für den langen linken Oberhau mit zwei Schritten in den Alber dar. Dabei holt Hans Talhoffer mit dem Schwerte maximal über den Rücken aus, bis der Ort fast hinter dem Rücken zu Boden zeigt, während er das rechte Bein vorsetzt. Diesen Vorgang, Hau von der linken Schulter mit Schritt, nennt Johannes Liechtenauer das „nicht den Hauen nachgehen“. Hans Talhoffer ist dies bekannt, er legt ja im „Gotha“ 1443 Johannes Liechtenauers gesamtes Lehrgedicht in der Zweiten Überlieferung vor. Hans Talhoffer wandelt aber schon im „Gotha“ Johannes Liechtenauers Version des „nicht den Hauen nachgehen“ ab, oder er hat ein eigenes Konzept dazu. Im „Thott“ 1459, in welchem Talhoffer sein eigenes Lehrgedicht vorstellt, textet er „wer nachgeht einfachen Hauen, der mag sich der Kunst wenig erfreuen („wer nach gaut slechten höwen / Der mag sich kunst wenig fröwen). Der Grund ist: Hans Talhoffer geht beim linken Oberhau nicht wie Johannes Liechtenauer einmal mit dem linken Bein vor, etwas außen links am gedachten Gegner vorbei, schlägt und dreht dabei die Hüfte zum Gegner nach rechts ein, was dazu führt das sich dann das rechts Bein etwas nach hinten vom Gegner fortdreht, was ich den Angriffschritt nenne und Hans Lecküchner den Zweifachen Tritt. Hans Talhoffer geht beim linken Oberhau mit zwei Schritten vor, erst mit dem rechten Bein, dann mit einem zweiten Schritt mit dem linke Bein. Warum? Weil er versucht immer wenn möglich mit dem ersten Schritt einen Kreuzschritt auszuführen und damit sozusagen den gedachten Gegner vom Fuß ab zu hinterbinden. Hier, beim linken Oberhau, also ein Kreuzschritt mit dem rechten Bein vor, quer über die Mittellinie in Gegners rechte Flanke. Diesen Kreuzschritt findet man im gesamten Werk Talhoffer ständig, in allen Lehren. Nach dem Kreuzschritt erfolgt der lange linke Oberhau bis in seine Maximalposition im Alber, so daß der Ort fast am Boden neben der rechten Hüfte steht. Also schlägt Hans Talhoffer von vorneherein den Oberhau in das Hinterband! Und nur durch den Kreuzschritt ist genug Seitenanteil vorhanden, damit das Hinterband auch gefahrlos erlangt werden kann.

• „Inverse Zornhut“ (ich stelle historische Bezeichnungen, die ich verändere, immer in Anführungsstriche) und Zornhau in den Pflug mit einem Schritt. Dies ist der Angriffsschritt, der sich auf Johannes Liechtenauer „nicht den Hauen nachgehen“ bezieht und der sich auch als Zweifacher Tritt beim Hans Lecküchner findet. Die gesamte Hauübung hat Parallelen zu Hans Lecküchner 1482, bei seinem Schrankort im Wecker (17r). Wieder gibt es zwei verschiedene Zwecke: Erstens, die Hauübung beginnt mit der „inversen Zornhut“, die Hans Talhoffer, wie die Nebenhut, nutzt, um den Gegner durch das Anbieten einer Blöße zu einem zu frühen Angriff zu verleiten. Dazu führt Hans Talhoffer nach dem linken Oberhau den Hau nach rückwärts weiter, führt also einen rückwärtigen linken Unterhau aus. Der linke Unterhau nach hinten ist ungewöhnlich und kommt in keiner anderen Quelle vor. Hans Talhoffer beläßt die Klinge in ihrer Ausrichtung und verwirft die Hände am Gehilz, ohne die Finger zu öffnen. Dabei wendet er den Körper im Stand in die „inverse Zornhut“ Eigentlich ist der Begriff „Hut“ für die „inverse Zornhut“ falsch, es ist eine Bewegung, keine Vorkampfstellung. Hans Talhoffer führt nach dem linken Oberhau die Bewegung nach hinten weiter, bis das Schwert gute 15 Grad über seiner rechten Schulter mit dem Ort nach unten zeigt. Leib und Knie dreht er nach rechts ein. Aus dieser Haltung führt er dann den Angriffsschritt mit dem rechten Bein nach vorne, etwas rechts am gedachten Gegner vorbei. Dabei kommt der Zornhau als kurzer Hau in den Pflug, die Klinge führt Hans Talhoffer parallel zum Boden, Ort nach vorne. Am Ende der Bewegung dreht er die Hüfte etwas nach links ein, so daß das linke Bein etwas zurück gedreht wird. Diese Kombination der „inversen Zornhut“ und des Zornhaues findet sich nicht bei Johannes Liechtenauer, genausowenig wie ein rückwärtiger Unterhau! Hans Talhoffer kann diese Bewegung als angebotene Blöße, aber auch als Meidbewegung ausgeführt haben. Hans Talhoffer hätte hier anstatt des kurzen Zornhaues in den Pflug auch einen langen Zornhau in den Alber schlagen können. Der Zweite Zweck: Der Gegner und Ich schlagen einen Hau auf gleicher Ebene, also der Gegner einen rechten Oberhau, ich einen linken Oberhau. Es gibt keinen kreuzförmigen Versatz und die Gefahr ist groß, daß wir uns beide gleichzeitig niederschlagen. Liegt der Gegner mit seiner Klinge außen im Bande dann kann ich, wenn der Gegner stärker ist, mich von ihm im Bande in die Nebenhut herunterdrücken lassen. Liege ich außen im Bande, dann lasse ich mich ebenfalls von ihm im Bande herunterdrücken, wenn er stärker ist. Dabei führe ich die „inverse Zornhut“ aus und führe das Band an meinem Leib vorbei, bis Gegners Stand und Arme kein weiteres Vorkommen mehr ermöglichen. Hier ist die Verlagerung des Gewichts überaus wichtig. Am Ende der „inversen Zornhut“ drücke ich den Gegner, der jetzt in seiner schwächsten, weil am weitesten herausragensten Stellung ist, etwas von mir fort und komme mit der Klinge parallel zum Boden außen um seine Klinge im Bande herum. Jetzt führe ich den Zornhau aus, der wirklich parallel zum Boden geführt werden muß, wobei ich die ganze Zeit über die Bindung erhalte. Dies löste das dritte Problem beim Hiebfechten, den Hau auf gleicher Ebene.

• Oberhau rechts mit zwei Schritten. Hans Talhoffer stellt hier eine vollständig abgebildete Schrittfolge und Armbewegung für den langen rechten Oberhau mit zwei Schritten in den Alber dar. Diese Bewegung ist die Spieglung des langen linken Oberhaues mit zwei Schritten. Nach dem rechten Oberhau mit zwei Schritten steht man mit dem rechten Bein vorne und kann man ohne Mühe einen Schritt vor oder zurück ausführen, so daß man mit dem linken Bein vorne steht und zum Anfang der Hauübung zurückkehren kann, dem Sturzhau links und rechts.

• Wir finden im „Gotha“ als Hauübung also: Sturzhau, Unterhau (nebst rückwärtigem Unterhau), Wechselhau, Oberhau links, Zornhau und Oberhau rechts. Dabei ist klar, daß der Oberhau links, der Zornhau und der Oberhau rechts mit Johannes Liechtenauer alles im technischen Sinne Oberhäue sind. Also haben wir im „Gotha“: Sturzhau, Unterhau, Wechselhau, Oberhau. Dies deckt sich zu 100 Prozent mit dem Konzept der Hauübung im „München“: Oberhau, Unterhau, Sturzhau und Wechselhau finden sich in dieser Reihenfolge als Darstellung am Anfang des Fechtbuchs „München“ 1467. Nur das Hans Talhoffer im „München“ die Hauübung weiter verdichtet hat, also einem anderen Ablauf folgt. Das Konzept, das Prinzip Talhoffer, ist dasselbe geblieben.

• Und das „Gotha“ bietet einen geschlossenen Übungsansatz für alle Möglichkeiten des Hiebfechtens mit seinen drei Problemen, Vorderhand, Hinterband und Hau auf gleicher Ebene. Die Hauübung kann ich auch spiegelverkehrt ausführen, dann erhalte ich alle Winkel, die möglich sind. Erst jetzt kann ich anfangen angstfrei das Fechten zu üben, wenn ich weiß, daß ich die Mittel haben um alle Möglichkeiten des Hiebfechtens abzudecken. Diese geistige Ruhe muß für ein Ordal überlebenswichtig gewesen sein!

• Erstaunlich an der Hauübung im „Gotha“ ist ihre geistige Nähe zu asiatischen Übungsformen, die zumeist auch in alle Richtungen Bewegungen ausführen. Auf der anderen Seite sehen Menschen, die mit voller Wucht freie Haue üben, gezwungenermaßen recht ähnlich aus. Wichtig ist, daß Hans Talhoffer nicht nur eine Gymnastik ausübt, sondern ein Konzept vorstellt. Dies ist ein Prinzip, und es ist völlig Frei und unabhängig von der Fechtlehre des Johannes Liechtenauers: Das Prinzip Talhoffer.

Hans Talhoffers Kreisübung im „Gotha“

◄ Die Kreisübung im „Gotha“ führt das Konzept der zuerst vorgestellten Hauübung konsequent mit Übungspartner fort. Wie gesagt, für eine Kreisübung ist immer ein Partner nötig, ohne Partner wäre es nur einen Hauübung. Die Kreisübung besteht aus drei Bildern, die zwei Fechter bei einer Übung zeigen. Bei einem Gefecht würde es eine Auslösung mit einem Treffer geben, dies fehlt hier. In der Übung ist alles drinne, was Hans Talhoffer offenbar für Übenswert hielt: 1. Zufechten, 2. Arbeit im Hinterband, 3. Auflösen des Bandes durch Ringen am Schwert.

• Die Kreisübung beginnt in der Darstellung in einer Phase zwischen 3. Auflösen des Bandes durch Ringen am Schwert und 1. Zufechten. Man sieht die Trennung der beiden Fechter durch das Ringen am Schwert. Beide Fechter haben nur die rechte Hand am Schwert, mit der linken Hand, den Arm steil erhoben, haben sie mit einer steigenden Bewegung das Band gebrochen. Ein Fechter wurde dadurch fortgestoßen, was an dessen abgewendeten Kopf zu sehen ist. Der andere Fechter geht gerade mit einem Kreuzschritt zum Zufechten über, einem Kreuzschritt, wie er bei den Hauübungen als Oberhau mit zwei Schritten links und rechts dargestellt wurde. Erst durch diese Darstellung, gewissermaßen Anfang und Ende der Übung, wird es klar, daß es sich um eine Kreisübung handelt.

• Beginnen wir hier also hier, wie Talhoffer, denn diese Form der Darstellung verknüpft die drei Bilder auf eine logische Art und Weise, mit 3. Auflösen des Bandes durch Ringen am Schwert. Wir beginnen aber mit der Einleitung des Zufechtens. Der Angreifer, der den Kreuzschritt und Oberhau mit zwei Schritten ausführt, hat den rechten Fuß im Kreuzschritt vorgesetzt, er hat somit seinen rechten Fuß im Kreuzschritt hinter Gegners vorderen rechten Fuß gesetzt. Der Angreifer führt nun den zweiten Schritt aus und schlägt einen Oberhau, dabei vereint er wieder beide Hände am Gehilz.

Damit kommen wir sogleich bei 1. Zufechten, an. Der Gegner weicht mit einem Gleitschritt etwas zurück, ohne den rechten Fuß zurück zu nehmen und dreht sich dabei weit nach rechts ein, so daß sein linkes Bein sich ein gutes Stück nach links bewegt, denn der Angreifer kommt durch den Oberhau mit zwei Schritten tief aus der rechten Flanke des Angegriffenen. Wichtig ist: Der Verteidiger schlägt in das Hinterband. Durch den Hau ins Hinterband, verbunden mit der Drehung nach rechts, wird der Angriff tatsächlich aufgehalten, ohne einen eigenen ganzen Schritt gemacht zu haben. Johannes Liechtenauers Methode würde hier eher zu einem ganzen Schritt nach hinten raten, mit einem Hau in das Vorderband. Beide Methoden, Hans Talhoffer wie Johannes Liechtenauer, haben ihre Vor- und Nachteile.

• Im Hinterband angekommen, 2. Arbeit im Hinterband, können beide Fechter nunmehr den Sturzhau links ausführen. Entweder bleibt der Fechter mit dem linken Bein vorne stehen und bewegt sich beim Sturzhau links etwas nach links, wobei der Gegenfechter sich ebenfalls nach links eindrehen wird, im Stande. Oder der Fechter mit dem rechten Beine vor dringt vor und führt einen Schritt mit dem hinteren linken Bein nach vorne aus, etwas in Gegners rechte Flanke, der Gegenfechter wird einen Schritt zurückgehen müssen und sich etwas nach rechts drehen. In beiden Versionen kommen wir in den Stutzhau links, wie eingangs in der Hauübung vorgestellt.

• Gegen das Stürzen im Band ist der Fechter, der Hinterbunden wurde, vergleichsweise hilflos. Wir kommen zurück zu 3. Auflösen des Bandes durch Ringen am Schwert. Jetzt liegt der Schwerpunkt aber auch dem Ringen am Schwert. Gegners Klinge fährt aus dem Zufechten auf mich herab. Was tun? Eine Lösung ist das Schwert zu heben, die linke Hand vom Gehilz lösen und an Gegners Gehilz bringen. Dies ist die Einleitung des Ringens am Schwert. Läßt der Gegner dies zu, dann habe ich mit meiner rechten Hand und meinen Schwert seine Klinge gebunden und zugleich meine linke Hand an seinem Gehilz. Das ist für den Gegner sehr gefährlich, denn ich kann jetzt versuchen mit meinem Ringen am Schwerte näher an seinen Körper zu kommen, um ihn zu verletzen. Eine Möglichkeit für mich wäre jetzt das Schwert mit der rechten Hand fallen zu lassen um meine beiden Hände an Gegners Gehilz zu bringen. Dies wäre das Ende des Fechtens mit dem langen Schwert und ein voller Einstieg in den Ringkampf. Der Gegner hat eine Chance dies zu vereilten: Er läßt ebenfalls seine linke Hand vom Schwertgriff und hebt mit seiner nun freien linke Hand mein Gehilz an. Wir beide heben also nun unsere Schwerter, um sie dem Zugriff im Ringkampf zu entziehen, unser beider linken Arme steigen immer höher. Am Scheitelpunkt dieser Bewegung wird ein Fechter den andere etwas fortstoßen, oft durch Ellbogen and Ellbogen. Dies führt dazu, daß die rechten Arme in einem Bogen nach hinten sinken können und die Klingen sich damit sicher aus dem Band lösen. Beide Fechter haben ihre Schwerter nun in der rechten Hand, die Schwerter befinden sich jetzt auf oder hinter der rechten Hüfte, die Örter zeigen vom Gegner fort geschrägt zu Boden. Der Fechter, der den Gegenfechter etwas fortstoßen konnte, hat einen kleinen Vorteil. Er könnte nun versuchen frontal einen Oberhau zu führen. Dagegen müßte der Gegner nur seine Klinge wieder heben. Er kann aber auch einen Kreuzschritt nach links ausführen. Wir sind wieder bei der Darstellung 3. Auflösen des Bandes durch Ringen am Schwert und die Kreisübung schließt sich.

• Die Kreisübung Hans Talhoffers dient zwei Dingen: Dem üben des Gefühls im Bande und vor allem des Beherrschen des Hinterbands. Ziel der Übung ist es zu verhindern, daß der Gegner im Hinterband es schafft mit einer Hand meine beiden Hände am Schwert zu binden, und somit eine Hand frei bekommt, die mich angreift. Der Angriff kann mit Hau oder Stich erfolgen, aber auch mit einem Eingang in das Ringen am Schwerte. Dies muß ich zu verhindern wissen, dann ist das Fechten aus dem Hinterband nur sehr schwer zu vermeiden.

SIC

◄ Und somit scheint das Talhoffer Prinzip wie ein Leitfaden durch die Hauübung und die Kreisübung im „Gotha“, wie durch Hans Talhoffers gesamtes Werk. Ich möchte das Talhoffer Prinzip in drei Teile gliedern, um es besser verständlich machen zu können:

1. Zufechten durch Erlangen der Hinterbindung. Aus der Hinterbindung erreiche ich ein Höchstmaß an Sicherheit, weil ich mich vollständig aus dem Weg des Gegners begebe. Der Preis dafür ist immer ein längerer Weg, was mich also dazu zwingt immer im Nach zu fechten und/ oder den Kreuzschritt zu nutzen. Die Vorteile der Hinterbindung liegt aber auf der Hand: Es ist mir ein leichtes Gegners Kräfte, die er entfaltet hat um mich zu treffen, nun, aus der Flankenstellung der Hinterbindung, zu verstärken und damit endgültig an mir vorbei in Leere laufen zu lassen. Ober aber ich lasse den Gegner durch seinen eigenen Vortrieb in meine Waffe laufen.

2. Zeitliche Kontrolle des Gegners durch Fechten im Nach. Das Fechten im Nach ermöglicht mir eine sehr starke Kontrolle über Gegners Handlungen und setzt den Gegner durch sein eigenes Fühlen durch meine Handlungen im Nach beständig unter den Einfluß meiner Handlungen, die sich ja eigentlich aus den Impetus der seinen ergeben. Somit initiiert der Gegner zwar den Erstschlag, aber ich steuere ihn durch mein Nach mit meinen Handlungen oder Impulsen nach dem ersten Kontakt ständig, ohne das er bemerkt, daß alle seine Handlungen sich eigentlich aus meinem Nach speisen. Dies ist vor allem wichtig, wenn der Gegner stärker als ich ist.

3. Frühes Band im Hengen im Tag oder im Ochs. Ich versuche, um der gesteigerten Sicherheit willen, den Gegner so früh es geht im Band zu begleiten, ohne ihn in dieser Phase des Zufechtens mit eigenen Impulsen meine Absichten zu verraten. Eigene Impulse setzte ich bei der zeitlichen Kontrolle des Gegners durch Fechten im Nach. Beim frühen Band im Hengen im Tag oder im Ochs möchte ich eigentlich eher den Gegner verleiten von mir unauffällig kontrolliert tiefer in meinen Raum vorzustoßen. Je tiefer er in meinen Raum vordringt, desto mehr wird er sich selber meinem Einfluß unterwerfen müssen. Drückt der Gegner mich ein, wenn er stärker ist, dann gibt es drei Möglichkeiten: Aus dem Hinterband die Kreisübung, die zu einem erneuten Hinterband (oder Treffer) führt, aus dem Vorderband die Nebenhut, gefolgt von Unterhau und Wechselhau und aus dem Hau auf gleicher Ebene die „inverse Zornhut“ mit Zornhau. Wichtig für mich ist es hier nicht stärker als der Gegner zu sein, sondern ihm möglichst früh im Bande zu begleiten.

► Frankfurt am Main, 2011, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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