Kampf und Kampfkunst

Betrachtungen über den Kampf und die Kampfkunst

◄ Die Kampfkunst ist ein weit gefaßter Begriff. Sie wird allenthalben bemüht, doch in meinen Augen selten sinngemäß erkannt. Die Kampfkunst wird oft in bühnengerechte Umstände verbannt. Ich denke, wir begegnen ihr auch im Alltag, vor allem in unserer Innenwelt, unwissentlich viel öfter, als wir es gerne glauben würden. Behauptungs- und Durchsetzungswille kann echte Kampfkunst sein, in der Gesprächsführung wie im Geschäftsleben, wenn der Mensch Kampfkunst nicht nur als Willen zur Zerstörung begreift, sondern Kampfkunst in erster Linie als Werkzeug der Selbstkultivierung versteht. Alle Kunst hat Länge und Maße. Und die Kampfkunst hat ganz klar ihre historischen Wurzeln. Doch herrschen viele Mißverständnisse, wenn es um den Begriff Kampfkunst geht.

• Da gibt es Menschen, für welche die Kampfkunst ohne Kampf, also unter dem Ausschluß von Gewalt ablaufen soll. Dann gibt es Zeitgenossen, die sich am meisten mit der Frage „wie mache ich es“ beschäftigen. Diese preisen dann oft ihre „tödlichen“ Techniken in bewegten Bildern an. Andere wiederum sind durchaus willig sich zu befeinden, wollen aber als reine Sammler von Stücken oder Techniken auftreten und sich daraus „ihre“ Kampfkunst zusammenbasteln. Und es gibt tatsächlich Mitmenschen, die glauben, daß sich die Kampfkunst und der Sportkampf miteinander vertragen. Schlußendlich gibt es Stimmen, die alle „echten“ Kampfkünste mit ihrem Ursprung nach Asien verlegen wollen. Wieder andere glauben, daß das reine Üben von festgelegten Abläufen völlig genügen würde, um die Kampfkunst zu erlernen, wenn man sich nur genug entspannt oder konzentriert. Wer von ihnen hat nun Recht? Alle? Keiner?

• An dieser Stelle möchte ich trennscharf einwerfen, daß das Siegen, die Meisterschaft, der Umgang mit Gegensätzen aber die Kampfkunst ausmacht. Der Meister siegt, weil er sich daselbst in seinem Wesen voll und ganz beherrscht und dadurch die Gewalt über seinen Gegner erringt. Der Meister hat sich ein tiefes Wissen um Wandel und Anpassung erarbeitet. Der Kampfkünstler hingegen kann ein Meister werden (hoffentlich), aber er muß nicht immer siegen, wenn er die Gegensätzlichkeit zu durchdringen sucht. Auf seinem Wege zum Meister der Kampfkunst muß der Übende sich also nicht beständig mit dem Siegen mühen (was ihn früher oder später nachteilig verändern würde), aber er muß sich immer und überall an dem Verstehen der Gegensätzlichkeit versuchen.

Kampf- und Kriegskunst als Wissenschaft

• Früher galt der Standpunkt, daß die Kriegskunst keine Wissenschaft sei. Kunst kommt wortbedeutsam von Können. Also war die Kriegskunst ein Können des Krieges, welches sich der Kriegsmann durch ein Lernen an der Vergangenheit aneignen konnte. Mit Xenophon (um 426 v. Chr. in Athen geboren) ist die Kriegskunst nicht eine Wissenschaft, sonder eine Anlage, welche den gesamten Menschen in seiner Vollständigkeit in Anspruch nimmt. Die Taktik sieht Xenophon nur als einen sehr kleinen Teil der Kriegsführung an. Ganz ähnlich betrachtet es vor ihm Sunzi (um 534 v. Chr. in Qi geboren). Heute haben wir die Kriegswissenschaften, eine ganze Anzahl von fachübergreifenden Wissenschaften wie Festkörperphysik, Medizin, Chemie, Biologie, Psychologie, Ökonomie, Politologie, um nur einige zu nennen. Also eine Vergeistigung des Krieges.

• Für die Kampfkunst ist dies ein wichtiger Fingerzeig. Denn die Kampfkunst, vordergründig durch das „Können des Kampfes“ dargestellt, wird durch die Kriegswissenschaften schon mal um das Geistige, die Macht der Gedanken, erweitert, denn die Kampfkunst ist die ursächliche Grundlage der Kriegskunst. Viele Menschen setzen die Kampfkunst mit der Taktik gleich, also nur dem Führen von Gefechten an sich. Die Kampfkunst muß sich aber, wie die Kriegskunst, mit Taktik, Operation und Strategie auseinandersetzen, also immer ein vollständiges Bild aller verfügbaren Einflußnahmen erwirken.

• Wenn wir zu dem Kämpfen (rein leiblich) das Geistige der Wissenschaft zählen, dann fehlt uns nur noch ein dritter Bestandteil, um den Menschen (mit Xenophon) in seiner Dreiheit vollständig in der Kampfkunst abbilden zu können: Das Gefühl. Mit diesen drei Anteilen, dem Körperlichen, dem Gefühlsmäßigen und dem Geistigen, kommen wir dem Wesen der Kampfkunst näher: Dem Bewußtsein der Gegensätzlichkeit.

Die Widersacher der Kampfkunst

◄ Leider gibt es auf dem Wege zum Verständnis der Kampfkunst auch ein paar Hürden, welche es zu bewältigen gilt. Diese Widersacher sind namentlich die Gewaltpornographie (Körperlich), der Hass (Gefühl) und die Entmenschlichung (Geistig). Alle drei sind uns Menschen nur zu geläufig, denn sie kommen in einer Unzahl von Erscheinungsarten daher. Deswegen spielt sich Kampfkunst zumeist zu 80 Prozent in unserem Kopfe ab (Strategie und Operation). Nur 20 Prozent mögen im Schnitt als körperliche Auseinandersetzung (Taktik) in Erscheinung treten.

• Viele Menschen glauben aber, daß die Kampfkunst etwas Einfallsloses und urzuständlich Handgreifliches sei. Tumbe Gewalt und Zeitverschwendung habe ich schon vernommen. Von einem Bewußtsein um Auseinandersetzung, Gegensatz und Feindschaft habe ich nur Andeutungen gehört. Von Wandel und einer Anpassung an Veränderungen noch viel weniger. Umgekehrt glaube ich nicht, daß es auch nur einen Menschen auf dieser erbarmungslosen Welt gibt, welcher von Auseinandersetzung, Gegensatz und Feindschaft verschont bleibt. Kampfkunst ist, mit ihrem Bewußtsein der Gegensätzlichkeit und ihrer Meisterschaft des Wandels und der Anpassung, also ein fester Bestandteil unseres Lebens.

Gewaltpornographie

◄ Die Gewaltpornographie kommt uns fast jeden Tag unter. In Erzählung und Film müssen Helden ihre Feinde mit größtmöglicher „Coolness“ abfertigen, was viele Menschen offenkundig unterhaltsam finden. Wir wollen also gefühlskalten Mördern (Gefühlsmäßig), welche ihre Feinde mit gnadenloser Härte (Geistig) vernichten, unsere Bewunderung schenken. Wir lachen oft über solche Zurschaustellungen. Dann wird ein Bildwerk oft danach beurteilt wie grausam seine Darstellungen sind, wie echt ein Gemetzel ausgesehen hat und wie gemein eine Vergewaltigung aufgeführt ist. Hier tritt uns auch ganz stark der Gruppengedanke entgegen: Die Gruppe legt fest welche Formen von Gewalt „sauber“ sind, also auch von Minderjährigen als normal empfunden werden dürfen, wenn sie diese im TV sehen. Ich muß bei solchen Entwicklungen immer wieder an den Circus Maximus denken, in dem abertausend Menschen zur Belustigung den Tod fanden und Frauen von Tieren vergewaltigt wurden.

• Wenn wir schon bei der Antike sind: Die Tragödie wird als großtmögliche Nähe zum Helden versinnbildlicht, die Komödie als größtmöglicher Abstand zum Schauspieler. Gerade Komödien unserer Zeit haben oft eine gewaltpornographische Ausrichtung. Nicht selten lacht man über Mißgeschicke, zum Teil (gerade bei älteren Werken aus dem frühen 20. Jahrhundert) aber auch über echte Gewalt, welche sich gegen die Darsteller richtet. Uns Menschen ist das Lachen als rituelle Umorientierung der Aggression noch immer nicht vergangen, wenn andere Menschen leiden.

Hass

◄ Hass kann unsere Seele leichter befallen, als uns lieb ist. Hass nährt sich zumeist aus Verteilungskämpfen (Körperlich) und aus Herabwürdigungen (Geistig). Letzteres ist auch eine Ursache für den Rassismus und den religiösen Wahn in all seinen Ausprägungen. Mancherlei Zeitzeugen führen an, daß der Rassismus angeboren sei. Allerhand Menschen rechtfertigen ihre Taten damit, daß Gott es ihnen befohlen hat. Dem ist mit Sicherheit in beiden Fällen nicht so. Der Mensch hat in den meisten Gefühlen anfänglich eine Wahl, und eine Rechtfertigung ist zumeist nur das Zeichen der eigenen Schwäche keine eigene Wahl treffen zu können. In einer Gruppe ist diese Wahl durchweg stark eingeengt, je nach Ausrichtung der Gruppe ist der Art der Rechtfertigung also schon vorgefertigt. Wenn der Zug erst einmal abgefahren ist, dann wird es jedoch schwer ihn zu bremsen. Verteilungskämpfe wurden schon immer hart geführt. Das geht so weit, daß man Menschen für ihre Armut verachtet oder Reichen für ihren Wohlstand den Tod wünscht.

• Krieg wurde und wird wegen Gütern ausgefochten, welche es danach zu verteilen gilt. Frei nach Clausewitz: Die Politik ist die Fortsetzung von Wirtschaft, nur mit anderen Mitteln, und der Krieg ist die Durchsetzung von Wirtschaft mit militärischer Gewalt. Das Gefährt des Hasses ist das Gefühl, welches der Mensch nur sehr schwer verneinen kann. Hass kann so stark sein, daß wir „uns vergessen“. Klarer kann der Gegensatz zum Bewußtsein nicht ausgedrückt werden. Zielgerichtete Gewalt stellt psychologisch das Ende einer gescheiterten Bewältigung dar, bei der alle eigenen Ansätze versagt haben. In einer Gruppe kann aber Hass aus der Ohnmacht der eigenen Herabwürdigung durchaus auch ein erwünschtes Gruppenziel sein.

Entmenschlichung

◄ Wir Menschen haben die Möglichkeit andere Menschen, welche gerade den Anführern unserer Gruppe nicht passen (Gefühlsmäßig) oder zu wohlhabend sind (Körperlich), zu entmenschlichen. Alleine dieses Wort „Entmenschlichung“ ist schon ein Unwort. Wie kann man die Greul der jüngsten Kriege verstehen? Sind die Mächte, die sie führen, allesamt aus schlechten Menschen gebildet? Wohl kaum. Aber diese Mächte gehen mit dem Werkzeuge der Entmenschlichung vielleicht nicht so sparsam um, wie sie es tun sollten.

• Die Entmenschlichung scheint mir eine tiefe Anlage unserer Gedanken zu sein. Wie man schon an Schimpansen sieht: Krieg liegt uns in den Genen. Auf der anderen Seite tun wir uns schwer Tiere, welche eine Namen erhielten, zu schlachten. Hier tritt uns eine “Vermenschlichung” des Tieres entgegen. Letztlich geht es wohl nur darum, wer Teil unserer Sippe sei und damit für uns als Einzelmenschen wertvoll ist, und wer nicht, einerlei ob Mensch oder Tier. Das ist hart. Dennoch wiegt das Entmenschlichen schwerer als das Vermenschlichen.

• Verstärkt wird die Entmenschlichung durch das Begeisterungsphänomen (es gibt eine Gruppe, es gibt ein gemeinsames Ziel, es gibt einen äußeren Feind). In der Gruppe wird die Entmenschlichung also befeuert und damit zu einer geistigen Waffe. Gerade Männer sind dafür anfällig, wie gut am Fußball zu beobachten ist. Wenn „starke“ Männer gegen „äußere Feinde“, also andere Menschen, aggressiv sind, dann neigen „mindere“ Männer dazu, diese möglichen neuen Sippenführer zu bewundern. Frauen können nur zu rasch jeden entmenschlichen, der ihrer Sippe gefährlich werden könnte. Männer und Frauen haben also allesamt ihre Last zu tragen.

Und dagegen steht die Kampfkunst?

◄ Leider ja. Man sollte meinen, daß uns die Kultur und die Zivilisation gegen diese Flüche der Stammesgeschichte nützen. Das ist aber leider ein Irrglaube, wie uns die Aufzeichnungen aller Völker blutig lehren. Es ist müßig hier eine lange Liste von Beispielen anzuführen, einjedes Geschichtsbuch liefert uns ausreichend Anschauung.

• Gegen diese Feinde unserer Innenwelt vermag uns nur ein Bewußtsein für den Einsatz von Gewalt in all den Ausprägungen, die es gibt, also körperlich, gefühlsmäßig und geistig, zu helfen. Es ist allerdings ein langjähriges und nicht immer erfolgreiches Unterfangen, die Kampfkunst gegen die drei mächtigen Feinde Gewaltpornographie, Hass und Entmenschlichung zu stellen. Diesen Kampf gegen sich selbst muß man jeden Tag von Neuem führen. Es gibt dabei keine Auszeit. Wie gesagt, es gilt sich immer und überall an dem Verstehen der Gegensätzlichkeit zu versuchen.

• Innerhalb einer Gruppe ist es sehr schwer sich gegen die Gewaltpornographie, den Hass und die Entmenschlichung zu stemmen. Eine Gruppe hat in der Regel eine sehr große Triebkraft, die weit größer als der Widerstand des Einzelnen ist. Und eine Gruppe hat gemeinhin wirksame Mittel, um ihre Mitglieder zu richten, wenn diese sich einem Gruppenziel entgegenstellen. Der Verlust des Ranges (Geistig), die Verachtung (Gefühlsmäßig) und der Ausschluß (Körperlich) sind die bewährten Werkzeuge unserer Vorfahren. In unserer heutigen Kultur kann man auch von der Gehaltseinbuße, dem Mobbing und der Kündigung sprechen.

• Je früher wir damit anfangen uns der Gewaltpornographie, des Hasses und der Entmenschlichung bewußt zu werden, desto besser. Es gibt keine Grenze dafür. Wir finden diese drei Übel im Kleinsten und im Größten. Letztlich wird die Kampfkunst damit zu einer Dimension des Gewissens. Deshalb ist für mich die Kampfkunst als Gegengewicht zu den geltenden Sitten so wichtig.

►► Frankfurt am Main, 2009, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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