Schwert, Schwertkampf und Historische Kampfkunst in der Neuzeit

Das Schwert in der Neuzeit

◄ Das Historische Fechten ist eng mit der Geschichte und der Entwicklung des Schwertes verbunden, auch wenn das Schwert in historischen Zeiten zumeist nicht die ursächliche Kriegswaffe war. Aber auf dem Schwerte ruhte und ruht das Augenmerk. Wenn sich heute Menschen über das Historische Fechten Vorstellungen machen, dann spielt das Schwert darin zumeist eine sehr große Rolle. Das Ringen, das Roß- oder Speerfechten wird selten angesprochen. Die Geschichte des Schwertes in der Neuzeit hat also viel mit der Geschichte des Historischen Fechtens in der Neuzeit gemein.

• Schwerter finden sich heute in unseren Breiten fast gar nicht mehr im Gebrauch. Vor allem messer- oder säbelartige Werkzeuge, allen voran die Machete in ihren verschiedensten Ausbildungen, finden sich in tagtäglicher Verwendung in Afrika, Asien und Südamerika. Oft werden diese Werkzeuge auch als Waffen benutzt. Bei uns gibt es noch das „Taschenmesserprivileg“. Aber außer Trennmessern mit abbrechbaren Klingen und Küchen- oder Schlachtermessern haben wir die Benutzung vom Schwertern, langen Messern und Säbeln aufgegeben.

• Interessant ist, daß bis zum Zweiten Weltkrieg der Haudegen oder der Säbel eine Polizeiwaffe war. Polizeioffiziere mußten Fechtstunden bei Fechtmeistern nehmen. Aber auch die Polizei muß heute laut Polizeigesetz ohne das Schwert auskommen und setzt bei Gewalt ohne Schußwaffen auf chemische Waffen oder Hiebwaffen. In der Polizei lebt aber auch die Schutzwaffe Schild (und auch der Buckler) weiter. Wenn in unseren Tagen von Schwertern die Rede ist, dann wird zumeist der Ausdruck „Historische Waffe“ verwandt.

Was sind historische Waffen?

◄ Historische Waffen kann man grob unter drei Gesichtspunkten betrachten: Erstens die reinen Schaustücke, Nachbauten historischer Waffen, welche der Vorlage nur täuschend ähnlich sehen sollen. Zweitens die echten Nachbauten historischer Waffen, welche in allen möglichen Eigenschaften der Vorlage nachempfunden sind und deswegen oft angeschliffen oder scharf sind. Hierunter fallen auch die Museumsnachbauten. Drittens die Fechtwaffen, welche soweit möglich den Vorlagen ähnlich sind, aber zum sicheren Üben andersartig ausgestaltet wurden. Fechtwaffen sind also Übungswaffen, welche nach Maß, Bewegungsverhalten und Masse möglichst nahe an ihre scharfen historischen Vorbilder heranreichen.

• Der gesteigerte Bedarf an Fechtwaffen begann in den 60’ er Jahren des letzten Jahrhunderts in Tschechien, wo sie für Hollywoodproduktionen („Historienschinken“) benötigt wurden. So ist es kein Wunder, daß Peter Koza, der Gründer von Magisterium, einer der Pioniere des Fechtens mit mittelalterlichen Waffen ist. Seine Lehre kommt ursächlich vom Bühnenfechten und entwickelte sich anhand dessen weiter. So ist es nicht überraschend, daß auch heute noch sehr viele günstige Fechtwaffen aus den Schmieden und Manufakturen tschechischer Schmiede stammen. Einige von ihnen werden auch hohen Ansprüchen gerecht.

• Ende der 80’ er des letzten Jahrhunderts kam das Fechten mit Fechtwaffen nach Deutschland. Heute gibt ein ganzes Netz von Genossenschaften, Vereinen und Schulen, welche den Schaukampf und das Reenactment-Fechten betreiben. Seit der Jahrtausendwende kann man in Deutschland durchaus von einem gesteigerten Interesse am Historischen Fechten reden. Natürlich sind Fechtwaffen immer etwas schwerer als die scharfen Originale, weil der Klingenquerschnitt bei der Fechtwaffe nunmal nicht wie bei der Vorlage auf Null auslaufen kann. Fechtwaffen benötigen Schlagkanten mit mindestens 2mm Breite (Schlagkanten von 1mm erzielen schon eine deutliche Schnittwirkung!). Ich persönliche bevorzuge Schlagkanten von 3 bis 5mm, weil sie einfach sicherer sind.

• Jedoch ist eine Fechtwaffe durch die Formgebung eigentlich das genaue Gegenteil von der scharfen Vorlage: Die Klinge ist an der „Schneide“ am dicksten und weist oft in der Mitte eine oder mehrere starke Hohlungen auf (der Querschnitt gleicht einem Hundeknochen) um Masse zu sparen. Diese Hohlungen werden Hohlkehlen genannt. Scharfe Waffen sind oft umgekehrt aufgebaut: Die Klinge läuft auf Null aus (oder hat eine Fase), die Klingenmitte ist dicker als die Schneiden und hat einen Klingenrücken (der aber ebenfalls eine oder mehrere Hohlkehlen besitzen kann). Schwerter ohne Klingenrücken sind oft von balligem Querschnitt und können ebenfalls eine oder mehrere Hohlkehlen aufweisen. Es muß nicht betont werden, daß der Ort (die Spitze) von scharfen Waffen zumeist lebensbedrohlich spitz ist. Fechtwaffen haben (oder sollten!) stumpf gerundete Örter haben.

• Ich habe die Entstehung der historischen Waffen in drei Abschnitte eingeteilt: der schwertähnliche Gegenstand, das „unzerstörbare“ Schaukampfschwert und letztlich das Fechtschwert.

Der schwertähnliche Gegenstand

◄ Anfänglich wurden zumeist nur schwertähnliche Gegenstände hergestellt, die ich gerne „Eisenbahnschwellen“ nenne. Diese Fechtwaffen  haben mit Schwertern an sich nur wenig gemein. Die gesamte Ausbildung aller Schwertteile hat mehr mit Fantasy als mit Fechten zu tun. Oft werden diese schwertähnlichen Gegenstände auch im Eigenbau hergestellt und sogar geschärft! Aber sie sind immer noch auf allerlei Märkten zu finden. Wie auch immer, schwertähnliche Gegenstände sind nicht fechtbar, sie stimmen in fast allen Eigenschaften nicht mit ihren historischen Vorbildern überein.

• Aufschlußreicher Weise findet man solche „Eisenbahnschwellen“ auch im Historismus des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Denkweise ist klar: Wer solche „Riesenwaffen“ führen konnte, der mußte selber ein Riese gewesen sein. Die kämpfenden Vorfahren wurden auf diese Weise zu urwüchsigen Übermenschen hochgezüchtet, was schon einer Art Ahnenkult nahekam.

Das “unzerstörbare” Schaukampfschwert

◄ Nach den schwertähnlichen Gegenständen begann der Verlauf, welcher zu der Entwicklung von „unzerstörbaren“ Schaukampfschwertern führte. Die Fechtwaffen dieser zweiten Generation sind erheblich zu schwer, man kann sie nicht zufriedenstellend führen. Aber sie gleichen wenigstens teilweise den historischen Vorbildern. Die „unzerstörbaren“ Schaukampfschwerter sind immer stumpf, was für den Schaukampf ja auch sinnvoll ist.

• Das Ziel dieser Schaukampfschwerter war der sorgenfreie, aber fechterisch unsinnige Schaukampf, bei dem beständig, möglichst unter voller Wucht, Hiebe am Mann vorbei geführt wurden. Die größte Gefahr war bei dieser Dengelei das Brechen der Schaukampfwaffen, denn die Hiebe am Mann vorbei wurden immer durch Gegners Klinge aufgefangen, um neue Hiebe am Mann vorbei zu ermöglichen. Folglich wurde die Möglichkeit eines Brechens durch eine massive Überdimensionierung der Schwertteile verhindert.

Das Fechtschwert

◄ Erst in den letzten Jahren, seit der Jahrtausendwende, werden vermehrt echte Fechtwaffen hergestellt. Die Fechtwaffen der dritten Generation kommen ihren historischen Vorlagen recht nahe. Ein gezieltes Üben des Historischen Fechtens ist nun möglich. Diese Fechtwaffen sind aber nicht „unzerstörbar“, daß heißt sie können bei unsachgemäßem Gebrauch auch in Stücke gehen. Fechtwaffen sind immer stumpf, auch zu geringe Schlagkanten sind nicht annehmbar.

• Fechtwaffen haben aber ihren Preis. Ein Schwert mag vordergründig nur ein Stück Stahl sein. In Wirklichkeit ist die Herstellung eines Fechtschwertes aber eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, vor allem was das Schwingungs- und Kippverhalten angeht. Der Preis der Fechtwaffen wird sich erst mäßigen, wenn mehr und mehr Menschen sich für das Historische Fechten in all seinen Ausprägungen begeistern.

Was sind Historische Fechter?

◄ So wie man sich Gedanken über die historischen Waffen und ihre Entstehung in der Neuzeit machen kann, so kann man auch genauso gut über die Historischen Fechter, welche diese historischen Waffen verwenden, nachsinnen. Wie zuvor angeführt, die Geschichte des Schwertes in der Neuzeit hat viel mit der Geschichte des Historischen Fechtens in der Neuzeit zu tun. Historische Fechter beschäftigen sich mit der Sicherung der Quellen, der Auslegung der Inhalte dieser Quellen und der Anwendung der Inhalte. Dies sind die drei wesentlichen Schwerpunkte mit der Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der Fechtmeister in Schrift und Bild.

• Meine Einteilung in die drei Schwerpunkte ist nur eine Gliederung, keine grundsätzliche Zuordnung. Manche Historische Fechter mögen sich durchaus zweien oder allen dieser Schwerpunkte widmen, abhängig davon wie lange sie schon dabei sind und wie weit sie sich dabei entwickelt haben. Oft durchlaufen sie diese Schwerpunkte wie Abschnitte in einem Lernprozess, der sich durchaus wiederholen mag. Und man kann nicht sagen, daß ein Schwerpunkt wesentlich mehr oder weniger als ein anderer zu Erforschung oder zur Rekonstruktion des Historischen Fechtens beigetragen hat.

Die Quellensicherung

HIe hebt sich an meister lichtenawers kunst des fechtens

HIe hebt sich an meister lichtenawers kunst des fechtens, GMN 3227a

◄ Die erste Aufgabe der Historischen Fechter, von mir die „Quellensicherung“ genannt, wurde von den Pionieren und Vorreitern des Historischen Fechtens mit Nachdruck bestritten, wofür wir Nachfolgenden ihnen dankbar sein müssen. Die Quellensichter müssen sich noch nicht zwangsweise mit dem Fechten daselbst abgemüht haben, die Quellenarbeit allein war schon ausschlaggebend.

• Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wurde ein gewisses Interesse an den historischen Künsten der Vorfahren wach. Doch viele dieser Menschen hatten keinen Zugang zu ausreichenden Quellen oder zu der Kampfkunst an sich. Selbst im Nationalsozialismus gab es sinnfreie Versuche das Fechten unserer Vorfahren zur Gehirnwäsche und kriegerischer Ertüchtigung der Jugend zu benutzen. So darf es keinen Leser verwundern, daß unter die erste Generation Historischer Fechter auch viele Verwirrte waren (und leider noch sind), die zum Teil aberwitzige Ansichten ob der Künste der Alten pflegten und pflegen.

• Im zwanzigsten Jahrhundert began die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Quellen und eine Transkriptions- und Sicherungswelle der Manuskripte begann, die bis heute anhält. Immer wieder werden die Originale herangezogen und in hoher Qualität übertragen. Das Internet ermöglicht die freie Verfügbarkeit dieser Quellen.

Die Auslegung

◄ Der zweite Schwerpunkt bei der Auseinandersetzung mit der Historischen Fechtkunst ist die Auslegung der Quellen. Diese begann in den 1980ern auf Basis weniger übertragener Quellen, sehr geringer Sekundärliteratur und dem unbedingten Wunsch, Schwertkampf zu betreiben. Die frühen Historischen Fechter vermochten aufgrund der aufbauenden Arbeit der ersten Generation echte eigene Auslegungen hervorzubringen. Die Grundlagen dafür waren allzuoft eine oder mehrere asiatische Kampfkünste, was sich nicht immer als Segen entpuppte.

• Die frühen Historischen Fechter in den 1990ern hatten viel mit den „unzerstörbaren“ Schaukampfschwertern zu tun, sowie mit dem Schaukampf selbst. So wie es die Schaukämpfer nach besagten „sicheren“ überdimensionierten Klingen dürstete, so strebten diese Historischen Fechter nach „sicheren“ Übungsabläufen und Freifechteinlagen. Manche versuchten (und versuchen) das Fechten weitgehend vom Stahl zu befreien. Völlige Schmerzfreiheit und das Fehlen jeglicher fechterischer Wirkung sind für die Anwendung und das Erlernen der Kampfkunst keine sinnvolle Basis.

• Eine der Schwächen der Auslegung möglicherweise in dem leichtfertigen Umgang mit den Quellen. Es kann eine Art „Supermarkt-Gesinnung“ beobachtet werden. Jeder kann sich frei aus den verfügbaren Quellen bedienen, es wird genommen, was einem persönlich gerade liegt. Diese Einstellung verachtet leider die Quellen, denn der Quelle wird auf diese Weise die Geschlossenheit abgesprochen, welche man ihr allein schon aufgrund der zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Quellen zugestehen muß. So werden munter das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit vermengt, Quellen nicht in ihrer Ganzheit gelehrt und es wird sich um viele Stücke, die man aus irgendwelchen Gründen nicht versteht, auch gar nicht weiter bemüht.

• Manche Historischen Fechter, die sich nur noch der Auslegung widmen, haben sich in den Weiten der Spaßkultur verloren. Ob dies von der „Supermarkt“-Gesinnung herrührt oder umgekehrt vermag ich nicht zu sagen. Doch ich beobachte, daß sie einfach aus der Freude am Auslegen von Quelle zu Quelle huschen, ohne eine dieser historischen Schätze wirklich abschließend zu behandeln. Eine ähnliche Leichtfertigkeit kann man leider auch beim Üben beobachten.

Die Anwendung

◄ Der dritte Schwerpunkt der Historischen Fechter, von mir die „Anwendung“ genannt, war (und ist) in der Lage durch die gewonnen Erkenntnisse der ersten und zweiten Schritte zu einem wirklichen Verständnis der Kampfkunst vorzustoßen. Dies ist ein großer Schritt, der von vielen Fechtern in seiner Tragweite nicht bewußt wahrgenommen wird.

• Was für mich die Anwendung der Historischen Fechtkunst ausmacht, das ist die Erkenntnis, daß die Quellen wirkliche Kampfkunst beschreiben und deswegen die Herangehensweise an das Historische Fechten zu verändern ist. Denn wer Kampfkunst sucht, der ist nicht in erster Linie auf Spaß aus. Wer Spaß sucht, der wird zumeist nur mit wenig Kampfkunst in Berührung kommen. Spaßsucher fühlen sich von der Kampfkunst oft abgestoßen („die schwitzen ja. . .“). Viel reden und wenig üben ist ein leichterer und unterhaltsamerer Weg, als den beschwerlichen Pfad der Kampfkunst beschreiten zu wollen.

• Viele Historische Fechter beklagen, daß die herkömmlichen (oft asiatischen) Kampfkünste das Historische Fechten nicht als vollwertige Kampfkunst vernehmen. Aber wer Respekt einfordert, der muss sich und seine Kunst selber ernstnehmen. Ohne ein Verständnis für die Anwendung ist Historisches Fechten meiner Meinung nach nicht möglich.

• Die heutigen Historischen Fechter können den Vorteil nutzen, auf den beschwerlich gewonnenen Erkenntnissen aufbauen zu können. An ihnen ist es nun die alten Künste nachhaltig wieder zum Leben zu erwecken.

• Beim Unterricht von Stahl auf Stahl bin ich durchaus stolz darauf mir bewußt zu machen, daß meine Schüler möglicherweise die ersten Fechter nach gut 700 Jahren sind (wenn wir unsere älteste Quelle, das I33, betrachten), welche ernsthaft danach streben aus unseren alten Kampfkünsten eine lebendige Anwendung zu erarbeiten. Unser Ziel ist nicht Schulfechten, sondern die ursprüngliche Kampfkunst!

Der Schatz der Neuzeit: die Übertragbarkeit

◄ Der größte Schatz des Historischen Fechtens mit oder ohne Schwert liegt für mich in der Übertragbarkeit. Dies ist es, was für mich das Historische Fechten im Gegensatz zu vielen modernen Auszugskampfkünsten so wertvoll macht. Denn die einen raufen sich nur, die anderen ringen nur, wieder andere hauen sich nur mit Knüppeln oder speziellen Messern. Wenige versuchen die Kampfkunst als Ganzes zu erfassen.

• Die Kräfte, welche an Leib, Gefühl und Geist ansetzen, ähneln sich in allen Kampfkünsten sehr stark. Somit zeigt das Historische Fechten in der Neuzeit ein anderes Gesicht als in der Quellenzeit: Es ist nicht der unmittelbare Kampf auf Leben und Tod der einzige Wert, sondern der Umgang mit Gegensätzen, die Anpassung an Widerstand und die Lösung von Schwierigkeiten. Wie heißt es doch so schön im GNM 3227a auf Blatt 18v: „Vor noch dy czwey dink syn allen kunsten eyn orsprink“.

• Damit ist auch klar, daß Historisches Fechten, vor allem das Ringen, als Selbstverteidigung zu verwenden ist. Aber auch die Waffenkampfkünste des Historischen Fechtens lassen sich mit zahlreichen Alltagsgegenständen (Regenschirm, Spazierstock, Taschenmesser, Schlüsselanhänger, Schraubendreher, Hammer, u.s.w.) durchaus anwenden.

◄◄ Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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