Der Übungswille

◄ Historisches Fechten kann als Brauchtumspflege und experimentelle Altertumskunde bezeichnet werden. Doch es ist vor allem eine Kampfkunst. Es ist kein Bühnenfechten und kein Kampfsport. Wer behauptet, daß im Mittelalter vornehmlich zum Spaße gefochten wurden, der stellt sich außerhalb eines jeden ernsthaften Meinungsaustausches. Im Mittelalter wurde im deutschsprachigem Raume teilweise bis ins 15.Jahrhundert die Kampfgerichtsbarkeit gepflegt (in England wurde diese erst 1819 abgeschafft). Bei dieser Form des Gottesurteils durch Waffengewalt oder schlicht der Wette auf den Kampf gab es keine zweiten Sieger. Unzählige Fehden und Kriege wurden mit der Waffe in der Hand ausgetragen. Also hatte das Historische Fechten viel mit der Ausschaltung des Gegners und wenig mit Freizeitkultur zu tun.

• Daraus folgt, daß der Übungswille beim Historischen Fechten immer eng mit dem Angriffswillen einhergehen wird, mag man nun an dem Gedanken Gefallen finden oder nicht. Denn das Fechten, das Kämpfen, ist kein Selbstzweck. Natürlich ist heute das Ziel beim Historischen Fechten nicht das Verletzen oder Töten des Übungspartners. Nichtsdestoweniger hat sich die Gesetzmäßigkeit des Kampfes in den verflossenen Jahrhunderten nicht verändert, und ich fürchte sie wird es auch in absehbarer Zeit nicht tun. Deswegen müssen sich Historische Fechter mit dem Geistesgut der Ausschaltung des Gegners beschäftigen. Dazu ist der Angriffswillen erforderlich, nein, zwingend notwendig, denn nur so erreiche ich den Gegner bevor er mich erreicht.

Der Angriffswille ist der Grundgedanke des Fechtens und damit so etwas wie ein Klebstoff, welcher die Bewegungen des Fechtens zusammenhält. Ohne den Angriffswillen geht das Fechtens seines Inhalts verlustigt und die einzelnen Abläufe des Fechtens lösen sich in zusammenhangslosen Schautanz auf. Der endgültige Todesstoß für die Fechtlehre ist dann die Versportlichung.

• Wenn mir jemand mit einem Meter Stahl zuhaut, zum Kopfe und zum Leibe, dann nehme ich diesen Vorgang erst einmal als Bedrohung wahr. Dies schützt mich vor falschen Vorstellungen über Gewalt und ihre Folgen. Denn wer sich des Angriffwillens und den damit zusammenhängenden Gefahren beim Fechten nicht bewußt ist, der läuft Gefahr sich einen fahrlässigen Umgang mit seinem Übungspartner anzueignen. Außerdem kann er auch seelischen Schaden nehmen und den Übungswaffengebrauch als ein gewaltpornographisches Lusterlebnis wahrnehmen. Ähnliche Gefahren lauern im Schwertkult.

Langes Schwert

Langes Schwert

• Der Umkehrschluß gilt aber auch: Mag das Fechten den Angriffswillen und die Ausschaltung des Gegners beinhalten, es ist mehr, als nur eine grimme Anweisung, um das Kampfunfähigmachen des Gegners zu erlernen. Ganz wichtig ist mir die Einsicht, daß Fürsorge, Mitgefühl und Respekt einen bewährten Fechter ebenso ausmachen wie das Beherrschen der Fechtlehre. Denn nur durch Fürsorge, Mitgefühl und Respekt kann ich mich der Gewaltfreiheit nähern. In der Anwendung ist eine unbedingte Liebe für das Leben wichtig, welche alle eigenen Absichten mäßigen muß. Wird in der Notwehr vom Gesetzgeber das mildeste Gewaltmittel gefordert, so gilt dies erst recht für meine eigene seelische Unversehrtheit.

• Dieser innere Widerspruch ist in allen Kampfkünsten zu finden, also auch im Historischen Fechten. Diese Eigentümlichkeit, der Angriffswillen zur Ausschaltung des Gegners und die Gewaltfreiheit, ist ein starker Gegensatz, an dem sich viele Fechter nicht herantrauen. Manche kennen ihn noch nicht einmal. Doch sie müssen alle früher oder später durch dieses Nadelöhr der Dualität, wenn sie das volle Ausmaß der Kunst erfahren wollen. Deshalb sollte von Anfang an mit diesem Anspruch geübt werden: Willentlich das Ausschalten des Gegners üben, um sich der Gewalt zu entledigen!

• Leider wird heute jungen wie alten Menschen ein völlig anderes Bild vom Fechten, der Gewalt und dem Umgang mit der Gewalt vermittelt. Action- und Horrorfilme, Ballerspiele, Deeskalation im Polizeieinsatz, windig-gestalterische Anwälte, Täterschutz vor Gericht, u.s.w. sind alles Mittel, die verhindern, daß der Mensch sich der Gewalt wirklich bewußt wird und feststellt, daß sie in einem jedem schlummert.

Die Übung des Fechtens

◄ Die Einsicht, daß früher auch mit scharfen Waffen gefochten wurde, sollte man als Historischer Fechter nicht weiter ausführen müssen. Also muß sich das Historische Fechten in seinen Übungen an dieser Maßgabe ausrichten, oder es wird zum Fechtsport.

• Beim üben, kooperativ oder nicht kooperativ, üben wir das Ausschalten des Gegners durch das Mittel des Angriffswillens. Nicht um zu töten, sonder um zu üben wie wir mit einem Gegner umgehen, welcher uns wiederum verletzten oder töten möchte. Heute wird dieser Vorgang mit dem Begriff „Selbstverteidigung“ verschleiert. Dieser Begriff ist sprachlich vollkommen untauglich, denn nur durch eigene Angriffe halten wir einen Gegner, welcher wiederum uns angreift, vom Leibe. Die „Selbstverteidigung“ müßte eigentlich „Selbstschutzgegenangriff“ heißen. Doch mancher Richter glaubt immer noch, daß die Verteidigung des eigenen Lebens rein passiv, also rein verteidigend, erfolgen kann. Und Richter sind es letztlich, nicht Gewalttäter, die über Wohl und Wehe der Überlebenden entscheiden. Dies ist eine recht erschreckende Einsicht, finde ich.

• Alle Menschen werden mit einer Tötungshemmung geboren, wenn sie seelisch gesund sind. Dieser muß man sich bewußt werden. Alleine schon darüber zu reden, daß ein Kampfkünstler die angeborene Tötungshemmung durch willentliches Üben abstreifen muß, ist für viele Zeitgenossen schon eine Heimsuchung. Wer aber immer noch im Zweifel ist, ob das Historische Fechten den Angriffswillen beinhaltet, der wende seinen Blick den Übungen des Historischen Fechtens zu.

• Als Erstes fällt mir dazu die Körperhaltung und Körperspannung ein, um gerichtete Kräfte auf den Gegner übertragen zu können oder die seinen abzuleiten. Gerade die Körperspannung wird leider als Maßgabe der Energieentfaltung und Energieaufnahme stark vernachlässigt. Viele Fechter müssen bei Hauen, Stichen und Schnitten ausholen. Andere werden wie Papier eingedrückt, wenn es zur Bindung kommt.

Langes Schwert• Als Zweites kommt mir die Laufschule in den Sinn, um angreifend die Entfernung zum Gegner zu überbrücken oder seinen Angriff durch Eigenbewegung zu entschärfen. Die Laufschule kann sich nur durch eine Gewißheit über Reichweiten voll entfalten. Den Gegner an Kopf und Leib zu erreichen, ohne das er mich erreichen kann, daß kann als oberster Grundsatz der Laufschule gelten.

• Als Drittes denke ich an die Grundhaue, mit denen ich lerne dem Gegner zuzuhauen, um ihn zu verletzen oder, wenn unumgänglich, zu töten. Bei den Grundhauen ist die Vorstellung eines fehlenden Angriffswillens geradezu aberwitzig. Alle Grundhaue sind als Angriffe erschaffen, welche durch einen Gegenangriff einen vorliegenden Angriff des Gegners zunichte machen.

• Als Viertes möchte ich die Huten anführen, welche die Ausgangshaltungen für den Übungswaffengebrauch sind, um diese möglichst wirksam gegen den Gegner einzusetzen. Jede Hut hat an ganz unterschiedlichen Stellen Bereiche wo sie stark oder schwach ist. Sie unterschieden sich damit deutlich voneinander und für jede Hut gibt es günstige oder ungünstige Umstände.

• Als Fünftes will ich einfache Versatzungen darstellen, denn nur wenn ich den ersten Augenblick eines Gefechts überleben kann, habe ich die Gelegenheit überhaupt erst im Bande fechten zu können. Das Fechten aus dem Bande ist es aber, welches dem besseren Fechter klare Überlegenheit über seinen Gegner gewährt.

Der Angriffswillen

◄ Jede Form von Gewalt ist für mich ausnahmslos erst einmal zu verurteilen, dazu zähle ich neben der körperlichen Gewalt auch die seelische (z. B. Beleidigung, Drohung, Mobbing) und geistige Gewalt (z. B. Verletzung der Menschenwürde, Volksverhetzung). Dies mag für einen Fechter als eine erstaunliche Einstellung gelten, doch nur so kann ich das Fechten als Kampfkunst gewahren. Kunst kommt von Können, und eine Kampfkunst lehrt den Umgang mit dem Kampfe, sprich der Gewalt. Nur wenn ich selber gewaltfrei bin kann ich alles zulassen, was der Gegner im Kampfe mit seinem Angriffswillen gegen mich richtet und vermöge der Kunst in dem Augenblick schlagen, in dem es sich ereignet. Dabei ist weniger mehr und scheinbare Umwege führen mich oft schneller ans Ziel. Wieder türmen sich Gegensätze auf, doch Kampf an sich lebt vom Gegensatz!

Buckler und Schwert

Buckler und Schwert

• Mein Angriffswillen gebiert sich daher aus dem Angriffswillen des Gegners. Dies ist der einzige Weg gewaltfrei mit Gewalt umzugehen. Dazu muß ich den Angriffswillen des Gegners aber erst einmal kennen lernen. Ich muß mich mit der Gewalt also beschäftigen und auseinandersetzen, um sie letztlich überwinden zu können. Deswegen braucht das Fechten den Angriffswillen als innere Folgerichtigkeit.

• Gleichwohl ist der Angriffswillen rechtlich gesehen ein heikler Bereich in Deutschland. Der Angriffswillen kann nur beim Fechten im Ernste seine volle Entfaltung erfahren. Rechtlich kann damit der Angriffswillen nur in einer Notwehrlage seine Anwendung finden. Für die ausführenden Gewalten des Staates ist der Anwendungsrahmen erweitert (z. B. Zugriff der Polizei, Kriegseinsatz der Bundeswehr).

• Doch die Notwehr selber unterliegt in Deutschland auch Gesetzen, ein Angriff muß gegenwärtig und rechtswidrig sein, um Notwehr zu rechtfertigen. Die Notwehr darf eine angemessene Gewaltschwelle nicht überschreiten (Notwehrexzeß, Überschreitung der Notwehr), sie darf auch nicht provoziert worden sein (Notwehr- und Abwehrprovokation). Neben strafrechtlichen Erwägungen gilt es aber auch die zivilrechtlichen Folgen zu bedenken, welche durchaus massiver sein können, wenn es zu nicht tödlichen Verletzungen kommt (30 Jahre Haftung). Alle Zusammenhänge über Notwehr zu erörtern fällt selbst gelernten Juristen schwer, von den Launen des Richters möchte ich erst gar nicht anheben. Deswegen gilt: Besser erst gar nicht in die Lage kommen Gewalt anwenden zu müssen!

Politisch Korrekt?

◄ Das politisch Korrekte, mit seinem fürchterlichen Neusprech, ist in viele Bereiche der Gesellschaft tief eingedrungen. Kriege werden im Sinne von Clausewitz als Fortführung der Politik befohlen, aber nicht so benannt. Die „Verteidigungsministerien“ hochgerüsteter moderner Staaten führen Angriffskriege gegen Drittweltländer. Gewalt und die Berichterstattung darüber wird an verschiedenen Teilen der Bevölkerung verschieden bemessen. Medien und Politik mischen sich immer stärker in die Arbeit von Polizei und Gerichten ein. Den Begriff „Selbstverteidigung“ und die damit verbundenen schöngeistigen Vorstellungen habe ich schon beschrieben.

• Das politisch Korrekte birgt immer große Gefahren, wie jedes Extrem. Nur wenn ich mir ein Bewußtsein für den politisch inkorrekten Angriffswillen beim Fechten schaffen kann vermag ich einen vorsichtigen, rücksichtsvollen und vor allem sicheren Umgang mit meinem Übungspartner und auch mit mir selber zu erlernen. Dies gilt körperlich, seellisch und geistig. Da hilft kein Verharmlosen oder Verniedlichen. Ganz im Gegenteil. Nur durch Bewußtsein für den Augenblick werde ich den Gefahren gewärtig, welche das Fechten für den Fechter bereithält.

► Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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