Aktuell im Forum

Weg und Ziel

Der Weg und das Ziel

Das Ziel

◄ Mein Ziel für Stahl auf Stahl ist die Vermittlung der Kampfkunst. Das ist kein geringer Anspruch. Es wird auf den kommenden Seiten noch viel von den verschiedenen Begriffen der Kampfkunst die Rede sein. Doch sollte am Anfang einer Reise immer auch ein Gedanke auf das Ziel verwandt werden. Mag auch, mit Konfuzius, der Weg das Ziel sein, so ist doch die Kampfkunst kein Selbstzweck und klar auf ein Ziel ausgerichtet. Die Angstfreiheit beim Umgang mit der Gewalt und die Freude an der Bewegung würde ich in unseren heutigen Tagen als Ziel nennen. Die Wenigsten von uns kämpfen regelmäßig auf Leben und Tod, und das ist gut so. 

Mein Ziel für Stahl auf Stahl ist die Vermittlung der Kampfkunst.

Dieses Ansinnen muß sich im Unterricht wie im Alltag gegen viel mehr Widerstände behaupten, als man sich gemeinhin vorstellt. Dazu möchte ich mich über jenen in dem Beitrag „Ziel“ vorgenannten Ausspruch „der Weg als das Ziel“ des Konfuzius (um 551-479 v. Chr.) äußern, denn seine Belehrung berührt die Vermittlung der Kampfkunst nicht wenig. Andere Geister haben diesen Gedanken aus Fernost mit dem Begriff „sein Kreuz aufnehmen und mir nachfolgen“ durchaus in ähnlicher Betrachtung gezeichnet, nur daß sie einen Schritt weiter als Konfuzius gingen. Ich möchte aufzeigen warum es sich so verhält. 

• Zu diesem Zwecke möchte ich verschiedene philosophische und mystische Aussprüche vergleichen, welche räumlich und zeitlich in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen. Gleiches wäre mit den Kampfkünsten der unterschiedlichen geographischen und historischen Verläufe möglich, ohne auf die Gestaltung ihrer Entstehung Rücksicht zu nehmen („Vnd vor allen dingen vnd sachen / saltu merke~ vnd wissen / das nür eyne kunst ist des swertes (GNM 3227a, Blatt 13v).“ 

• Damit möchte ich durchaus eine Entsprechung zwischen Kampfkunst, Mystik und Philosophie nahelegen, welche auf dem eigenen Erleben fußt und nicht wirklich erklärt, sondern nur beschrieben werden kann. So wie der Lehrer der Kampfkunst dem Schüler nur die Verhalte der Kampfkunst aufzeigen kann, ihm den ersten Schwung geben kann, bis der Schüler selber sich die Kampfkunst erobert, indem der Schüler seine eigenen Erfahrungen zu Wissen verdichtet. „Auch merke das / und wisse das man nicht gar eygentlich und bedewtlich von dem fechten mag sagen und schreiben ader aus legen / als man is wol mag / is wol mag czeigen und weisen mit der hant / Dorume tu of dyne synen und betrachte is deste vas / und ube dich dorynne deste mer yn schimpfe / zo gedenkstu ir deste vas in ernste / wen ubunge ist besser wenne kunst / deine ubunge tawg wol ane kunst aber kunst tawg nicht wol ane uebunge (GNM 3227a, Blatt 15r).“ 

Der Weg ist das Ziel

• „Der Weg ist das Ziel“ ist heute ein beliebter Ausspruch. Die Übersetzung aus dem Chinesischen ist nicht ganz treffend, denn das Wort „Tao“ kann vieldeutig mit „Weg“ und „Ziel“ übersetzt werden. „Zhi yu Dao“ (Konfuzius, Lunyu 7.6. Kapitel Shu Er), kann man übersetzen als: „Ich habe meinen Willen auf den Weg gerichtet“. Aber auch: „Ich habe meinen Willen auf das Ziel gerichtet“. Oder: „Der Weg ist das Ziel“. Sowie: „ Das Ziel ist der Weg“. Weiterhin: „Sich das Ziel setzen im Wege“. Freilich auch: „Sich den Weg setzen im Ziele“. Wenn man das Altgriechische hinzuzieht (Methode: Altgriechisch für „Verweglichung, Weg“) wird es noch toller: „Die Methode ist das Ziel“. Spätestens mit dem Altgriechischen stellt es sich immer klarer heraus, daß Konfuzius einen systematischen Fehler begangen haben muß. 

Dschuang Dsi

• Ein Weg bildet sich, mit Dschuang Dsi (um 365-290 v. Chr.), dadurch, daß er begangen wird. Das ist ein sehr starker Gegensatz zur Eröffnung des Konfuzius, welcher den Weg als das Ziel nennt (Konfuzius trennt sich erst mit der Überlieferung durch seine Schüler vom Taoismus). Was möglich ist, ist nach der Lehre des Dschuang Dsi möglich, was unmöglich ist, ist unmöglich. Auch dies hat auf den Weg und sein Ziel nicht geringe Auswirkungen. Denn es gibt neben dem Wege auch Umwege und dann noch Irrwege. Umwege bringen mich auf einem längeren Wege an mein Ziel. Irrwege bringen mich überhaupt nicht an mein Ziel. Man kann zusammenfassen: Der Weg ist das Ziel, aber nur durch das Begehen bildet sich der Weg. Verkürzen wir diese Aussage, so erhalten wir den Kernsatz: „Durch Begehen bildet sich das Ziel“. Dies ist im philosophisch-mystischen Taoismus durchaus zutreffend. Nur was hat das mit der Kampfkunst zu tun? 

• Nach Aristoteles (384-322 v. Chr.) hat Chilon von Sparta, einer der Sieben Weisen der griechischen Antike, bei seiner Ankunft im Tempel von Delphi drei Sprüche als Opfer seines Verstandes auf eine Säule geschrieben: „Erkenne dich selbst“, „Nichts zu sehr“ und „Bürgschaft bringt Unheil“ („Bürgschaft bringt Unheil“ ist ein Ausspruch des Thales von Milet, ebenfalls einer der Sieben Weisen). 

• Ich möchte die Weisen Chilon und Thales wie folgt in das Schlußvermögen dieses Beitrages stellen, was aber die Vorsokratiker in der Betrachtung nicht zwingend zu Mystikern machen soll: Das Erkennen des Selbst kann als der Anfang des Weges bezeichnet werden. Hier liegt auch die allergrößte Schwierigkeit, denn wie soll ein kausal gliedernder Verstand einen Verhalt erfassen, eine Idee des Subjekts, welche in ihrem letzen Freiheitsgrad der Ursächlichkeit entflieht? Das „nichts zu sehr“ möchte ich als Begehen des Weges verstehen, denn nur wenn ich nicht in die Gegensätzlichkeit verfalle, also nicht versuche einen Gegensatz zu bejahen und den anderen Gegensatz zu verneinen, werde ich meine Reise in immerwährender Bewegung fortsetzen können. Die Bürgschaft, die Unheil bringt, kann als das Ziel des Weges betrachtet werden, denn nur ohne Anhaftung an Umstände und Äußerlichkeiten ist es möglich das Ziel des Weges überhaupt auszumachen. Dschuang Dsi nennt es wortgewaltig des „Fasten des Herzens“. Eine Bürgschaft beschreibt die eigene Haftung für eine zweite Person einer dritten Person gegenüber, also eine Anhaftung, welche meine Haftung der Verantwortlichkeit eines anderen überstellt. Besser kann man die Herrschaft des Ichs im Bewußtsein des Menschen nicht veranschaulichen. 

Plotin

• Plotin (um 205-270 v. Chr.), mit seinen Werke „Enneaden“: „Was hat die menschliche Seele veranlaßt, das Eine, an dem sie Anteil hat und dem sie ganz angehört, zu vergessen und mit ihm sich selbst nicht mehr zu kennen? Die Überhebung und der Drang zum Werden, der Zwiespalt und der Wille, sich selbst anzugehören, waren der Beginn des Unheils.“ Oder: „Immer wieder, wenn ich aus dem Leibe aufwache in mich selbst, lasse (ich) das andere hinter mir und trete ein in mein Selbst, sehe ich eine wunderbar gewaltige Schönheit. . . verwirkliche höchstes Leben, bin eins mit dem Göttlichen und auf seinem Fundament gegründet“. Sowie: „Wer das Eine aber geschaut hat, der weiß, was ich sage, daß nämlich die Seele alsdann, indem sie herannaht und endlich anlangt und an ihm Teil erhält, ein neues Leben empfängt und aus diesem Zustand heraus erkennt, daß hier der Spender des wahrhaften Lebens bei ihr ist und sie keines Dinges mehr bedarf, daß es vielmehr gilt, alles andere von sich abzutun und in ihm allein stille zu stehen, es zu werden in reinem Alleinsein, alles übrigen uns entschlagend, was uns umkleidet.“ 

• Dschuang Dsi, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, Buch Sieben, Abschnitt 6 „Der Spiegel des Herzens“: „Der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel. Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen. Er spiegelt sie wider, aber er hält sie nicht fest. Darum kann er die Welt überwinden und wird nicht verwundet. Er ist nicht der Sklave seines Ruhmes. Er hegt nicht Pläne. Er gibt sich nicht ab mit den Geschäften. Er ist nicht Herr des Erkennens. Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich und weilt jenseits des Ichs. Bis auf das letzte nimmt er entgegen, was der Himmel spendet, und hat doch, als hätte er nichts. Er bleibt demütig.“ 

• Bernhard von Clairvaux (1090-1153), aus seine 86 Predigten über das Hohelied Salomos: „Dürre ist jede Speise der Seele, wenn sie nicht mit diesem Öl getränkt ist, unschmackhaft, wenn dieses Salz sie nicht würzt. Wenn du schreibst, so sagt es mir nicht zu, es sei denn, ich lese Jesus darin, wenn du sprichst oder dich unterredest, so sagt es mir nicht zu, es sei denn, ich höre Jesus in deinen Worten. Jesus ist Honig im Mund, Melodie im Ohr, Jubelsang im Herzen. Wird jemand unter euch traurig? Nun, so möge Jesus in sein Herz kommen. Und sieh, wenn er seinen Namen ausspricht, dann wird es licht, die Wolken verschwinden, und der blaue Himmel ist wieder da. Fällt jemand in Sünde, gerät er verzweifelnd in Stricke des Todes: er wird alsbald lebend aufatmen, wenn er den Namen des Lebens anruft. Wer hätte nicht alle Furcht verloren und Zuversicht gewonnen, wenn er, in Gefahr erzitternd, im Geist des heilbringenden Namens gedenkt? Wer hätte nicht, wenn er von Zweifeln umgetrieben wird, Gewißheit aus der Anrufung des Namens Jesu gewonnen?“ 

• Es liegt wohl in der Natur des Menschen sich auf dem Wege viel Zeit und viel Platz für Irrungen und Wirrungen zu verschaffen. Gleichwohl ist eine Entwicklung ohne Irrtümer wahrscheinlich nicht möglich. Nur jenes „Erkenne dich selbst“, nur die innere Schau, der „Spiegel des Herzens“, nur der heilsbringende Name Jesus, nur diesen vielen Ansätze unterschiedlicher Benennung, Zeit und Kultur sind es, welche in ihrer Gesamtheit den Suchenden wieder auf den Weg zu führen vermögen, wenn er in die Irre ging. Denn das Begehen des Weges ist nicht einfach, weil schon die Beschreibung des Weges an sich nur schwer zu vermitteln ist. Das Verhängnis des Menschen mag in der Vieldeutigkeit der Beschreibung des Weges liegen, welche jedwede Entscheidung und Gefühlsregung zu einer philosophischen Begebenheit machen kann. 

• Meister Eckhart (1260-1328) ist ein Werk namens „Granum sinapis“ zugeschrieben. Dort heißt es: „Der Weg führt dich in eine wunderbare Wüste, die breit, die weit, unausmessbar sich ausdehnt. Die Wüste hat weder Zeit noch Stätte, ihr Dasein kommt nur ihr allein zu. Diese Wüste, dieses Gut, durchschritt nie ein Fuß, geschaffener Sinn gelangte nie dahin: Es ist, und niemand weiß, was es ist, es ist hier, es ist da, es ist ferne, es ist nah, es ist tief, es ist hoch, es ist so beschaffen, daß es weder dies noch das ist.“ 

• Margareta Porete (um 1255-1310), die Verfasserin des Werkes „Spiegel der einfachen Seelen, die nur im Wunsch und in der Sehnsucht nach Liebe verharren“ war eine Begine, welche 1310 leider auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Bei ihr lautet es: „Der sechste Zustand besteht darin, daß die Seele sich wegen ihres Abgrunds an Demut nicht sieht. Gott aber nicht wegen der Erhabenheit seiner Güte. Gott jedoch sieht sich in ihr in seiner göttlichen Majestät, durch die er diese Seele verklärt, so daß sie nicht sieht, was da noch wäre, außer Gott allein, der ist und durch den jedes Ding ist. Das aber, was ist, ist Gott selbst, und darum sieht sie nichts außer Gott selbst. 

Die Wolke des Nicht-Wissens

• „Die Wolke des Nicht-Wissens“ ist ein Werk eines unbekannten englischen Verfassers aus dem 14. Jahrhundert. Dort wird angeführt: „Selbst wenn du schon alle anderen Geschöpfe mitsamt ihren Werken und dazu auch alle deine eigenen Werke vergessen hast, sogar dann wird noch ein bloße Bewußtheit und Empfindung deines eigenen Selbst zwischen dir und Gott bleiben, die jedoch stets ertötet werden muß, bevor du die Vollkommenheit dieses Werkes wahrhaft fühlen kannst.“ 

Bernhard von Clairvaux

Bernhard von Clairvaux in einem hochmittelalterlichen Manuskript

• Bernhard von Clairvaux teilt uns ferner in seinem „Liber ad milites templi de laude novae militiae“ einige bemerkenswerte Einsichten zum Weg mit: „Vor allem zur Erquickung heiliger Menschen hast du Bethlehem vor dir, das Haus des Brotes, in dem zum ersten Mal jener, der vom Himmel herabgestiegen war, aus der Jungfrau geboren, als lebendiges Brot erschien. Dort wird den frommen Lasttieren die Krippe gezeigt und in der Krippe das Gras von der Wiese der Jungfrau, damit wenigstens auf diese Art der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn erkennt. ‚Denn alles Sterbliche ist wie das Gras, und all seine Schönheit wie die Blume des Grases.’ Deshalb, weil der Mensch seine Ehre, in der er erschaffen wurde, nicht verstand, ist er den unvernünftigen Tieren verglichen und gleich geworden. Das Wort, das Brot der Engel, ward zum Futter der Lasttiere, damit der Mensch, der es verlernt hatte, sich mit dem Brot des Wortes zu nähren, das ‚Gras des Fleisches’ zum Wiederkäuen habe, damit er, durch den Gottmenschen zur früheren Würde zurückgeführt und aus dem Tier wieder zum Menschen geworden, mit Paulus sagen kann: ‚Und wenn wir auch Christus dem Fleische nach gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so.’ Ich denke aber, daß niemand es in Wahrheit sagen kann, wenn er nicht zuvor mit Petrus aus dem Munde der Wahrheit jenes Wort gehört hat: ‚Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe sind Geist und Leben. Das Fleisch aber nützt nichts.’ Wer nun in den Worten Christi das Leben gefunden, sucht nicht mehr das Fleisch; er gehört zur Zahl der Seligen die nicht sahen, und doch glaubten. Denn nur der Kleine braucht einen Becher Milch, und nur das Lasttier braucht etwas Heu. Wer aber durch Worte nicht verletzt, der ist ein vollkommener Mann und fähig, feste Speise zu sich zu nehmen, und er ißt, wenn auch im Schweiße seines Angesichts, das Brot des Wortes ohne Anstoß. Sicher aber und ohne Ärgernis verkündet er die Weisheit Gottes, doch nur unter den Vollkommenen. Er bereitet geistige Speise den geistig Gesinnten, während er den Unmündigen und tierisch Gesinnten gegenüber wegen ihrer geringen Fassungskraft Vorsicht übt, wenn er ihnen nur Jesus, und diesen als den Gekreuzigten vorstellt. Es ist jedoch ein- und dieselbe Speise von der himmlischen Weide, die sowohl von den Tieren wiedergekäut als auch vom Menschen genossen wird, die dem Manne Kräfte gibt und dem Kleinkind als Nahrung dient.“ 

• Der Weg ist also wüst und leer, und nichts ist dort zu sehen. Jede Form von Bewußtheit, der Bürgschaft des Ichs, muß den Weg verderben. Nur im Wege findet der Mensch zu seiner eigentlichen, ursprünglichen Natur zurück. Das Wort, das „Brot der Engel“ ist die Nahrung, welche der Weg bietet, das „Fasten des Herzens“ ist es, welches dem Wege die Richtung gibt. Diese beiden Begriffe bewegten Denkens weisen auf die nicht vernunftgemäße, die nicht vorsätzliche Natur des Menschen hin, welche die leibliche und seelische Bedingtheit überwindet. Die Chinesische Kultur hat dafür den Begriff des „Unsterblichen“ gebildet. Dschuang Dsi benutzt für diesen Zusammenhang gerne die Bezeichnung „der Leib ist starr wie dürres Holz, die Seele ist wie tote Asche“. Mit dem Begehen des Weges kann das Ziel erreicht werden und der Weg wird in seinem Ende einen neuen Anfang finden, welcher die Trennung der Gegensätze aufhebt. 

• Ein Ausspruch des Platon (427-347 v. Chr.) aus dem „Staat“ lautet: „Offenbar ist doch, daß dasselbe nie zu gleicher Zeit Entgegengesetztes tun und leiden wird, wenigstens nicht in demselben Sinne genommen und in Beziehung auf ein und dasselbe.“ Dies kann als eine Grundlage der Logik angesehen werden. Der Umkehrschluß gilt aber auch: Durch das Zusammenfallen oder Aufheben der Gegensätze wird Entgegengesetztes in die Lage versetzt ein und dasselbe zu erschaffen Damit möchte ich beleuchten, daß die Logik und auch die Ursächlichkeit nur einen Bereich des Seins beschreibt, nicht das Sein selber. Hier ist es an der Zeit die Brücke zur Kampfkunst zu schlagen, wenn es um den Weg und sein Begehen geht. 

Die Kampfkunst als Weg

◄ Es ist leicht einem Menschen ein paar Bewegungen beizubringen. Der äußeren Form ist beim Historischen Fechten dank der hervorragender Quellenlage leicht genüge getan. Auch Selbststudium kann für die äußere Form ausreichen. Es ist nicht so leicht einen Menschen dazu anzuleiten, den Inhalt von Bewegungen zu verstehen, also mit Leib und Seele ausdrücken zu können. Die Anwendung der äußeren Form ist beim Historischen Fechten heutzutage fast nicht vorhanden. Bewegungen ohne Vorstellungen von der Anwendung sind nichts, Vorstellungen von der Anwendung ohne Bewegungen sind nichts. Es ist schwer einen Menschen an die Ideen der Kampfkunst heranzuführen, ihn in die Lage zu versetzen die Kampfkunst ungeteilt mit Geist, Körper und Seele zu erfassen, zu verstehen und anwenden zu können. Sich der Idee anzunähern, dem Grund und dem Kern der Kampfkunst, ist ohne ein Verständnis für die Mystik kaum durchführbar. 

• Die Aufhebung der Gegensätze ist nicht leicht zu fassen. Sie hat keine Eigenschaft. Sie ist für uns Menschen eine Wüste, scheinbar öd und vermeintlich leer. Andere Überlieferungen der Mystik sprechen vom Heiligsten, dem Göttlichsten oder dem Arcanum. Wie auch immer, die Aufhebung der Gegensätze geht mit einem Verlust der Persönlichkeit einher, wie ich es bei den Ausführungen zum Wege dargelegt habe. Ob nun der Walvater durch die Walküren mit der Wahl der Gefallenen dem Ich seine Schranken weist, ob „Deus lo vult“ („Gott will es“) uns zu tun heißt was höherer Wille befiehlt oder ob man angehalten wird „die andere Wange hinzuhalten“, es ist immer eine Wesenheit von Jenseits, eine unmenschliche Entität, welche der menschlichen Beschränkung, dem Ich, seine Grenzen aufzeigt. 

• Der Anthropologe Arnold van Gennep beschreib 1909 ein Konzept, welche viele nicht-industrielle, indigene Volksgruppen noch heute pflegen. Dieses Konzept besteht aus drei Phasen: Dem Übergangsritual (Rites de passage), dem Umwandlungsritual und dem Wiedereintrittsritual. Mit dem Übergangsritual trennt sich das menschliche Bewußtsein von seinem Zustand im Diesseits, im Umwandlungsritual wird das menschliche Bewußtsein mit der Einheit des Jenseits konfrontiert und durch diese Begegnung verändert, im Wiedereintrittsritual kehrt der Mensch mit verändertem Bewußtsein wieder in das Diesseits zurück. Dieses Konzept ist in seiner Schlichtheit unübertroffen und es wird gerne zitiert, zumeist aber nur unter dem Schlagwort „Übergangsritual“. Die beiden anderen Drittel des Konzepts scheinen nicht so populär zu sein. Das Konzept Van Genneps ist aber nur in seiner Gesamtheit zu begreifen. 

• Es scheint mir, daß der menschliche Geist nur über Umwege an dem Aufheben der Gegensätze teilhaben kann. Mit Plotin, unser „Zwiespalt und Wille“ ist es, der uns an der Grenze zum Einen aufhält. Die Kampfkünste haben durch die Jahrhunderte, in Ost und West, auf den verschiedensten Wegen versucht das Konzept Van Genneps auf ihre Art und Weise nachzugestalten. Daß die alten Stammeskulturen überhaupt erst, offenbar weltweit, auf dieses wirksame Konzept verfallen sind, ist für mich ein Indikator für die Wichtigkeit dieses Dreiphasenmodells. 

• Der Aufhebung der Gegensätze gegenüber steht der Ichkrieg. Ich habe dieses Wort, den „Ichkrieg“, geprägt, um auf den Widerspruch hinzuweisen, der zwischen willentlichen Entscheidungen der Persönlichkeit („Zwiespalt und Wille“) und dem Aufheben der Gegensätze in der Kampfkunst besteht. Der Ichkrieg stellt die beschwerliche Last der Gedanken dar, welche uns unser Gehirn sekündlich als Antwort auf die Sinneseindrücke unseres Leibes offenbart. In einer Gefechtsumgebung, dem Kriege, also unter großer Anstrengung, kann dies leicht zum Zusammenbruch der kognitiven Fähigkeiten führen, vor allem, wenn man es nicht gewohnt ist Gefahren ausgesetzt zu sein. 

• Der Ichkrieg nimmt an Stärke zu, je mehr ich mich darin übe willentlich und ichgesteuert zu entscheiden. Deswegen ist mein Ansatz das Gegenteil des Ichkriegs: Eine Entscheidung in einer Gefechtssituation sollte möglichst wenig willentlich und ichgesteuert sein und am besten zuerst einmal auf ausgewählten sensorischen Wahrnehmungen beruhen. Diese sensorische Wahrnehmung gilt es möglichst wenig mit dem Verstand zu bearbeiten, was wiederum geübt sein will. Mein Körper soll vermöge des Kleinhirns und des Rückenmarks selber lernen eine Antwort auf die sensorische Wahrnehmung zu finden. So tritt uns das Fühlen im Bande entgegen. Wenn man dies in Ruhe kann, dann kann man sich an Kampfübungen versuchen. Gelingt es bei den Kampfübungen, dann darf man wagen sich auch mit anderen Sinneswahrnehmungen vertrauensvoll im Gefecht auseinanderzusetzen. Ich befinde mich damit in guter Gesellschaft, wie uns unsere Quellen es aufzeigen, denn dieses Vorgehen beim Üben mündet im Indes. Doch zu den Fünf Wörtern möchte ich mich an anderer Stelle auf dieser Webseite äußern. 

• Der Ichkrieg kann nur durch das Zusammenfallen oder Aufheben der Gegensätze bezwungen werden. Dies ist nur logisch, denn nur durch ein Vorgehen, welches dem Denken im Gefecht eine Schranke setzt, kann es mir möglich werden die Last der gegensätzlichen Einteilung in Ich und Außenwelt, Ich und Feind u.s.w. zum Schweigen zu bringen. 

Die Nullsumme

◄ Der Weg in der Kampfkunst hat also ein Ziel, und dieses Ziel ist frei von Gegensätzen. Dies geschieht in der Kampfkunst durch die Anpassungsfähigkeit, welche die wirksamste Waffe eines Fechters ist, viel wirksamer als durch Kraft oder Schnelligkeit. Die Anpassungsfähigkeit führt durch viel Übung zum Zusammenfallen der Gegensätze im Augenblick des Gefechts, wenn es mir gelingt durch proaktive Anpassung, also nicht nur Reaktion, meine eigene Energie mit der Energie des Gegners zu vereinen Was dabei herauskommt kann man physikalisch als die Nullsumme bezeichnen. 

• Dies ist zwar ein mystischer Ansatz, doch durchaus volle körperliche Realität. Alle gerichteten Kräfte der beiden Streiter heben sich gegenseitig auf, ergeben in ihrer geometrischen Summe also null. Das Kräfteparallelogramm ist in sich geschlossen, die Summe der Addition aller gerichteten Kräfte ist null. Im Fechten kann uns der Gegner so nicht treffen, denn jede Kraft, die er aufbringt, wird von einer der meinen Kräfte gegen null geführt. Dies kann durch eine aufhebende Gegenkraft oder durch ein Vorbeilassen von Gegners Kraft an meinem Leibe geschehen, bevor ich zur Nullsumme komme. Letzteres kann dazu führen, daß der Gegner meine Kraft, die ihn umleitet, gar nicht spürt. Im Stande ist dieser Vorgang der Aufhebung viel leichter auszuführen als in der Bewegung, welche in jedem Augenblick zu einem neuen Gleichgewicht führen muß. Hier wird hoffentlich wieder deutlich, das viel, viel Übung, mit Freidank „viel versuchtes Schwert“, angesagt ist, bevor die Schärfe des Indes wirklich beim Üben zutage tritt. 

• Es gibt zwei Wege, um nach dem Zusammenfallen der Gegensätze den Gegner zu treffen. Denn durch das Zusammenfallen der Gegensätze ist ja auch mein eigener Angriff unmöglich geworden. Es bedarf also einer Veränderung, um aus dem Aufheben der Gegensätze wieder zum Gegensatz zu kommen. Nur soll dieser Gegensatz voll und ganz auf Kosten des Gegners gehen. 

• Der erste Weg: Der Gegner erzeugt aus der Nullsumme heraus eine neue abseitig gerichtete Kraft, also eine Kraft, deren Druckrichtung nicht auf mich wirkt. Dies kann Seitens des Gegners bewußt oder unbewußt geschehen. Wichtig für mich ist es, daß ich die neue abseitige Kraft im Entstehen erfühle und dann voll und ganz zulasse. Der Gegner zerstört die Nullsumme und muß auch gleich mit den Folgen dieser Handlung leben. Technisch setzt sich der Gegner, mit den Fünf Wörtern, selber in das Nach. 

• Der zweite Weg: Ich löse mich aus dem Kräfteparallelogramm, indem ich dem Gegner glauben mache, daß meine Kräfte von einer anderen Richtung herkommen, als sie es wirklich tun. Dies ist nur möglich, wenn ich in der Lage bin wirklich proaktiv in den Gegner hinein zu fühlen. Ich bejahe oder verneine die bestehende Kraft des Gegners. Die Verschiedenheit wird nach dem Zusammenfallen der Gegensätze also erneut geboren. Nur bin ich es, der diese Wiedergeburt in Gang setzt. Wird der Gegner nach dem Aufheben der Gegensätze getroffen, so geschieht dies also durch eine neue Kraft, die nur von mir ausgeht. Technisch schaffe ich es, mit den Fünf Wörtern, listig in das Vor zu kommen. 

Gewalt

◄ Aus Wikipedia: “Der Begriff Gewalt (eine Bildung des althochdeutschen Verbs verwalten, bzw. waltan – stark sein, beherrschen) findet vor allem Verwendung, wenn mit Zwang – vor allem physischem, aber auch psychischem – etwas durchgesetzt werden soll. Von den etymologischen Wurzeln ausgehend, bezeichnet der Begriff das „Verfügen können über das innerweltliche Sein“. Die ursprüngliche und gelegentlich heute noch verwendete Bedeutung bezeichnet also rein das Vermögen zur Durchführung einer Handlung und beinhaltet kein Urteil über deren Rechtmäßigkeit.” 

• Jeder Kampf ist reine Gewalt (wenn damit auch politisch inkorrekt). Kampf ist immer Zwang. Stark sein bedeutet Gewalt anwenden zu können. „Stark fechten” könnte man auch “gewaltsam fechten” nennen. Dies ist die eine Seite des Fechtens. Die Gewaltfreiheit des Fechtens ist die andere Seite. Die Gewaltfreiheit kann nur in der Seele und dem Geist des Fechters stattfinden. Anders ist es nicht möglich, denn der Gegner und damit die Außenwelt können allezeit auf unseren Leib einwirken. 

• Wer in den Kampfkünsten versucht gewaltfrei um jeden Preis zu leben, der haftet zu stark bloß einer Seite der Kampfkunst an (Stichwort: „Nichts zu sehr“). Die Gewaltfreiheit wird durch die eigene Anpassungsfähigkeit möglich, körperlich, seelisch und geistig, doch dazu muß ich zuerst einen sehr starken (sprich sehr gewaltsamen) eigenen Standpunkt haben. Ich muß also stark genug sein, um die Welt mit ihrer Schrecklichkeit und Grausamkeit ertragen zu können. Schnell ist hier der Bogen zu den alten Griechen mit „Erkenne dich selbst“ und „Nichts zu sehr“ geschlagen. 

Forenwelten

◄ In den Forenwelten des Internets wird uns viel „der Weg ist das Ziel“ begegnen. Hier verbreiten viele Menschen eine Unmenge von Meinungen, ohne zwischen Weg und Ziel zu unterscheiden. Dies ist im Grunde zu begrüßen, denn Meinungsvielfalt ist ein Zeichen von Duldsamkeit, Friedlichkeit und geistiger Entwicklung (solange sie nicht den Boden des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verläßt). 

• Doch verschiedene Meinungen werden immer verschiedene Meinungen bleiben. Es sind Gegensätze. Auch wenn ich, wieder mit Dschuang Dsi, meinen Gesprächspartner mit Begründungen niederwerfe, habe ich dann Recht? Oder umgekehrt? Auch werden uns Dritte, die wir als Schiedsrichter anrufen, nicht weiterhelfen, denn auch diese sind ihrer eigenen Bedingtheit unterworfen. 

• Gewalt kann sich körperlich, aber auch seelisch und geistig äußern. Was in der Kampfkunst die erwünschte Wirkung ist, jenes Besiegen des Gegners, ist also im Gespräch oder Schriftwechsel nicht immer zielführend. Deswegen kann man versuchen sich der Gewalt im Worte bewußt zu werden. Die Dialektik (im alten Sinne die Kunst der Unterredung) steht gegen die Eristik (die Lehre des Streitgesprächs, die Kunst der Widerlegung eines Beweises). In Dialektik und Eristik finden wir unschwer wieder zwei Gegensätze. 

• Es gibt einen Ansatz, welcher Meinung und Gegenmeinung, Dialektik und Eristik, zu vereinen sucht. Dies ist die These, Antithese und Synthese (heute modern als Dialektik bekannt). Letztlich wird die Aufhebung der Gegensätze durch den Logos (das Brot der Engel oder das Fasten des Herzens) angestrebt. Damit ist die alte Dialektik um philosophische Haltung, Ideenforschung, Metaphysik und auch Mystik erweitert. Die Grundlage der Dialektik im modernen Sinne wird aber immer die Eristik bleiben. Ohne eigenen Standpunkt gibt es keine These. Ohne Grundlage keine Aussage. Was ist nun in der zweiten Ebene richtig, der Beweis, oder dessen Widerlegung, wenn man anstatt des Standpunkts die Grundlage des Gegenübers angeht? Proton pseudos? 

• Was bleibt uns nach all dem Getippe? Beruhigen wir uns im Historischen Fechten an unseren Quellen. Um etwas zu erreichen muß man vor allem loslassen können. Letztlich bleibt uns Menschen nur eines: Der Widerschein der Ahnung, welches das Licht der Erkenntnis von jenseits des Gegensatzes in das Dunkel unserer Seelen diesseits des Zwiespalts wirft. 

►► Frankfurt am Main, 2009, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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