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Kampfkunst

Kampfkunst

 Was ist die Kampfkunst?

Langes Schwert nach Johannes Liechtenauer

• Die Kampfkunst ist nicht an Gehalt umfänglich, auch wenn dies oft von geschäftstüchtigen Lehrern anders dargestellt wird. Es gibt zwar viel zu lernen, doch wenig zu beherrschen. Wie könnte die Kampfkunst auch umfänglich sein, wenn der Fechter sie auf alle denkbaren Umstände ohne Nachzudenken, also fast in Echtzeit, anwenden können soll? „Weniger ist mehr“, dies wäre allzeit meine Antwort, wenn ich mit knappen Worten die Kampfkunst umschreiben sollte. Oder, als Verkehrung, „mehr durch weniger“. Das ist für mich der beste Leitspruch, mit welchem man die Kampfkunst in drei Worten zu beschreiben vermag.

• Die Kampfkunst hat drei Gesichter, welche sich ineinander verschachtelt präsentieren. Mit Abraham H. Maslow (ein US-amerikanischer Psychologe, welcher als Gründer der Humanistischen Psychologie gilt) könnte man sagen, daß die Kampfkunst drei Ebenen hat: Die äußere Form, den Inhalt und die Idee. Man könnte diese drei Ebenen mit Keith R. Kernspecht auch das Exoterische, das Mesoterische und das Esoterische nennen. Leider ist das letzte Wort, das Esoterische, in vielen Köpfen abschlägig belegt. Letztlich ist aber die Kampfkunst eine esoterische Kunst, wenn auch viele Menschen nur auf ihre äußere Hülle, das Exoterische, blicken.

Die äußere Form

◄ Am Anfang drängt es den Übenden danach, etwas in die Hand zu bekommen. Mit dem Beginn des Erlernens der Kampfkunst betrete ich eine neue Welt. Hier brauche ich erst einmal Halt. Diesen Halt bietet mir die äußere Form. Sie ist greifbar und fest. Aber die äußere Form wird trotz all ihrer scheinbaren Stetigkeit immer vergänglich sein (mit Buddha ist nur der Wandel unvergänglich). Weil Loslassen immer schwierig ist lösen sich viele Kampfkünstler niemals von der äußeren Form. Aber die äußere Form ist nur ein Gefäß für den Inhalt. Ohne Inhalt ist die äußere Form wertlos.

• Die äußere Form ist mit Maslow ein Grundbedürfnis und darüber hinaus ein Defizitbedürfnis. Grundbedürfnisse sind alle leiblichen Bedürfnisse und die Sicherheit. Ein Defizitbedürfnis muß befriedigt werden damit man zufrieden ist, aber wenn es gestillt wurde dann hat der Mensch keinen weiteren Antrieb in dieser Richtung mehr. Das ist schade, denn oft muß man die Grundlagen, die äußere Form, viel länger üben, um sie zu beherrschen, als man es sich selber eingesteht.

• Das Bedürfnis nach fester Form ist stark. Körperliche Leistungsfähigkeit und eine gewisse Sicherheit im Alltag streben viele Anfänger der Kampfkunst an. Dann kommt aber die Zeit des Sammelns von Techniken und der dauernden Frage „mache ich es richtig“, von der sich ein Kampfkünstler früher oder später lösen muß.

Buckler & Schwert im 13. Jahrhundert im I.33 Manuskript

 • Beim Historischem Fechten mag man die äußere Form in den Glossen, den Erläuterungen der Abläufe, und den Illustrationen der Fechtbücher finden. Bei den Glossen zu Liechtenauers Lehren darf man nicht vergessen, daß das Lehrgedicht von ihm sein soll, die Glossen aber von seinen Schülern und Nachfolgern stammen. Ich halte auch Liechtenauers Fünf und Talhoffer vier Haue und die Sieben Huten des I33 für Erscheinungsformen der äußeren Form.

• Bei Stahl auf Stahl finden wir in den fünf Aufwärm-Übungen (Schlage, Fange, Streiche, Stich, mit Stößen) die äußere Form. Auch die von mir gestalteten Flußübungen stellen einen Zugang zur äußeren Form dar. Beim Ringen ist es sehr schwer eine äußere Form überhaupt zu finden, da das Ringen durch seine Komplexität mit mehreren Bindungspunkten immer schon sehr stark auf den Inhalt ausgelegt ist.

Der Inhalt

◄ Ist der äußeren Form ausreichend genüge getan, dann wird der Kampfkünstler sich auf die Suche nach Inhalten machen. Als Inhalte können die Umstände verstanden werden, unter welchen die äußere Form zur Anwendung gelangt. Inhalte sind immer gefühlsmäßig ausgerichtet, also auf dem körperlichen Empfinden wie unserem Seelenleben gegründet, obschon wir im Westen den Inhalt eher als vernunftbetont einstufen würden. Dies ist aber ein Trugbild. Nur aus unseren Gefühlen heraus können wir uns die Inhalte der Kampfkunst wirklich zu eigen machen. Denn Nachdenken ist in dem zeitlichen Gedränge des Fechtens nicht möglich. Ich habe einfach keine Zeit zu denken, wenn gefochten wird.

• Der Inhalt erfüllt das Gefäß der äußeren Form mit Leben. Wenn ich die Bewegungen des Fechtens unter Druck sauber ausführen kann, wenn ich mein Gleichgewicht erhalten und schon etwas im Bande fühlen gelernt habe, dann fange ich an mich dem Inhalt zu nähern. Doch ist diese Annäherung, diese Erfüllung der äußeren Form mit Leben, ohne die ihr zugrunde liegende Idee starr und nicht anpassungsfähig. Ohne die Idee ist der Inhalt also nicht wirklich im Augenblick anwendbar. Dies ist für viele fortgeschrittene Fechter eine bittere Erkenntnis.

• Der Inhalt ist mit Maslow ein soziales Bedürfnis und der Übergang von dem Defizitbedürfnis zum Wachstumsbedürfnis. Ein soziales Bedürfnis wird sich immer in den Verhältnissen zu anderen Menschen ausdrücken. Deswegen ist es so wichtig, so viel Zeit wie möglich mit seinen Partnern zu üben. Die Anwendung und das Fühlen kann nur durch den Partner erschlossen werden. Ein Wachstumsbedürfnis kann niemals wirklich befriedigt werden, je mehr man davon erfährt, desto mehr sinnt man darauf. Die Gefahr des Inhalts liegt darin, daß man wirklich nach ihr süchtig werden kann, denn sie vermittelt dem Fechter die Illusion von Kontrolle. Das Zerbrechen dieser Illusion ist immer schmerzhaft.

Die Philosophen (Master of the Judgment of Solomon)

• Der Inhalt ist noch keine Befreiung von der äußeren Form. Aber der Inhalt erfüllt die äußere Form wie angeführt mit Leben. Der Inhalt macht die Enge der äußeren Form erträglich. Viele Kampfkünstler fallen nach einiger Zeit mit den Inhalten aber wieder in die äußere Form zurück, vor allem das Sammeln von Techniken und das „mache ich es richtig“ sind hier zu nennen. Diese Fechter sind sich ihrer durch den Inhalt gewonnen Erfahrungen einfach nicht sicher, sie mißtrauen ihren eigenen Gefühlen, Emotionen wie Empfindungen. Andere wollen einfach die äußeren Formen nicht loslassen, weil sie sich von einer Vielzahl von Techniken mehr Sicherheit versprechen (viel hilft viel).

• Beim Historischem Fechten mag man den Inhalt in den Reimen der Lehrgedichte finden, welche Ballungen von Wissen auf kleinstem Raume darstellen. Für mich ist die Darstellung von Inhalten in Versform ein besonderer Schatz unserer historischen Schriften. Man darf aber nie vergessen, daß Liechtenauer seine Verse in der verdeckten Rede verschlüsselte. Auch in den Illustrationen kann man etwas wie ein „verdecktes“ Bild finden, viele Illustrationen (I33, aber auch Talhoffer) wurden offenbar nicht darauf ausgelegt, daß man sie auch den ersten Blick verstehen soll. Damit sind viele Fechtbücher weit weniger offen, als man es sich gemeinhin vorstellt.

• Bei Stahl auf Stahl können wir die Kreisübungen der verschiedenen Lehren als Brücke zu den Inhalten sehen. Die Kreisübungen haben zwar eine äußere Form, doch ist diese immer voll und ganz von dem kooperierenden Übungspartner abhängig. Damit ist zwar nicht die freie Anwendbarkeit erschlossen, doch schon, und dies nur durch den Beitrag des Übungspartners, ein guter Anteil Inhalt zugänglich. Der kurze Augenblick, wenn ein Zustand durch die Handlung des Gegners in einen anderen Zustand überführt wird, oft ohne mein Zutun, dieses kaum faßbare Zeitmaß, dies ist es, was mir die Brücke von der äußeren Form zum Inhalt baut.

Die Idee

◄ Nach Platon sind Ideen die ewig unveränderlichen Urformen, deren unvollkommenes Abbild die irdischen Dinge sind. Ich finde diese Begriffsbestimmung zeitlos aussagekräftig und kann ihr auch nichts hinzufügen. Die Stufe der Idee, also das Begreifen der Idee, ist in der Kampfkunst so etwas wie eine Mündigsprechung. Ich nenne die Idee auch das Urding, das verborgene oder innere Gesicht der Kampfkunst. Wer sich die Idee erschlossen hat, der kann zwar die äußere Form nutzen, doch er ist nicht mehr wirklich auf sie angewiesen, um den Inhalt zu beherrschen. Diesen Grad von Freiheit gibt es nur durch das Verständnis der Idee.

• Die Idee ist mit Maslow ein geistiges Bedürfnis und des weiteren ein Wachstumsbedürfnis, man kann davon niemals genug bekommen. Maslow nennt als geistiges Bedürfnis die Selbstverwirklichung und die Transzendenz. Die Selbstverwirklichung ist in unseren Tagen ein Schlagwort, welches mich nicht immer mit Freude erfüllt. Selbstverwirklichung erreicht man meiner Meinung nach nur durch das Einreißen der Schranken, welche unser Ich erst erschuf. Leider sehen viele Mitmenschen den Verhalt genau umgekehrt, die Selbstverwirklichung als Erhöhung des Ichs. Beim Fechten kündigt sich das Erreichen der Idee durch eine unerschütterliche Ruhe beim Fechten an. Bewegungsabläufe scheinen zuweilen in Zeitlupe stattzufinden, obschon es rasend schnell zugeht. Wer sein Ich erhöhen will, der wird den Verhalt aber genau umgekehrt wahrnehmen und immer mehr in Hektik ausbrechen. Das Gute an der Idee ist, daß man tatsächlich niemals satt wird sich an ihr zu nähren. Dies ist der Grund warum fortgeschrittene Kampfkünstler Stunde um Stunde üben können und es ihnen keine Sekunde langweilig vorkommt.

• Die Idee ist die Befreiung von der äußeren Form und die selbsttätige Umsetzung der Inhalte. Deswegen ist die Idee auch so verlockend. Viele Kampfkünstler wollen sich zu früh ausschließlich mit der Idee befassen (was dem modernen Kunstbegriff nahe kommt). Aber lange Jahre des Lernens sind nötig, um erst einmal die Fragen zu verstehen, welche zu den Ideen führen. Die Kampfkünste benötigen ein unteilbares Kleinstes, ein ursächliches Wirkungsglied, welches, mannigfaltig immer wieder auf das Neue zusammengesetzt, auf jede Lage und jeden Umstand eine Antwort findet. Dies geschieht im Augenblick, in Echtzeit. Ein solches ursächliches Wirkungsglied kann als der Grund und der Kern der Fechtkunst bezeichnet werden.

Detail der Sixtinischen Kapelle, Fresko von Michelangelo, Genesis 1-9

 Kampfkunst und Historisches Fechten

• Beim Historischem Fechten mag man die Idee in den Fünf Wörtern finden. Die Fünf Wörter werde ich auf diesen Seiten an anderer Stelle zu besprechen wissen.

• Bei Stahl auf Stahl können wir mit den Kampfübungen den Einstieg in das Erahnen der Idee und im Freifechten die volle Umsetzung der Idee erfahren. Für die Kampfübungen benötigt man aber eine ausreichend belastbare Grundlage durch die äußere Form, denn Kampfübungen sind nicht kooperativ. Der Übungspartner greift mich in den Kampfübungen an, zwar festgelegt, aber durchaus mit der Absicht zu treffen, und ich verfahre desgleichen. Beim Freifechten gibt es, auf die Kampfübungen aufbauend, keine Festlegungen mehr. Für das Freifechten muß daher genug Inhalt verfügbar sein, welchen man dann im „Feuer der Idee“ ausreichend läutern kann, so daß nur noch das Kleinste, das Unteilbare übrig bleibt. Dies mag hohl klingen, doch ist Kampfkunst oft umgekehrtes Wachstum. Es muß recht viel Inhalt da sein, um nur ein wenig Idee als Ergebnis zu bekommen.

►► Frankfurt am Main, 2009, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

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