Historisches Fechten

Historisches Fechten

Was ist Fechten?

◄ Fechten war in früheren Zeiten der Begriff für das Kämpfen an sich (Niederländisch: „vechten“, Englisch: „fight“). Das Wort Fechten ist offenbar altgermanischen Ursprungs („Fextanan“) und leitet sich in seiner heutigen Form aus dem althochdeutschen “Fehtan“ ab (Mittelniederdeutsch: „Vechtan“, Altenglisch: „Feohtan“). Damit leitet sich das Wort Fechten ganz allgemein vom Kämpfen ab.

• Ich verwende das Wort Fechten, mit dem Wort Kunst verknüpft, in seiner sinngemäßen Erweiterung als eine Benennung für die Kampfkunst als Ganzes. Dies stellt eine gewisse Differenzierung dar, welche ich aber durchaus auf spätmittelalterliche Quellen stütze, auch wenn ich damit im Gegensatz zum heutigen Kunstbegriff stehe. „HIe hebt sich an meister lichtenawers kunst des fechtens mit deme schwerte czu fusse und czu rosse blos und yn harnuesche / Und vor allen dingen und sachen / soltu merken und wissen / das nuer eyne kunst ist des swertes / (GNM3227a, Blatt 13v).“

• Damit sehe ich die Kampfkunst als einen freien und bewußten Umgang mit der Gewalt. So viel und so wenig. Die Auffassung über die Kampfkunst war früher eine andere als heute, in der alles in Spezialistentum aufgegliedert wird. Kampfkunst generell war früher der Allkampf. Der Bedeutungsinhalt des Begriffs Kampfkunst hat sich jedoch im Laufe der Moderne verlagert und wird heute für eine Vielzahl von Einzeldisziplinen verwendet. Selbst das Wort Kunst wird heute mit verschiedenen Inhalten belegt. Das Wort Kunst kommt als Abstraktum vom Wort Können und bezeichnet im weitesten Sinne jede ausgebildete Tätigkeit, welche auf Wissen, Wahrnehmung und Übung gründet ist. „Dorume tu of dyne synen und betrachte is deste vas / und ube dich dorynne deste mer yn schimpfe / zo gedenkstu ir deste vas in ernste / wen ubunge ist besser wenne kunst / deine ubunge tawg wol ane kunst aber kunst tawg nicht wol ane uebunge (GNM3227a, Blatt 15r)“.

Buckler & Schwert in einer Kampfübung

• Damit umfaßt der Kunstbegriff alle Ergebnisse menschlicher Tätigkeit, sei es Erschaffen oder Erkennen. Kunst ist ein Kulturprodukt und Ausdruck eines schöpferischen oder erkennenden Vorgangs, also Können, Wissen, Fertigkeit, Handwerk und auch Wissenschaft. Alle diese Themengebiete sind tatsächlich Teil der Kampfkunst. Jedoch wurde diese Sichtweite aufgebrochen und die Wissenschaft aus dem Bereich der Kunst herausgelöst. „Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und deren genauer Unterschied selten verstanden wird, man gebraucht oft eins für das andere, und schlägt dann gegen andere Definitionen vor: ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das abgezogene Wissen, Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur That verwendet. Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem (Johann Wolfgang von Goethe)“.

• Nach der Trennung von Kunst und Wissenschaft ereignete sich noch ein zweiter Schnitt: In vormodernen Zeiten stand das Kunstwerk am Ende des schöpferischen oder erkennenden Vorgangs. Nach der Moderne hat man den Begriff Kunst auch auf den schöpferischen Vorgang an sich erweitert. Seit der Aufklärung wurde der Begriff Kunst vor allem auf die Schönen Künste projiziert und die Erbauung der Kunstbetrachtenden in den Vordergrund gestellt. Die Fertigkeiten, das Handwerk und teilweise auch das Wissen wurden aus dem Kunstbegriff entfernt und nunmehr dem Handwerk zugesprochen, so daß zuweilen nur noch von einer Kunst geredet wurde. Es entstand dadurch ein neuer, in seinem Ausdruck dinghaft besetzter Kunstbegriff, der sich vom früheren Verständnis der Kunst immer weiter entfernte (Können). Die Kunst wurde immer mehr zu bloßen Idee, und die Idee damit zum Ideal künstlerischen Selbstbestimmung. Damit wurde es immer schwerer zu bestimmen, was denn Kunst nun ist, und der flüchtige Begriff der Kunst bedurfte des Kritikers. Museen, Kunstgeschichte und philosophische Ästhetik traten auf, um diesen Anspruch zu zementieren.

• Diese immer weiter fortschreitend Differenzierung hat dem Verständnis der Kampfkunst, in seiner Wahrnehmung als Kunst, selbstverständlich sehr geschadet. Das Fechten (Kämpfen) wurde Teil des Kriegshandwerks und später, mit dem Fortschreiten der Wehrtechnik, ein Teil des Sports. Ich möchte das ändern und den Anteil der Kunst an der Kampfkunst wieder verstärkt dem Auge des Betrachters vorstellig werden lassen. Denn das Faszinierende an der Kampfkunst ist ihre Universalität, ihre Allgemeingültigkeit. Dies wird in den uns überlieferten Fechtquellen des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit (oft mit dem kunsthistorischen Begriff „Renaissance“ bezeichnet) immer wieder deutlich gemacht.

• In allem Fechten, einerlei ob mit oder ohne Waffen, konnte ein und dieselbe Fechtlehre angewandt werden. Gefochten wurde mit vielerlei Waffen, welche über Klingen- und Stangen- bis zu Flegelwaffen reichten. Es wurde in Rüstung (Harnischfechten) oder ohne solche gefochten (Bloßfechten), zu Fuß oder vom Pferderücken aus (Roßfechten), waffenlos wurde gerungen. Man könnte sagen, daß im Mittelalter und in der frühen Neuzeit mit fast allem gefochten wurde, was als Waffe tauglich war. Aber es gab auch eine Versportlichung der Kampfkünste, als der Zwang zur lebensrettenden Kampfanwendung mehr und mehr entfiel. Diese prägte sich in der frühen Neuzeit stärker aus als im Spätmittelalter. Der Grund dafür war mit Sicherheit das verstärkte Aufkommen von Feuerwaffen.

• Heute wird im Fechten zumeist der Zweikampf mit oder ohne Waffen behandelt. Dazu gilt es angstfrei an das Fechten herangeführt zu werden, um Spaß am Spiel der Kräfte zu erleben und die eigenen kämpferischen Fähigkeiten ohne einen Zwang zur Gewalttätigkeit zu entdecken. Nur dann kann die Kunst beim Fechten als Kampfkunst wieder im Vordergrund stehen. Das ist natürlich nur möglich, wenn beim Fechten jederzeit die persönliche Sicherheit der Fechter gewährleistet ist. Im Umkehrschluß ist also jeder Fechter für die Unversehrtheit seiner Mitfechter verantwortlich.

• Um es auf den Punkt zu bringen: Fechten ist Kämpfen, die Kunst des Kämpfens ist die Kampfkunst.

Was ist Historisches Fechten?

◄ Die Ausübung und die Pflege der überlieferten alten Kampfkünste wird das Historische Fechten genannt. Das Historische Fechten beruft sich auf die in zahlreichen Fechtbüchern überlieferte Kampfkunst des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die Kampfkünste dieser Epochen hatten sich in besonderer Form entwickelt, und wir haben das Glück, daß von vielen Meistern schriftliche Zeugnisse erhalten sind, welche als Fechtbücher bekannt sind. Besonders viele dieser Zeugnisse sind im deutschsprachigen Raume entstanden. Die heutige Auslegung der historischen Kampfkunst stützt sich auf einen aus ungefähr 60 zum Teil illustrierten Handschriften und 5 Frühdrucken bestehenden Quellenkorpus. Somit verfügen wir über eine große Bandbreite an Lehren, welche in Bild und Schrift niedergelegt wurden.

• Das Historisches Fechten ist in erster Linie seinen Quellen, also den Fechtbüchern, der archäologischen Fundlage und der Waffenkunde verpflichtet. Historische Fechttechniken, früher Stücke oder Spiele genannt, anhand der überlieferten lateinischen oder frühneuhochdeutschen Beschreibungen zu rekonstruieren ist aufwendig und kann sich der historischen Wirklichkeit bloß annähern. Jede rekonstruierte Technik beruht dabei auf den Anweisungen und Vorgaben der jeweiligen Quelle und natürlich auch den Kenntnissen der Auslegenden. Eine Vorbildung in zeitgenössischen Kampfkünsten und ein solide Kenntnis der Biomechanik sind für den Auslegenden unerläßlich. Dieser Vorgang des Auslegens ist durchaus mit Methoden der experimentellen Archäologie vergleichbar. Und es sind selbstverständlich auch Fehler möglich, einerlei wie genau man arbeitet und wieviel Mühe in die Auslegung gesteckt worden ist.

• Es wird also nichts neu erfunden oder erdacht, sondern, soweit möglich, geradewegs nach den Quellen, den Fechtbüchern, gefochten. Oft fühlt es sich wie eine Reevolution an. Oft scheidet sich alles an scheinbaren Kleinigkeiten. Oft muß man seine Auslegung immer wieder in Frage stellen und einen neuen Ansatz durchdenken. Oft macht es aber auch großen Spaß. Diese alten Kampfkünste des Mittelalters und der frühen Neuzeit wieder zum Leben zu erwecken ist der Sinn aller Bemühungen der Historischen Fechter. Der Schwerpunkt von Stahl auf Stahl liegt dabei sind die Fechtbücher des Spätmittelalters.

Was benötige ich für das Historisches Fechten?

◄ Am Anfang ist es völlig statthaft mit Übungsgeräten aus Holz zu üben (vor allem auf Seminaren, wo sich Fremde für einen oder zwei Tage zum Historischen Fechten zusammenfinden), doch finde ich Übungswaffen aus Stahl immer besser, wenn der Fechter es sich zutraut. Ab einem gewissen Fortschritt ist es jedoch unabdingbar mit Stahl zu fechten, denn Holz und Stahl haben völlig unterschiedliche physikalische Eigenschaften. Das macht die Anschaffung einer eigenen Übungswaffe nötig. Dabei muß klar von Fantasy- und Rollenspielausrüstung unterschieden werden. Nur das Ringen kommt gemäß seiner Natur ohne Übungswaffen aus.

Ausrüstung für das Fechten mit Buckler & Schwert

• Ansonsten sind Zeit, Lust, Übungsfleiß und ein gesunder Menschenverstand die Vorraussetzungen für das Historische Fechten. Sind erst ein gewisser fechterischer Sachverstand und eine ausreichende körperliche Leistungsfähigkeit durch das Üben entwickelt, so steht den Kampfübungen und danach dem Freifechten, dem freien Fechten mit Übungswaffen, nichts mehr im Wege. Jedoch machen die Kampfübungen und das Freifechten auch eine Schutzausrüstung zwingend nötig, um die Verletzungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Diese gilt es selbst anzuschaffen. Somit kommen beim Historischen Fechten mit der Zeit durchaus einige Ausgaben auf den Fechter zu, was unbedingt von Anfang an betont werden muß. Jedoch setzen die meisten Freizeitbeschäftigungen irgendeine Form von Gerät voraus, welche der Ausübende sich kaufen sollte.

Welche Lehren des Historisches Fechtens bietet Stahl auf Stahl?

◄ Ich biete bei Stahl auf Stahl drei historische Fechtlehren an, das Ringen, das Fechten mit dem langen Schwerte sowie das Fechten mit Buckler und Schwert, welche für mich als der Grundstein für alle weiteren Fechtlehren wie Degen (Scheibendolch), langes Messer, Rapier, Halbschwert, halbe Stange Hellebarde (Mordaxt) und Langspieß gelten. Selbstverständlich könnte man diese Aufzählung um weitere Fechtlehren erweitern, sie ist keinesfalls vollständig, was die Quellenlage angeht.

• Diese drei Fechtlehren, das Ringen, das Fechten mit Buckler und Schwert sowie Fechten mit dem lange Schwerte nenne ich im Übungsablauf bei Stahl auf Stahl das erste Trivium. Diese drei Lehren werden in der Regel zusammen in einer Übungsstunde unterrichtet. Der Übersicht halber führe ich hier noch einmal die drei Lehren und die zeitliche Gliederung ihrer Quellen auf:

• Ringen (nach Johannes Liechtenauer, Quelle von 1389, Andre Lignitzer und Meister Ott, Quellen von 1452, Hans Talhoffer, Quellen von 1459 und 1467).

• Langes Schwert (nach Johannes Liechtenauer, Quellen von 1389 bis 1460, Hans Talhoffer, Quellen von 1459 und 1467).

• Buckler und Schwert (nach Liutger (Royal Armouries ms. I. 33), Quelle um 1270, und Andre Lignitzer, Quelle von 1452).

►► Frankfurt am Main, 2010, Richard Cole (Stahl auf Stahl)

  • del.icio.us
  • Digg
  • Webnews.de
  • Facebook
  • MisterWong.DE
  • Google Bookmarks
  • Tipd
  • Tumblr
  • Yahoo! Bookmarks
  • Print
  • email
  • Live
  • Diggita
  • LinkedIn
  • Linkter
  • N4G
  • Netvibes
  • Twitter