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Immer mehr Schnittpunkte

General Themes of HF - Themen der Historischen Bewegungskultur.

Immer mehr Schnittpunkte

Beitragvon Richard Cole » Samstag 14. Februar 2015, 10:28

Nachdem ich - erstaunlicher Weise - 2014 "Jingang dao dui/ Thor schlägt mit dem Blitz zu" des Chen Taijis einwandfrei entzifferbar in Joachim Meyers Rapierbuch als waffenloses Ringen gegen Rapier entdeckt habe - in derselben Reihenfolge wie Johannes Liechtenauers Ringen im GNM3227a - stellen sich viele Fragen zur uns bekannten Geschichte der KK.

Alle uns bekannte KK stammt - wahrscheinlich und durch vor allem deutschsprachige Fechtbücher belegbar, von den Russ (Habsburger/ Nowgorod) und deren Reisige, uns bekannt als Tartaren und Kosaken. Von dieser Quelle scheinen deutsche wie chinesische KKs ihre generellen Informationen erhalten zu haben. Japanische und okinawasiche KK ebenfalls.

Der Schlüssel zu dem ganzen Verhalt scheint in "Jingang dao dui" zu liegen.

Klar ist damit durch Meyers Fechtbuch, dass die KK, die Qi Jiguang in seinem Buch "18 Greifen von Jingang" nennt, nicht waffenloses Ringen, sondern waffenloser Abwehrkampf gegen einen Angreifer mit Schwert oder Rapier darstellt. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Jingang Dao Dui haben die Chens (also Chen Changxing) zu Erkennungszeichen des Chen Stils gemacht und, wenn möglich, in alle Formen eingebaut. Es ist aber historisch genauso gut möglich, dass die heutigen Chen Formen auf Yang Luchan zurückgehen (den Chen Changxing die KK-Familienanalen des Chen Klans übergab). Erst Yang Luchans Neffe Yang Chengfu (3. Generation) hat den Yang Stil zu der heutigen vereinfachten Version gemacht - er wurde nie richtig ausgebildet und benötigte Geld (ähnlich wie Yip Man im Ing Un)- Yang Chengfu erst hat "Fasse den Vogel am Schwanz" zum Erkennungszeichen des Yang Stil gemacht.

Also ist Joachim Meyers Ringen im Rapier/ Jingang Dao Dui (und Liechtenauers Ringen) das Erkennungszeichen des heutigen Chen Stils (und des alten Yang Stils der ersten und zweiten Generation bis Yang Chengfu). Zu finden in der ersten und zweiten waffenlose Form, in die Kurzform Dreizack/Speer gegen Dao.

Ich habe schon an anderer Stelle über San Chang Feng geschrieben, den die Yang und Wudang im 19. Jhd zu ihren Begründer gemacht haben - und um wen es sich dabei handelt.

Was aber ist mit den anderen Formen - Da Dao (Glefe), Qiang (Speer) Doppeldao und Jian (Rapier und Dolch)?

Am einfachsten ist es in den Langwaffen zu finden. Hier gibt es im Da Dao im Qiang das Erkennungsstück, die vollständige Drehung (also einen Kreis)/ den Blütentanz.

Cheng Zong You nennt im ersten China Speerhandbuch ("!621") seinen Stil den Yang Birnenblütenstil. Die Birnenblüte ist der Blütentanz und verbirgt das "Geheimnis" des Speerfechtens - wie das Rapierfechtens. Wir im Westen würden es den Krumphau und das Durchwechseln nennen.

Im Doppelsäbel und im Jian gibt es zu Anfang eine ähnliche Anordung, die nicht so leicht zu durchschauen ist.

Beiden wir beim Blütentanz - dem Kreis aus acht Stücken. Es sind also acht Techniken, wie man in den beiden Formen an der Hand abzählen kann. Man kann sie im Band fechten und im Nachreisen - das Nachreisen nennt Meyer den Nachweis der Meisterschaft mit einer Waffe. Also ist es für den Anfänger dienlich den Blütentanz - den Kreis aus acht Stücken. In der Form soll dies möglichst oft wiederholt werden - was mit dem Blütentanz geschieht.

Wo finden wir also diese acht Stücke in der westliche KK - wenn es sich, mit Jingang dao dui - um das Erkennungszeichen des Chen Stils handelt?

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Re: Immer mehr Schnittpunkte

Beitragvon Richard Cole » Samstag 14. Februar 2015, 11:11

Für den westliche Fechter nach deutschsprachigen Quellen ist klar, dass es nicht so viele Generalstücke im Fechten geben kann und das ein gewisses Stück herausragend wichtig ist - so gut wie alle Quellen führen den Zornhau als Erkennungsstück.

Hier das GNM3237a, 23 Recto:

Das ist von deme Czornhawe etc:

DEr dir oberhawet / czornhaw ort deme drewet /
Wirt her is gewar / nym is oben ab / ane vaer /
Pis sterker / weder wint / stich /
siet her is / nym is neder /

Vnd salt auch io schreite~ / eyme czu der rechte~ seiten /
[?] ader iagens [?] begyñen (?So magstu mit gewynne / fechtens ader ringens begynnen)

Hier werden mit dem Zornhau, dem generellen Stück von Liechtenauers langem Schwert und Lecküchners langem Messer (Zorenhau) genau acht Techniken beschrieben, die in vier Paaren zu je zwei Techniken gefochten werden.

Der Nachtrag aus zwei Zeilen ist ein kaum lesbares Fragment des GNM3227a, dass ich vor Jahren entziffert habe. Wichtig an dem Fragment ist, dass es sich um keine Technik, sondern um Umstände handelt.

DEr dir oberhawet / czornhaw ort deme drewet
Wichtig ist: Der Zornhau ist ein rechter Oberhau, so beginnt der Blütentanz. Dem folgt der Oberstich (bei Talhoffer) oder der Unterstich (bei Leichtenauer). Bei Blütentanz folgt nach dem Stich der Abzug - wir wissen wie wichtig ein erfolgreicher Abzug im Fechten ist.

Wirt her is gewar / nym is oben ab / ane vaer
Der Blütentanz geht weiter mit einer Schrittwendung zu einem neuen Gegner - es wird ein weiterer rechter Oberhau gefochten, gefolgt von einem oben Abnehmen - muss ich nicht weiter kommentieren.

Pis sterker / weder wint / stich
Der Blütentanz lässt einen linke Oberhau folgen und eine Oberstich. Dabei geht es einen kurzen Schritt vor - kennen wir alle zu Genüge.

siet her is / nym is neder
Der Blütentanz endet mit einem besonderen Stück, dass aus zwei Hauen, zwei Oberhauen, einem um Kopf, einem zum vorderem rechten Knie des Gegners. Dazu gibt es noch einen Knietritt - die Parallele zu Jingang dao dui ist für jeden Taiji Übenden sofort klar.

Hier kommen wir zum Kernelement des Blütentanzes und Jingang Dao Dui - dem Legen des Gegners - was eben nicht tödliche Gewalt bedeuteten muss, sondern auch Gefangennahme. Wichtig hierfür ist, dass der Gegner dass recht Bein vorne hat.

Vnd salt auch io schreite~ / eyme czu der rechte~ seiten
So magstu mit gewynne / fechtens ader ringens begynnen

Dies ist für das Durchgehen extrem wichtig - als Rechtshänder. Den Knieriegel - den Tritt ins Knie (so wie Gott Jakob ins Knie tritt) kennen wir als einziges Ringen aus Liechtenauers Harnischfechten im GNM3227a. Jeder Roßfechter weiß ebenfalls, dass der Knieriegel die Grundlagentechnik im Roßfechten ist (so wie heute noch im Te in der Roßfechtübung "Kata" Naihanchi oder Tekki gelehrt).

Im Doppelsäbel und im Jian gibt es dieselbe Abfolge - was heute eben in Vergessenheit geraten ist und ich an anderer Stelle besprechen möchte.

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Re: Immer mehr Schnittpunkte

Beitragvon Richard Cole » Samstag 14. Februar 2015, 11:35

Bei Lecküchners langem Messern entspricht dies:

DEr dir oberhawet / czornhaw ort deme drewet /
Zyklus Eins Zorenort (Stück 1-3)

Wirt her is gewar / nym is oben ab / ane vaer /
Zyklus Drei (Stück 6+7)

Pis sterker / weder wint / stich /
Zyklus Zwei (Stück 4+5)

siet her is / nym is neder /
Zyklus Vier (Stück 8-12)

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