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Chronologie der Fechtbücher

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Chronologie der Fechtbücher

Beitragvon jpk » Freitag 7. Juni 2013, 11:28

An verschiedenen Stellen sind Diskussionen immer wieder aufgetaucht, welche die Chronologie der Fechtbücher in Frage stellen. Diese in Fragestellung ist berechtigt aus 2 Gründen:

1. Die Datierungen sind immer ungenau und nur vorläufig.

Wir können für manche Bücher einen Entstehungsprozess von mehr als 10 Jahren annehmen. Nur wenige Bücher wie beispielsweise Talhoffers München von 1467 sind zügig durchgeführte Auftragsarbeiten (und selbst diese sind nur ungefähr auf einen Zeitraum von 2-3 Jahren einzuschränken). Ist in einem Buch ein Datum vorhanden, so kann dies jederzeit während der Entstehung eingetragen worden sein oder danach als Besitzvermerk. Bücher einem Herren gewidmet als Leistungserbringung wurden zumeist bei der Übergabe datiert und mit dem >Wappen< und der Schenkungsdarstellung versehen. Genau wie heute, wurde zu einem Zeitpunkt produziert und dann verkauft. Nicht immer war der Käufer auch der Auftraggeber. D.h. Bücher können einige Jahre herumgetragen worden sein, und dann verkauft und mit dem Verkauf die Widmung eingetragen. Eine Jahreszahl im Sinne eines Besitzvermerks oder Widmung sagt also nur aus, dass das Buch ein Status erreicht hatte, dass es einen gewissen Wert erreicht hat. Für manchen Besitzer mag das schon das fast leere Material gewesen sein, für die meisten Besitzer der Inhalt.

Der Prozess einer sauberen Datierung ist immens aufwändig. Am Beispiel von Ringeck sehen wir, dass die ursprüngliche Datierung von Wierschin, die noch 1985 von Hils übernommen wurde, und welche das Fechtbuch von Ringeck auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts festlegt, sich um 50-100 Jahre vertan hat. Durch die vergleichende Wissenschaft der Wasserzeichen im Juli 2010 konnte das Buch recht „genau“ auf nach 1504-1519 datiert werden und der Ursprung des maßgeblich verwendeten Papiers auf den Ravensburger Raum. Da Papier eigentlich recht „frisch“ verwendet wurde, wissen wir also, dass zwischen 1504 und 1525 das Buch von Ringeck entstanden ist. Ein Zeitraum von 20 Jahren.

Eine andere Methode stellt der Lebenslauf der Person da. Der bisher auf 1443 datierte Talhoffer enthält einen Inhalt von Johannes Hartlieb, den dieser in mehreren Versionen in der ersten Hälfte der 1430er geschrieben hat. Um das abzuschreiben oder eine Abschrift zum späteren Einbinden zu erwerben, in eine so frühen Form, muss Talhoffer eine Gelegenheit gehabt haben. Die hat er insbesonders in den 1430er Jahren, wo er gleichzeitig mit Hartlieb in Salzburg und Wien ist und der Gönner Hartliebs, der Ritter Kuchler, auch in guter Beziehung zu Talhoffer steht. Somit wurde dieser Teil des Buches vermutlich 1434 begonnen. Die Datierungen der Handschrift sind aber 1443 auf Folio 1r und 1448 auf Folio. 18r. Hier haben wir den typischen Fall, dass das Buch über Jahre entstand, oder später erst aus mehreren Einzelteilen zusammen gebunden wurde.
Alle Datierungen, die wir in Fechtbüchern haben sind somit ungenau und mit einer breiten Varianz von mehreren Monaten bis hin zu mehreren Jahrzehnten zu betrachten.

2. Datierungen sind allgemein ungenau
Es existiert eine breite Kritik an der Chronologie der Geschichte. Eine gute Zusammenfassung dazu findet man auf der folgenden Seite: http://de.wikibooks.org/wiki/Kritik_der ... ogiekritik. Diese Kritik ist teilweise schrecklicher Unsinn, enthält aber gute Ansätze und fordert durch den Zwang zum Gegenbeweis immer wieder auf, das Geschichtsbild zu vervollständigen und nicht selten auch zu korrigieren.

Die gelehrte Chronologie ist daher angreifbar, da sie in bestimmten Regionen auf wenigen Einzelfunden beruht und durch die Abschreibung und Nacherzählung der Originale dem absichtlichen (bewusste und motivierte Geschichtsveränderung) oder zufälligen „Stille-Post-Prinzip“ unterliegt. Zusätzlich ist eine große Anzahl von frühen Dokumenten schlicht gefälscht. Dies betrifft auch Realien.

Überregional betrachtet ist eine gewisse Chronologie nur schwerlich anzugreifen. D.h. bestimmte Ereignisse und natürliche Prozesse sind wissenschaftlich haltbar und als Fakt anzusehen. Doch je mehr wir uns in die Vergangenheit bewegen, desto stärker ist die Unschärfe. Die Methoden der Datierung werden ebenfalls unschärfer. D.h. wenn wir uns im späten Mittelalter um Jahrzehnte irren können, so ist die Möglichkeit des Irrtums in der Frühzeit der Geschichte umso größer. Bewegen wir uns Jahrtausende zurück, so ist ein Irrtum von mehreren hundert Jahren möglich.

Erst in den letzten Jahrzehnten reduziert sich der Irrtum. Denn wir haben die Möglichkeiten international das „Wissen“ frei zusammen zu tragen und zu vergleichen. So kann ich als Amateur problemlos die Lebensdaten Talhoffers korrigieren und vervollständigen, die Hils mühevoll zusammentragen musste. Auch kann ich auf Quellen zugreifen, die der Öffentlichkeit verborgen waren (z.B. private Sammlungen oder das Vatikanische Archiv).

Es wird sicherlich noch einige Jahrzehnte dauern, bis wir ein wirklich gutes Geschichtsbild der Renaissance und des Spätmittelalters haben. Noch länger wird es dauern, je weiter wir in die Vergangenheit gehen. Wir leben diesbezüglich in aufregenden Zeiten. Freuen wir uns darauf.

Das Problem der Chronologie
Wenn wir also eine Chronologie der Fechtbücher aufbauen, so wird diese zwangsweise fehlerhaft sein. Bewegen sich die Daten von zwei inhaltlich ähnlichen Fechtbüchern um 10-30 Jahre auseinander, so wird man nur dann sagen können, wer von wem abgeschrieben hat, wenn es darin steht oder wenn man einen entsprechenden Nachweis in den Lebensdaten vorweisen kann. Diesen zu erbringen ist sehr schwer, bis unmöglich.
Eine textliche Analyse ist kaum hilfreich, auch die von Hils mit wissenschaftlichen Methoden erzeugte Analyse kann nur eine Verwandtschaft anzeigen, ist aber kein Nachweis der Reihenfolge.
Hier müssen wir uns damit abfinden, dass wir vermutlich nie stichhaltige Beweise erhalten werden.
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Re: Chronologie der Fechtbücher

Beitragvon Richard Cole » Samstag 8. Juni 2013, 10:26

Schöner Beitrag, Jens.

Ich habe RIngeck schon vor 2007 als viel später eingeordnet und wurde dafür verlacht - ich habe mir nicht die beliebigen Jahreszahlen angesehen, sondern eben den Inhalt.

Das ist unser großer Vorteil als Fechter - wir fechten die Quellen nach und versuchen auszulegen - Germanisten kochen keine Rezepte nach und bauen keine Kriegsmaschinen.

So wurde das 3227a einen Verfasser zugeordnet (Döbringer) - leider hat die Wissenschaftlerin, die dies tat, nicht das entsprechende Blatt ausreichend gründlich gelesen und einen Einschub für eine Überschrift gehalten. Beamte können sich eben jeden Fehler erlauben.

Gerade bei Handschriften, die oft aus Heften zu 8 Blättern bestehen, kann man fast gar nicht sagen, welches Heft zu welcher Zeit beschrieben wurde - und wann welche Hefte zu welchem Buch gebunden wurden. Im 3227a finden sich z.B. einige dutzenden Blätter aus groben Papier und zwei aus Pergament. Was wurde da wann gebunden?

Datierungen in Handschriften, die nur ein mal auftauchen, können zu einem beliebigen Zeitpunkt eingefügt worden sein. Wir können das nicht nachprüfen. Da hilft auch keine C14-Datierung.

Der heutige Wahn einer genauen Datierung entspricht dem psychologisch-politischem Druck, die Vergangenheit linear zu gestalten. Wir können wahrscheinlich aber nur viele parallele Stränge der Geschichte beschreiben.

Es geht hier noch nicht einmal um Chronologie und Chronologiekritik. Chronologie ist immer politisch und theologisch gefärbt - viele Nationen haben sich chronolgische Ahnherren erschaffen, die dann die entsprechenden Staaten völkisch-national gründeten, man denke nur an Frankreich/Gallier, Italien/ Römer, Deutschland/ Germanen, Han/China. Nicht wenige Nationen haben sogar Götter als Gründer, so wie Norwegen Odin ausweisen kann und Japan die Sonnengöttin Amerasu.

So hat Himmler im WK2 eine Expedition in dem Himalaya geschickt, die nach dem Ursprung der Germanen fahndete - weil Richard Wagner annahm, daß die Germanen (Wibelungen) daher stammten. Mussolini wollte das römische Reich neu auflegen. Kaiser Wilhelm hat als Pikelhelme angenommende römische Helme benutzt, Hitler hat seine Standarden mit römischen Adlern gekrönt usw, weil er das in einer Rienzi Aufführung sah.

Wir müssen unsere Quellen kritisch betrachten und vor allem logisch denken.

Die allergrößte Ignoranz ist es andere Meinungen als "Unfug" zu bezeichnen. Das ist eben das Gegnteil von Logik und vor allem Theologie - diese kennt eben die Rechtgläubigen und die Ungläubigen.

Fechtergruß
„Es gibt stets zwei Endpunkte, zwei Gegensätze. Die Kampfkunst ist die Fertigkeit, welche in ihre Mitte fällt.“
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